Deutsch-französische Raffinesse im Mundatwald

Von Claire Stam
Schwarz-weiß Portrait von Claire Stam

Kennen Sie den Mundatwald? Ein gewöhnlicher deutscher Wald, könnte man meinen. Doch er hat eine besondere Geschichte – vor allem ein bestimmter Abschnitt des Waldes, der zum Oberen Mundatwald gehört. Dieses 680 Hektar große Gebiet wird vom französischen Office National des Forêts verwaltet und nach französischem Recht bewirtschaftet.

Der Obere Mundatwald ist insgesamt 40 km² groß und liegt an der deutsch-französischen Grenze, und zwar in der Nähe der elsässischen Stadt Wissembourg. Und hier ist ein kurzer historischer Rückblick absolut notwendig, um diese echte deutsch-französische Leckerei richtig genießen zu können:

Im Mittelalter gehörten der Wald und die Stadt Wissembourg zum Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation. Jahrhunderte später wurde beides durch die Eroberungen Ludwigs XIV. in Frankreich eingegliedert. Noch viel später, im Jahr 1815, verlor Napoleon in Waterloo und Frankreich unterzeichnete mit den Siegern den Zweiten Pariser Frieden, der seine Grenzen beschnitt.

Wald ging an Deutschland, dann wieder an Frankreich

Durch diesen Vertrag blieb Wissembourg in Frankreich, während der Mundatwald zwischen Frankreich und dem Königreich Bayern aufgeteilt wurde. Und genau hier lag das Problem: Wissembourg ist nämlich einer der Haupteigentümer des Oberen Mundatwaldes; und aufgrund der nicht einfachen deutsch-französischen Beziehungen – damals, wohlgemerkt – hatte die Stadt Schwierigkeiten, ihren Wald auf deutscher Seite zu nutzen, vor allem nach dem Ersten Weltkrieg. In dem Wald befinden sich Wasserquellen, die die Stadt Wissembourg versorgen.

Es folgte ein verwirrendes Hin und Her: Die Stadt Wissembourg verlor ihre Rechte an dem Wald auf deutscher Seite. Der französische Staat bekam sie zwischenzeitlich wieder zurück, bevor er sie am 16. Dezember 1937 für 1,35 Millionen Reichsmark an den deutschen Staat verkaufte. Nach 1945 gehörte der Obere Mundatwald zur französischen Besatzungszone. Kurz darauf, im Jahr 1948, diskutierte ein Ausschuss, dem die USA, das Vereinigte Königreich, die Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich angehörten, über die Möglichkeit, die Westgrenzen Deutschlands zu revidieren.

Als Konsequenz erhielt Frankreich schließlich das Waldgebiet zurück.

Aber Vorsicht: Für das Komitee, das diese Berichtigung genehmigte, war sie nur vorläufig. Nur ein Vertrag zwischen dem französischen Staat und dem deutschen Staat – den es zu diesem Zeitpunkt noch nicht gab – konnte diese Angliederung rechtskräftig machen, mit der notwendigen Zustimmung der Amerikaner und Briten. Erledigt wurde dieser Punkt mit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland. Zehn Jahre später begann der Versöhnungsprozess zwischen Franzosen und Deutschen.

Ein originelles Abkommen

In diesem Zusammenhang wurde am 31. Juli 1962 ein Abkommen unterzeichnet, mit dem die BRD die Zugehörigkeit der Fläche des Oberen Mundatwaldes zu Frankreich anerkennt. Aber in der BRD weigerten sich die Abgeordneten des Bundestags, das Abkommen zu ratifizieren. Wem gehörten diese 680 Hektar nun? Weder die Franzosen, die an diesem historisch gewachsenen Wald in Wissembourg festhalten, noch die Deutschen, die nach dem Krieg viele Gebiete verloren haben, schienen bereit zu sein, loszulassen. Erst in den 1980er-Jahren, einer idyllischen Zeit für das „deutsch-französische Paar“, änderte sich die Situation. Auf der Höhe ihrer Flitterwochen versuchten die ehemals besten Feinde tatsächlich, ihre alten Streitereien zu regeln.

Der Fall des Oberen Mundatwaldes kam also auf den Tisch, und es war der damalige französische Außenminister Claude Cheysson, der schließlich vorschlug, die Frage der Souveränität von der Frage des Eigentums zu trennen. Darin liegt die Raffinesse. Am 10. Mai 1984 versprach Frankreich, die Verordnung zur Angliederung der 680 Hektar an Frankreich aufzuheben, und Deutschland verpflichtete sich, das Eigentum Frankreichs an dem Wald samt seiner Rechte an den Wasserquellen und der Jagd anzuerkennen.

In Artikel B des Abkommens heißt es: „Freier Zugang zum Wald und zu den Quellen für das mit ihrer Pflege und Nutzung beauftragte Personal.“ Das bedeutet konkret, dass das Personal des Office National des Forêts, das nach französischem Recht angestellt ist, in Deutschland Holz schlagen und es nach Frankreich bringen kann, und es mit französischer Mehrwertsteuer zu verkaufen.

Darin liegt tatsächlich die Originalität des Abkommens: Franzosen wird erlaubt, deutsches Gebiet zu bewirtschaften. Obwohl der Teil des Waldes zu Deutschland gehört, gilt dort französisches Recht. Ist der Obere Mundatwald damit deutsch oder französisch? Er ist wohl beides – das ist ja das Charmante.

Mehr zum Thema

    What’s cooking in Prague?
    30 Jahre EU-Binnenmarkt: Nach wie vor stark
    Deutschland und Frankreich müssen sich besser abstimmen
    What’s cooking in Strasbourg?