Chip-Industrie: Subventionswettlauf vermeiden

Von Niclas Frederic Poitiers
Design von Chips fördern und bestehende Stärken ausbauen - so Bruegel-Experte Niclas Frederic Poitiers.
Niclas Frederic Poitiers forscht bei der Denkfabrik Bruegel zu europäischer Digital- und Handelspolitik

Das globale Rennen um Computerchips ist schneller geworden, nicht nur wegen der derzeitigen Lieferengpässe. Das hat auch mit der Intensivierung des US-chinesischen Konfliktes zu tun, in dem sich China von seiner Importabhängigkeit von Chips zu befreien sucht, während die USA technologischen Vorsprung als militärische und wirtschaftliche Maxime ansehen. 

Nun möchte auch die EU ihre „Strategische Autonomie“ durch Industriepolitik in der Halbleiterindustrie stärken. Dabei sollte jedoch der Fokus auf den bestehenden Fähigkeiten und dem Chipdesign liegen. Ein teurer Subventionswettlauf um die Chipherstellung mit den USA und Ostasien sollte vermieden werden.

IT-Hardware ist das wichtigste Exportgut Chinas und verantwortlich für 96 Prozent aller chinesischen Hightech Exporte in die USA. Jedoch muss die Volksrepublik die in diesen Geräten verbauten Chips größtenteils importieren. Diese Abhängigkeit haben sich die USA für Wirtschaftssanktionen zunutze gemacht. 

Doch auch die USA haben im Rennen um die Produktion von Chips den Anschluss an Taiwan und Südkorea verloren. Daher hat die Biden-Administration öffentliche Investitionen in die Branche in Höhe von 50 Milliarden Dollar vorgeschlagen. China investiert selbst massiv, um seine Abhängigkeit von Importen zu verringern, jedoch mit beschränktem Erfolg, da es an Know-how und Zugang zu ausländischen Technologien fehlt. 

Jetzt möchte auch die EU durch eine Industrie-Allianz und neue öffentliche Beihilfeprogramme verstärkt in der Branche mitmischen. Ziel der EU-Strategie ist es, öffentliche und private Investitionen in der Größenordnung von 20 bis 30 Milliarden Euro zu mobilisieren. Bis 2030 soll damit der Anteil der EU an der weltweiten Fabrikation von Halbleitern auf 20 Prozent verdoppelt werden. 

Wenig Bedarf an Halbleitern in Europa

Auch wenn die Potenziale und die geostrategische Rolle dieser Industrie unbestritten sind, erweist sich dieses Ziel bei genauerem Hinsehen als unrealistisch. So gibt es in der EU bisher keine Produktion der letzten Generation, und auch die bisher aufgewandten Subventionen sind verglichen mit denen anderer Volkswirtschaften klein. Es scheint daher illusorisch, so den etablierten Playern Marktanteile in der Fabrikation abjagen zu wollen. 

Unklar bleibt auch, wie damit höherrangige Ziele erreicht werden könnten. So wird in der EU-Strategie vor allem die „Strategische Autonomie“ hervorgehoben. Diese sei durch Importabhängigkeit im Halbleiterbereich gefährdet. Jedoch ist der europäische Bedarf an Halbleitern eher gering, und es ist nicht zu erwarten, dass sich substanzielle Anteile der Nachfrage von Ostasien nach Europa verschieben. 

Darüber hinaus ist die Fabrikation von Halbleitern nur ein Fertigungsschritt in der Produktion von Chips. So haben europäische Unternehmen marktbeherrschende Stellungen im Maschinenbau, die USA setzen zur extraterritorialen Durchsetzung ihrer Sanktionen auf in der Produktion benötigte Softwarelizenzen. 

Durch die Komplexität und Spezialisierung der Branche sind Autarkiebestrebungen aller Akteure ohnehin von vorn­he­r­ein zum Scheitern verurteilt. Sorgen vor einer Benachteiligung kann dank der Interdependenzen in der Wertschöpfungskette durch Nutzung bestehender europäischer Stärken begegnet werden. 

Daher sollte sich eine europäische Industriestrategie im Halbleiterbereich nicht primär auf die Chipproduktion fokussieren. Vielmehr sollte sie bestehende Stärken ausbauen und Bereiche mit höheren Erfolgschancen wie dem Design von Chips fördern. Die kürzlich vorgestellte Industrie-Allianz hat das Chipdesign nun auch explizit als Zielbereich hervorgehoben. Ob dieses auch bei der Vergabe von Subventionen berücksichtigt wird oder hier weiterhin vor allem die Ansiedelung von Fabrikationen gefördert werden soll, ist aber noch unklar. 

Grundsätzlich sollte überdacht werden, wie durch weitergehende Europäisierung der Industriepolitik diese effektiver gestaltet werden kann. Die Investitionskontrolle und wichtige Stellschrauben in der Industriepolitik sind nach wie vor nationale Kompetenzen und folgen oft konvergierenden nationalen Prioritäten. Weitergehende Koordinierung würde im strategischen Wettbewerb mit China und im Streben nach größerer strategischer Autonomie gegenüber den USA erhebliche Vorteile bringen. 

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