Das Zins-Dilemma der EZB

16. Mai 2026
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EZB-Präsidentin Christine Lagarde ließ auf der Notenbanksitzung Ende April die Zinsen unverändert. (EZB | Dirk Claus)

Die EZB muss in diesen Tagen einen schmalen Grat bewältigen. Um die Teuerung zu senken, die im April bereits bei drei Prozent im Euroraum lag, müsste sie einerseits die Zinsen erhöhen. Andererseits droht sie mit zu starken Zinsschritten die wirtschaftliche Dynamik abzuwürgen. „Die EZB steht vor dem Zielkonflikt, Inflation zu bekämpfen, ohne die wirtschaftliche Entwicklung übermäßig zu bremsen“, sagt ING-Chefvolkswirt Carsten Brzeski im Gespräch mit Table.Briefings und betont, die Unsicherheit liege vor allem darin, wie stark der Energiepreisschock auf die Konjunktur durchschlägt.

Die Märkte stellen sich daher auf einen vorsichtigen nächsten Zinsschritt ein. Für die kommende Notenbanksitzung am 17. Juni erwarten Experten überwiegend eine Anhebung um 25 Basispunkte, wobei die Terminmärkte eine Wahrscheinlichkeit von über 80 Prozent für eine Zinserhöhung derzeit einpreisen. Bundesbankpräsident Joachim Nagel, zugleich Mitglied im EZB-Rat, machte im Interview mit dem Handelsblatt in dieser Woche deutlich, wie schwierig die Lage ist: „Niemand erhöht gern Zinsen, wenn das Wachstum stark belastet ist.“ Gleichzeitig unterstreicht er die Verpflichtung zur Preisstabilität und stellt klar, dass die Notenbank ihren Kurs konsequent verfolgen wird und ihren Auftrag „ohne Wenn und Aber“ erfüllen wird.

Die Notenbank bemüht sich zugleich, die Markterwartungen zu beruhigen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde vermeidet bewusst den Begriff der Stagflation – eine Phase schwachen Wachstums bei gleichzeitig hoher Inflation – und verweist auf die März-Projektionen. Demnach schwächt sich das Wachstum in der Eurozone ab, die Wirtschaft wächst jedoch weiter. Für 2026 erwartet die EZB ein BIP-Wachstum von 0,9 Prozent. Die Inflation dürfte im Jahresdurchschnitt 2,6 Prozent betragen und damit deutlich über dem Zielwert von 2 Prozent liegen.

Im Kern geht es der EZB vor allem darum, dass Inflationserwartungen und die tatsächlich gemessene Inflation nicht zu stark auseinanderlaufen, erklärt ING-Chefvolkswirt Brzeski. „Die EZB kann die Inflation nicht allein mit Zinserhöhungen von 25 oder 50 Basispunkten eindämmen. Für die Notenbank geht es vor allem darum, die Erwartungen zu stabilisieren. Wenn Inflationserwartungen und tatsächliche Inflation zu stark auseinanderlaufen, verliert die Geldpolitik an Wirksamkeit.“ Laut der letzten EZB-Verbraucherumfrage aus dem März stieg der Median der in den vergangenen zwölf Monaten wahrgenommenen Inflation im März auf 3,5  Prozent nach 3,0  Prozent im Februar.

Die Erfahrungen aus der jüngeren Vergangenheit wirken dabei bis heute nach. Dass die EZB im Jahr 2022 infolge des Energiepreisschocks nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zu spät auf die stark steigenden Preise reagierte, prägt die Debatte im Rat weiterhin. Damals kletterte die Inflationsrate im Oktober 2022 auf 10,6 Prozent. Entscheidend ist jedoch, dass die Ausgangslage heute eine andere ist: Die EZB agierte damals aus einem Umfeld extrem niedriger Zinsen heraus, das Ergebnis der jahrelangen Nullzinspolitik war. Heute liegt der Leitzins bereits bei zwei Prozent. (siehe Grafik).

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Gleichzeitig dürfte der Inflationsdruck auch in diesem Jahr noch nicht vollständig überwunden sein, weil Preisanpassungen zeitverzögert wirken. Unternehmen passen ihre Preise häufig zur Jahresmitte oder zum Jahresende an, wodurch sich die Effekte gestaffelt in den Inflationsdaten niederschlagen. Brzeski geht davon aus, dass sich diese Dynamik noch bis ins erste Quartal 2027 hineinziehen könnte, auch wenn die Inflationsrate seiner Meinung nach bereits Mitte des kommenden Jahres wieder deutlich unter zwei Prozent sinken dürfte.

Zusätzliche Unsicherheiten ergeben sich aus möglichen Zweitrundeneffekten und externen Einflüssen. Lagarde warnte zuletzt ausdrücklich: „Die Risiken für die Inflationsaussichten sind aufwärtsgerichtet“, insbesondere falls Energiepreise stärker oder länger steigen als erwartet. Solche Entwicklungen könnten sich über Kosten, Löhne und Erwartungen verstärken und durch neue Störungen in den globalen Lieferketten zusätzlichen Druck erzeugen.

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Letzte Aktualisierung: 16. Mai 2026