EU-Staaten stellen sich bei Lösung der Energiekrise quer

Von Alberto Vela
Auf dem Foto ist Alberto Vela zu sehen, Kommunikationsbeauftragter für Energie und Klimapolitik beim European Environmental Bureau im Gespräch zu den Themen  Energiearmut Energieeffizienz Gebäude
Alberto Vela ist Kommunikationsbeauftragter für Energie- und Klimapolitik beim European Environmental Bureau, Europas größtem Netzwerk von Umwelt-Bürgerinitiativen.

Steigende Energiepreise sind zu einer der dringendsten Sorgen der Europäer:innen geworden. In einer weiteren Woche mit rekordverdächtigen Energiepreisen trafen sich die 27 EU-Energieminister gestern in Brüssel, um Maßnahmen und Strategien für ein saubereres und widerstandsfähigeres Energiemarktdesign zu erörtern.

Mehr als 50 Millionen Europäer:innen leben derzeit in Energiearmut und müssen sich zwischen der Beheizung ihrer Häuser und der Versorgung mit Lebensmitteln entscheiden. Eine Zahl, die in diesem Winter drastisch ansteigen wird, wenn die Mitgliedstaaten nicht das richtige politische Instrumentarium wählen.

Wenn man das Problem der Energiepreise an der Wurzel packt, besteht kein Zweifel: Der stark auf fossilen Brennstoffen basierende Energiemix der EU und ihre Abhängigkeit von Importen fossiler Brennstoffe auf einem von Spekulation und Volatilität geprägten Weltmarkt ist die Hauptursache für unsere steigenden Energierechnungen. Darüber hinaus werden die Kosten für die Kilowattstunde auf dem EU-Energiemarkt durch die teuersten Energieträger bestimmt: Gas und Kohle.

Trotzdem versuchen einige führende EU-Politiker, den Green Deal und das Fit-for-55-Paket – das bisher noch nicht einmal vereinbart wurde und frühestens in zwei Jahren in Kraft treten wird – für den Preisanstieg verantwortlich zu machen, um EU-Gelder für nicht saubere Energien wie Gas und Kernkraft zu erhalten.

Energieeffiziente Gebäude

Paradoxerweise hat sich der Green Deal als die wirksamste Lösung gegen Energiearmut erwiesen. Und zwar durch Energieeffizienz. Mehr als sieben von zehn europäischen Gebäuden sind nicht energieeffizient, was als Hauptursache für Energiearmut und übermäßigen Verbrauch ausgemacht wurde. Die schlechte Energieeffizienz des Wohnungsbestands macht den Gebäudesektor zum größten Energieverbraucher in der EU und zu einem der größten Verursacher von Treibhausgasemissionen – insgesamt ein Drittel der EU-Emissionen.

Die Mitgliedstaaten waren noch nie in einer besseren Position, dieses Energieproblem anzugehen, da der Green Deal die notwendige Regulierung, Finanzierung und technische Unterstützung bietet, um tiefgreifende Renovierungsprogramme durchzuführen. Wenn sie das Ziel der Renovierungswelle verfolgen, 35 Millionen Haushalte bis 2030 zu renovieren, wird ihr Heizbedarf um 60 Prozent sinken.

Renovierungen von Gebäuden können, wenn sie klimafreundlich sind und ab 2025 ohne Installation von Gaskesseln durchgeführt werden, eine entscheidende Rolle gegen Energiearmut UND für die Erreichung der Pariser Klimaziele spielen. Doch wieder einmal stellen sich die EU-Regierungen gegenüber diesen Energiemaßnahmen taub.

Verbindliche Ziele fehlen

Die Vorschläge der Kommission zur Überarbeitung der Energieeffizienz-Richtlinie (EED) und der Erneuerbare-Energien-Richtlinie (RED) stärken die aktuelle EU-Energiepolitik, indem sie die Ziele für 2030 erhöhen. Sie liegen jedoch immer noch unter dem Niveau, das erreicht werden kann und erforderlich ist, um den Übergang zu einem vollständig dekarbonisierten Energiesystem zu ermöglichen. Um das 1,5-Grad-Ziel zu erreichen, muss die EU bis 2030 einen Erneuerbaren-Anteil von mindestens 50 Prozent und ein Energieeffizienz-Ziel von 45 Prozent festlegen. Denn Energie ist für 75 Prozent der Treibhausgasemissionen in der EU verantwortlich.

Was die erneuerbaren Energien betrifft, sind die vorgeschlagenen verbindlichen Ziele für Heizen und Klimatisieren sowie die Dekarbonisierungspläne auf nationaler Ebene sehr zu begrüßen. Bei der Fernwärme, wo eine Umstellung von fossilen auf erneuerbare Energien dringend erforderlich ist, reicht jedoch ein jährlicher Anstieg der erneuerbaren Energien um 2,1 Prozent nicht aus, um eine vollständige Dekarbonisierung bis 2040 zu erreichen.

Zudem wehren sich die Mitgliedstaaten gegen verbindliche Ziele für den Erneuerbaren-Ausbau und die Energieeffizienz auf nationaler Ebene. Dadurch wird das volle Potenzial dieser Schlüsselinstrumente nicht ausgeschöpft.

Wir sollten uns vor Augen halten, dass die sauberste Energie diejenige ist, die nicht verbraucht wird. Eine rasche Mobilisierung von Energieeinsparungspotenzialen durch beschleunigte Renovierungen, eine Modernisierung industrieller Produktionsprozesse sowie ein rascher Anstieg der Nutzung Erneuerbarer in den Haushalten könnten Europa bis 2040 zur Klimaneutralität führen.

Dieser Standpunkt wurde von einem ursprünglich auf dem EEB META news channel veröffentlichten Artikel übernommen.

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