Entscheidet sich an der Zapfsäule die Zukunft unseres Landes?

„Das ist nicht unser Krieg“ – außer an der Zapfsäule. Ernsthaft? Seit Wochen beherrschen die hohen Kraftstoffpreise die öffentliche und die politische Diskussion. Ich bin mir nicht sicher, ob das Strategie oder Ignoranz ist.

MB
25. April 2026

Der Krieg im Iran und die Auswirkungen in der Region bergen die Gefahr, zu ernsthaften gesamtwirtschaftlichen Schäden in Deutschland zu führen. Hierzulande hingegen diskutieren wir (und jetzt auch in dieser Kolumne) weiterhin vor allem über die massiv gestiegenen Kraftstoffpreise – einem sehr kleinen Ausschnitt des Gesamtproblems.

Aber selbst diese mit Scheuklappen geführte Diskussion unterliegt drei zentralen Irrtümern:

  1. Die Kraftstoffkosten seien untragbar hoch geworden.

  2. Die Preise für Benzin und Diesel seien für die Konsumenten dominierend.

  3. Die hohen Preise könne die Politik einfach wegsubventionieren.

Die nominalen Kraftstoffkosten liegen im Bereich historischer Höchststände. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass sich die realen Kosten der (verbrennerbasierten) Automobilität auf demselben Niveau befinden. Über viele Jahre sind die Kraftstoffpreise in etwa im Einklang mit der allgemeinen Preisentwicklung gestiegen.

Gleichzeitig ist der durchschnittliche Verbrauch der Fahrzeugflotte über die Jahre leicht gesunken – wenngleich seit 2002 nur um neun Prozent von 8,1 auf 7,4 Liter je 100 Kilometer. Zusammengenommen kommt man seit vielen Jahren mit preisbereinigt rund acht Euro 100 Kilometer weit (Preisbasis 2020). Aktuell liegen wir bei gut neun Euro. Das ist spürbar, aber nicht extrem viel mehr. Wer es in diesen Wochen mal ausprobiert hat: Es ist ein Leichtes, diesen Euro durch eine angepasste Fahrweise einzusparen. Die Gesamtkosten kann man drücken, indem man auf die eine oder andere Fahrt verzichtet. In den ersten Monaten des Jahres 2026, muss ein Arbeitnehmer im Durchschnitt 35 Minuten arbeiten, um sich 100 Kilometer Autofahren leisten zu können – genauso lange wie vor 15 Jahren.

Die Bedeutung der Ausgaben für Benzin und Diesel für die privaten Haushalte wird in der aktuellen Diskussion massiv überschätzt. Der Anteil der Ausgaben für Kraftstoffe an all ihren Konsumausgaben beträgt nur rund drei Prozent. Das ist ähnlich viel wie für Alkohol und Tabak. Selbst für Vielfahrer bewegt sich die Mehrbelastung bezogen auf den gesamten Konsum im Nachkommabereich. Echte Einschränkungen ergäben sich erst, wenn der Sprit an den Tankstellen teilweise ausgehen sollte. Aber da sind wir (noch) nicht.

Die aktuellen Vorhaben der Bundesregierung, um die Preise an der Tankstelle zu senken, suggerieren, die gestiegenen Kosten ließen sich wegsubventionieren. Das geht leider nicht. Die gestiegenen Preise bedeuten einen realen Einkommenstransfer hin zu den ölexportierenden Ländern. Für Deutschland ist das in Summe ein unabwendbarer Wohlstandsverlust. Punkt. Subventionen bedeuten nur, dass die Kosten innerhalb Deutschlands individuell anders verteilt werden.

Die wirklichen ökonomischen Effekte des Iran-Kriegs liegen jenseits der Zapfsäule und können auch mittelfristig gravierend sein. Das gilt besonders für die privaten Haushalte:

  • Die Herstellung vieler Lebensmittel ist sehr energieintensiv. Hier dürften die Preise steigen. Das belastet das Haushaltsbudget dreimal so stark wie bei Benzin und Diesel.

  • Zieht die Inflation insgesamt an, reduziert das die Realeinkommen und damit die Konsummöglichkeiten in der Breite – also auch für die übrigen 97 Prozent der Konsumausgaben.

  • Die schwache konjunkturelle Erholung könnte nicht nur eine Delle erhalten, sondern zum Erliegen kommen. Dann würden sich auf dem ohnehin angespannten Arbeitsmarkt Beschäftigungschancen und Möglichkeiten für Lohnsteigerungen verringern.

  • Hinzu kommen negative Vermögenseffekte durch die Kursverluste an den Finanzmärkten. Da kommt auch bei kleinen Vermögen schnell mehr zusammen als ein paar Tankfüllungen.

Der Preisanstieg der vergangenen Wochen war sehr dynamisch. Man könnte also leicht auf die Idee kommen, mit kurzfristigen Eingriffen etwas ausrichten zu wollen. Die Wirtschaftspolitik aber sollte die langen Linien im Blick haben – in den Maßnahmen wie in der Analyse.

Michael Böhmer ist Chefvolkswirt und Managing Partner des Forschungs- und Beratungsunternehmens Prognos.

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Letzte Aktualisierung: 25. April 2026