Mit intermodalem Güterverkehr kann die EU ihre Klimaziele erreichen

Ralf-Charley Schultze
Mit intermodalem Güterverkehr kann die EU ihre Klimaziele erreichen: Zu sehen ist Ralf-Charley Schultze, Präsident  der International Union for Road-Rail Combined Transport (UIRR)
Ralf-Charley Schultze ist Präsident der International Union for Road-Rail Combined Transport (UIRR)

Der kombinierte Haus-Haus-Verkehr über Schienen, Straßen und Wasserwege ist die Zukunft des nachhaltigen gewerblichen Transports in Europa. Durch diese intelligente und nahtlose Verknüpfung der drei klassischen Verkehrsträger lassen sich Treibhausgasemissionen – im Vergleich zu einem vollständigen Langstreckentransport per Lkw – um bis zu 90 Prozent reduzieren und die Energieeffizienz um bis zu 70 Prozent steigern. 

Dank dieser Vorzüge kann der kombinierte Güterverkehr entscheidend dazu beitragen, die ambitionierten Klimaziele der EU zu erreichen und den CO₂-Ausstoß bis 2030 um 55 Prozent zu reduzieren. Ein maßgeblicher Grund: Beim intermodalen Transport müssen die Güter selbst nicht umgeladen werden. Stattdessen wechselt nur die Ladeeinheit (Container, Wechselbrücke oder Sattelauflieger) den Verkehrsträger: zum Beispiel vom Kurzstrecken-LKW auf die klimaschonende Langstrecken-Schienenverbindung und wieder zurück.

Dieses enorme Potenzial des kombinierten Haus-Haus-Güterverkehrs ist kein ferner Zukunftstraum, sondern gelebte Praxis. So existiert zum Beispiel seit dem 12. September 2022 dreimal pro Woche eine mehr als 2000 Kilometer lange durchgehende Schienenverbindung vom intermodalen Terminal Barcelona über Duisburg nach Polen zu den dortigen Umlade-Terminals Poznań beziehungsweise Łódź und wieder zurück.

Schon länger und noch häufiger verkehren die kombinierten Gütertransporte zwischen Luxemburg und dem südfranzösischen Le Boulou (25 Mal pro Woche), Triest (zwölfmal), Lyon (sechsmal), Antwerpen, Kiel und Rostock (dreimal) sowie Valenton (einmal). Dabei ist allein der Güterzug nach Le Boulou bis zu 850 Meter lang und transportiert bis zu 60 Sattelauflieger. Schon heute überqueren fast 90 Prozent der intermodalen Güterzüge mindestens eine Grenze und legen dabei im Schnitt circa 920 Kilometer zurück. Damit ist der kombinierte Verkehr die dominierende Form des grenzüberschreitenden Güterfernverkehrs in Europa. 

Infrastruktur für Schiene verbessern

Ein wichtiger Zeitpunkt, um den intermodalen Güterverkehr entscheidend voranzubringen, sind die derzeit laufenden EU-Verhandlungen zur Überarbeitung der Verordnung über Leitlinien für den Aufbau eines transeuropäischen Verkehrsnetzes (TEN-V). Da sich laut Green Deal der Marktanteil des Schienengüterverkehrs bis 2050 verdoppeln soll, muss die hierfür erforderliche Infrastruktur deutlich besser funktionieren als bisher.

Vor diesem Hintergrund begrüßen wir die Pläne der EU-Kommission, die Eisenbahninfrastruktur entsprechend anzupassen. Geplant sind unter anderem:

  • eine verbindliche Infrastruktur für Zuglängen von 740 Metern,
  • ein größeres Transportgewicht (bis 2000 Tonnen brutto; 22,5 Tonnen Achslast),
  • das Lichtraumprofil P400,
  • eine bessere Pünktlichkeit (90 Prozent der Züge sollen nicht mehr als fünf Minuten Verspätung haben),
  • das Überqueren einer EU-Binnengrenze innerhalb von 15 Minuten
  • und vor allem die Modernisierung der bestehenden intermodalen Umschlagterminals beziehungsweise der Neubau von Terminals zum Ausbau der Kapazitäten.

Um diese Pläne zu verwirklichen, ist es erforderlich, dass die EU-Mitgliedsstaaten und das Europäische Parlament diesen von der Europäischen Kommission geplanten Ausbau der Verkehrsinfrastruktur zugunsten des intermodalen Güterverkehrs unterstützen. Dies war in der Vergangenheit leider nicht immer der Fall.

Obwohl die Verlagerung des Gütertransports von der Straße auf die Schiene schon seit 2001 ein klares politisches Ziel der Europäischen Union ist, stieg seither der Marktanteil des Straßengüterverkehrs auf circa 76 Prozent – etwa die Hälfte davon im Güterfernverkehr. Mit der unerfreulichen Folge, dass das Verkehrssegment seine CO₂-Emissionen – als einziger europäischer Wirtschaftszweig – erhöht hat. Wenn die EU ihre Energie- und Klimaziele erreichen will, muss dieser Trend nicht nur gestoppt, sondern umgekehrt werden. 

„Energiezüge“ sollen bevorzugt werden

Hier könnte sich die EU an einer aktuellen Verordnung der deutschen Bundesregierung orientieren: Die Mitte September veröffentlichte Energiesicherungstransportverordnung (EnSiTrV) räumt Güterzügen, die Kohle, Öl und Flüssiggas transportieren, im Schienenverkehr absoluten Vorrang ein, um mit diesen „Energiezügen“ die Versorgungslücke auszugleichen, die durch den Wegfall des russischen Pipeline-Gases entstanden ist. Auch zahlreiche intermodale Güterzüge sind derzeit in Deutschland als „Energiezüge“ unterwegs, indem sie zum Beispiel verflüssigtes Gas in Tank-Containern befördern. Es wäre daher ein wichtiger Schritt, wenn die EU auch die intermodalen Güterzüge als „Energiezüge“ anerkennen und sie bevorzugt auf dem Gleisnetz verkehren lassen würde.

Fazit: Der kombinierte Haus-Haus-Verkehr ist ein doppelt positiver Einflussfaktor für die Realisierung der EU-Beschlüsse zur Eindämmung der globalen Erwärmung. Er ermöglicht zum einen, Gütertransporte auf energieeffiziente und CO₂-arme Verkehrsmittel zu verlagern und zum anderen, den Verbrauch von Diesel im Güterverkehr und die Logistik deutlich zu verringern. Außerdem entlastet der intermodale Verkehr die überforderten Straßen und ihre Anwohner, er erhöht die Arbeitseffizienz, denn ein Lokführer kann im Fernverkehr bis zu 50 LKW-Fahrer ersetzen. Und der intermodale Verkehr schafft Arbeitsplätze mit einer hohen Wertschöpfung sowie einer angemessenen Work-Life-Balance in jedem Glied der Transportkette.

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