CBAM und ETS-Reform gefährden die Transformation der Stahlbranche

Von Hans Jürgen Kerkhoff
Hans Jürgen Kerkhoff, Geschäftsführer und Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, im Interview über grünen Stahl und die Transformation der Stahlbranche.
Hans Jürgen Kerkhoff ist Geschäftsführer und Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl.

Warum ist die Entscheidung in Brüssel für Deutschland von so großer Bedeutung? Die Stahlindustrie ist in unserem Land mit jährlich bis zu 60 Millionen Tonnen CO2 einer der großen Verursacher von Treibhausgasen. Gleichzeitig haben die Unternehmen sehr konkrete Konzepte (Europe.Table berichtete), wie sie diese Herausforderung zum Wohl aller in den Griff bekommen können. Direktreduktionsanlagen sollen die Hochöfen ersetzen. Wenn grüner Wasserstoff an die Stelle von Koks und Kohle tritt, entsteht bei der Produktion Wasser statt klimaschädlichem CO2. Parallel dazu steigen die Schrott verarbeitenden Elektrostahlwerke auf grünen Strom und grünen Wasserstoff um.

Herstellungskosten für grünen Stahl zunächst hoch

Wenn sich diese Pläne realisieren lassen, wird die Stahlbranche bis zur Jahrhundertmitte eine Industrie sein, deren grüne Produkte sich in der ganzen Vielfalt ihrer Wertschöpfungsketten immer positiver widerspiegeln – vom Elektrofahrzeug bis zu jedem Alltagsprodukt, das grünen Stahl enthalten wird. Schon bis 2030 ist eine deutliche CO2-Reduktion möglich, wenn die politischen Rahmenbedingungen dafür passend gesetzt werden.

Die Unternehmen stehen also in den Startlöchern für ihre Transformation in eine klimaneutrale Zukunft. Klar muss aber auch sein, dass dafür erhebliche Investitionen erforderlich sind, geht es doch letztlich um einen kompletten Umbau der Produktionsanlagen. Die grünen Herstellungsverfahren für Stahl auf Basis von grünem Strom und klimaneutralem Wasserstoff werden zudem zu Beginn deutlich teurer sein als die konventionelle Produktion.

Klimaschutzverträge erforderlich

Instrumente wie Klimaschutzverträge sind erforderlich, um die höheren Kosten für die grüne Produktion auszugleichen und damit den Weg in eine immer CO2-ärmere Stahlproduktion zu ebnen. Durch grüne Leitmärkte müssen Nachfrage sowie Zahlungsbereitschaft auf der Abnehmerseite geschaffen werden, diese können dafür sorgen, dass staatliche Förderung perspektivisch allmählich zurückgefahren werden kann. Die Stahlindustrie hat kein Interesse, zu einem Dauersubventionsempfänger zu werden.

Diese nur langsam konkreter werdenden politischen Rahmenbedingungen auf der nationalen Ebene werden die Transformation jedoch nicht allein in Schwung bringen können. Ganz entscheidend ist die Frage, ob jetzt auch auf der europäischen Ebene Regelungen getroffen werden, mit denen die Unternehmen ihren Weg in eine klimaneutrale Zukunft finden können. Bekommen die Betriebe die nötige Sicherheit, damit sie Investitionen in neue Anlagen tätigen können? Wird es einen Carbon-Leakage-Schutz geben, der insbesondere in dieser Transformationsphase die internationale Wettbewerbsfähigkeit gegenüber billigerem „grauem“ Stahl aus Ländern außerhalb der EU sichert?

Aktuell gibt es dabei viele Fragezeichen. Der Vorschlag des Umweltausschusses im Europäischen Parlament (Europe.Table berichtete) sieht sogar eine noch schnellere Abschmelzung der freien Zuteilung und ihr Auslaufen bereits für 2030 vor, fünf Jahre früher, als es die EU-Kommission vorgesehen hatte. Statt der freien Zuteilung soll ein völlig ungetesteter CO2-Grenzausgleich (Europe.Table berichtete) die Branche vor Carbon Leakage absichern. Exporte bleiben ungeschützt (Europe.Table berichtete) und sind damit im internationalen Wettbewerb massiv benachteiligt.

Freie Zuteilung bleibt unverzichtbar

Solange ein Grenzausgleich nicht ausreichend erprobt und seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt wurde, bleibt die freie Zuteilung unverzichtbar, wenn die Transformation hin zur Klimaneutralität ohne Produktionsverluste gelingen soll. Es geht dabei nicht darum, die bisherigen CO2-intensiven Technologien in die Zukunft fortzuschreiben, sondern darum, die Unternehmen in die Lage zu versetzen, ihre Klimaschutzpläne vor dem Hintergrund des internationalen Wettbewerbs umzusetzen.

Die Umstellung auf eine CO2-arme Stahlproduktion geht nicht von heute auf morgen, sondern erfolgt in Stufen. Die freie Zuteilung hält dabei in der Übergangszeit auch die konventionelle Stahlproduktion wettbewerbsfähig (Europe.Table berichtete). So kann die weitere Transformation gestemmt und die Versorgung mit Stahl gesichert werden. Stahl steht am Anfang vieler Wertschöpfungsketten und ist beispielsweise auch für eine grüne Energieversorgung mit Windrädern, Pipelines und vielem anderen unverzichtbar.

Bis zu 16 Milliarden Euro Mehrkosten

Werden die Empfehlungen des Umweltausschusses oder die vorangegangenen Vorschläge der EU-Kommission Realität, so wird der Stahlindustrie der Weg in die Transformation deutlich erschwert. Nach dem Kommissionsvorschlag würden sich die Mehrkosten auf bis zu 16 Milliarden Euro im Zeitraum von 2026 bis 2030 belaufen, die durch die Vorschläge des Umweltausschusses noch erhöht würden.

Solche Pläne entziehen den Unternehmen wichtige Investitionsspielräume, die sie zur Bewältigung der Transformation brauchen. Dies träfe die Betriebe zu einer Zeit, in der sie milliardenschwere Investitionsentscheidungen beispielsweise über neue Anlagen treffen müssen, mit denen sie in eine CO2-freie Zukunft gehen können.

Die Pläne zur CO2-Bepreisung in Brüssel passen nicht zusammen mit den ambitionierten Transformationspfaden der Stahlunternehmen. Europa darf nicht den Blick für die industriellen Realitäten verlieren. Das Europäische Parlament hat es am Dienstag in der Hand, einen besseren Weg einzuschlagen, als es das „Fit for 55„-Programm bisher vorgibt. Ein klimaneutrales Europa ohne klimaneutrale Industrie wäre die falsche Lösung. Sinnvoller ist es, den Unternehmen in den entscheidenden nächsten Jahren die nötige Luft zu geben, damit sie ihre Transformation bewältigen können.

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