Circular Economy: Wer nicht vorangeht, läuft hinterher

Von Christoph Winterhalter
Auf dem Foto ist Christoph Winterhalter zu sehen: Gespräch über Circular Economy
Christoph Winterhalter ist Vorsitzender des Vorstandes bei DIN

Mit dem European Green Deal und verschiedenen nationalen Vorhaben setzen die EU und ihre Mitgliedstaaten ambitionierte Ziele für den Weg zur Klimaneutralität. Eine wichtige Rolle spielt dabei der Aufbau einer Circular Economy. Zirkuläres Wirtschaften kann die Umwelt schützen und gleichzeitig Europas Wettbewerbsfähigkeit sichern: Allein für die deutsche Wirtschaft wird das Potenzial einer Circular Economy bis 2030 auf bis zu 200 Milliarden Euro geschätzt, so eine Studie der Boston Consulting Group. Damit wir die Ziele des Green Deal und damit die Führung im internationalen Wettbewerb beim Thema Circular Economy erreichen, muss Deutschland in enger Abstimmung mit den anderen europäischen Ländern weiter vorangehen.

Dafür brauchen wir jetzt neue und angepasste technische Regeln. Denn für die Circular Economy sind einheitliche Normen und Standards als Fundament unerlässlich: Sie dienen als gemeinsame Sprache, mit der die verschiedenen Stationen im Kreislauf klar kommunizieren können. Sie verbinden Industrien, die bisher nicht miteinander in Berührung gekommen sind, und ermöglichen so erst neue Geschäftsmodelle. Sie schaffen einheitliche Schnittstellen und klare Anforderungen, außerdem Vertrauen zwischen den Marktakteuren und beim Verbraucher, was wiederum für den Erfolg zirkulärer Angebote entscheidend ist.

Doch diese neuen Regeln entstehen nur, wenn Wirtschaft, Wissenschaft, öffentliche Hand und Zivilgesellschaft sie gemeinsam erarbeiten. Und die Zeit drängt. Nur wenn wir heute mit der Erarbeitung beginnen, können wir die gesteckten Klimaziele in Zukunft erreichen. Das Deutsche Institut für Normung, kurz DIN, stellt als neutrale Netzwerkplattform den runden Tisch dafür.

EU Kommission: Circular Economy Action Plan

Laut dem Circular Economy Action Plan der Europäischen Kommission finden bis zu 80 Prozent der Umweltauswirkungen von Produkten ihren Ursprung in der Designphase. Deshalb wird die Kommission Hersteller in die Pflicht nehmen, ihre Produkte kreislaufgerechter zu gestalten. So plant die Kommission, globale Standards für die Nachhaltigkeit von Produkten zu setzen und Einfluss auf Produktdesign und Wertschöpfungskettenmanagement weltweit zu nehmen.

Zudem überarbeitet sie zurzeit unter anderem die Ökodesign-Richtlinie. Künftig soll sie nicht mehr nur für energieverbrauchsrelevante Produkte gelten, sondern für alle Produkte, die in der EU in Verkehr gebracht werden. Wie die konkreten Anforderungen dann aussehen, wird im Wesentlichen in der europäischen Normung festgelegt werden müssen.

Alle produzierenden Unternehmen sind betroffen

Auch der digitale Produktpass kommt früher oder später. Er hält Produktinformationen digital fest und macht sie nachvollziehbar, einschließlich ihrer Kreislauffähigkeit. In diesem Zusammenhang laufen bereits Normungsarbeiten. Alle produzierenden Unternehmen sind also konkret betroffen und haben ein ganz eigenes Interesse, die relevanten Normen und Standards und damit die Zukunft ihrer Branche proaktiv mitzugestalten. Wer sich heute beim Umbau zur Circular Economy einbringt, wird wirtschaftliche Vorteile daraus ziehen. Wer stillhält, muss sich später Regeln anpassen, die andere geschrieben haben. 

Um die notwendigen Normungsaktivitäten in diesem umfassenden Feld zu strukturieren, strebt DIN gemeinsam mit der Deutschen Kommission Elektrotechnik Elektronik Informationstechnik (DKE) und dem Verein Deutscher Ingenieure (VDI) die Erarbeitung einer Normungsroadmap Circular Economy an. Diese wird uns helfen, proaktiv den Normungsbedarf zu ermitteln und die Erarbeitung von Normen und Standards zielgerichtet anzustoßen sowie entlang der gesamten Wertschöpfung zu steuern und abzustimmen.

Die Roadmap beschreibt zunächst die deutsche Position, die dann über DIN in die europäische und internationale Diskussion und Normungsarbeit eingebracht wird. Der Green Deal und der Aufbau einer Circular Economy sind ein gesamteuropäisches Projekt, bei dem alle mitmachen müssen. Daher mein Appell: Nutzen Sie die Chance und bringen Sie sich ein! So gestalten Sie die Regeln für die zirkuläre Wirtschaft von morgen mit. Damit wir gemeinsam eine Circular Economy aufbauen können – und im internationalen Wettbewerb vorangehen, statt hinterherzulaufen.

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