Saubere Energie hat das Wettrennen gewonnen

Von Jules Kortenhorst
Auf dem Foto sieht man Jules Kortenhorst ist CEO des RMI (Rocky Mountain Institute) im Gespräch über Erneuerbare Energien
Jules Kortenhorst ist CEO des RMI (Rocky Mountain Institute).

Seit Jahren haben wir am Rocky Mountain Institute (RMI) argumentiert, dass der Übergang zu sauberer Energie weniger kosten und schneller ablaufen würde als von Regierungen, Unternehmen und vielen Analysten erwartet. In den letzten Jahren hat sich diese Sicht uneingeschränkt bestätigt: Die Kosten für erneuerbare Energien sind konsequent schneller gesunken als erwartet, während ihre Einführung schneller verlaufen ist als prognostiziert – was die Kosten weiter reduziert hat.

Dank dieses Tugendkreises haben die erneuerbaren Energien den Durchbruch geschafft. Und jetzt haben neue Analysen zweier maßgeblicher Forschungsinstitute den Berg von Daten weiter erhöht, die zeigen, dass eine rasche Umstellung auf saubere Energien der kostengünstigste Weg voran ist.

Politiker, Wirtschaftsführer und Finanzinstitute müssen den vielversprechenden Implikationen dieser Entwicklung dringend Rechnung tragen. Angesichts der UN-Klimakonferenz in Glasgow ist es wichtig, dass die weltweiten Regierungen begreifen, dass es beim Erreichen des Erwärmungsziels des Pariser Klima-Abkommens von 1,5 Grad nicht darum geht, Opfer zu bringen; es geht darum, Chancen zu ergreifen. Der Verhandlungsprozess muss neu gefasst werden, sodass es weniger um Lastenteilung geht und mehr um einen lukrativen Wettlauf beim Einsatz saubererer, preiswerterer Energietechnologien.

Man kann nur vermuten, warum die Prognostiker die sinkenden Kosten und das sich beschleunigende Tempo der Einführung erneuerbarer Energien jahrzehntelang unterschätzt haben. Doch die Folgen sind klar: Ihre schlechten Prognosen haben billionenschwere Investitionen in eine Energieinfrastruktur untermauert, die nicht nur teurer ist, sondern auch schädlicher für die Menschheit und alles Leben auf dem Planeten.

Exponentielles Wachstum wie bei früheren technologischen Revolutionen

Dies ist unsere womöglich letzte Chance, ein Jahrzehnt verpasster Chancen auszugleichen. Entweder wir verschwenden auch weiterhin Billionen auf ein System, das dabei ist, uns umzubringen. Oder wir stellen rasch auf die preiswerteren, saubereren und fortschrittlicheren Energielösungen der Zukunft um.

Neue Studien werfen ein Licht darauf, wie eine rasche Umstellung auf saubere Energien funktionieren würde. Im Bericht der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA) The Renewable Spring zeigt Leitautor Kingsmill Bond, dass erneuerbare Energien derselben exponentiellen Wachstumskurve folgen wie frühere technologische Revolutionen und dabei auf vorhersehbaren und hinlänglich bekannten Verlaufsmustern aufbauen.

Entsprechend weist Bond darauf hin, dass die Energiewende weiter Kapital anlocken und eine Eigendynamik entwickeln wird. Doch kann und sollte man diesen Prozess unterstützen, um sicherzustellen, dass er schnellstmöglich abläuft. Politiker, die den Wandel vorantreiben möchten, müssen ein Umfeld schaffen, dass einen optimalen Kapitalfluss unterstützt.

Die derzeitigen Signale aus den Finanzmärkten zeigen, dass wir uns in der ersten Phase einer vorhersehbaren Transformation des Energiesystems befinden, in der sich neue Energiesektoren spektakulär überdurchschnittlich entwickeln und der Fossilbrennstoffsektor eine Herabstufung erlebt. Dies ist der Punkt, an dem kluge Politiker auf den Plan treten können, um den notwendigen institutionellen Rahmen zur Beschleunigung der Energiewende und zur Realisierung des wirtschaftlichen Nutzens der Errichtung lokaler Lieferketten für saubere Energien zu schaffen.

Langsame Einführung käme teurer

Bestätigt werden die Erkenntnisse aus dem IRENA-Bericht durch eine aktuelle Analyse des Institute for New Economic Thinking (INET) an der Oxford Martin School. Diese zeigt, dass eine rasche Umstellung auf saubere Energielösungen Billionen von Dollar einsparen und zugleich die Welt auf Kurs für das Ziel von 1,5 Grad aus dem Pariser Vertrag halten wird. Eine langsamere Einführung wäre finanziell kostspieliger als eine schnellere und hätte deutlich höhere Klimakosten durch vermeidbare Katastrophen und sich verschlechternde Lebensbedingungen zur Folge.

Aufgrund der Kraft des exponentiellen Wachstums ist eine schnellere Umstellung auf erneuerbare Energien ohne Weiteres machbar. Der INET-Bericht aus Oxford stellt fest, dass, wenn sich die exponentiellen Wachstumstrends bei Solar- und Windenergie, Batterien und Wasserstoff-Elektrolyseuren noch ein weiteres Jahrzehnt fortsetzen, die Welt auf bestem Wege ist, innerhalb von 25 Jahren eine netto emissionsfreie Stromerzeugung zu erreichen.

In seiner Reaktion auf die INET-Studie verweist Bill McKibben (350.org) darauf, dass die Kosten für fossile Brennstoffe nicht fallen werden. Zudem würden alle Fortschritte auf der technologischen Lernkurve bei Öl und Gas dadurch aufgewogen, dass die leicht erschließbaren weltweiten Vorkommen bereits ausgebeutet sind. Er warnt deshalb, dass, eben weil Sonne und Wind den Verbrauchern Geld sparen, die Fossilbrennstoffindustrie weiterhin versuchen wird, die Umstellung zu verzögern, um ihre eigenen Verluste zu verringern.

Wir dürfen keine weiteren Verzögerungen zulassen. Es ist im Vorfeld der COP26 unverzichtbar, dass die Regierungen begreifen, dass wir bereits über sauberere, preiswertere, unmittelbar einsatzbereite Energielösungen verfügen. Es geht beim Erreichen des Ziels von 1,5 Grad nicht darum, Opfer zu bringen, sondern darum, Chancen zu ergreifen. Wenn wir jetzt tätig werden, können wir Billionen Dollar sparen und die klimatischen Verheerungen vermeiden, die andernfalls unsere Kinder und Enkel heimsuchen werden.

Aus dem Englischen von Jan Doolan. In Kooperation mit Project Syndicate, 2021.

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