Jana Puglierin – Europa muss sich wappnen

Jana Puglierin ist Chefin des Berliner ECFR-Büros.
Jana Puglierin ist Chefin des Berliner ECFR-Büros.

Kürzlich war Jana Puglierin beim Podcast Brussels Sprouts zu Gast und tat, was sie häufig tut: einem nicht-deutschen Publikum erklären, was eigentlich mit den Deutschen los ist.

Es ging um den Besuch des Bundeskanzlers in Prag und die Rolle Deutschlands in der EU seit dem Angriff Russlands gegen die Ukraine. Dass Olaf Scholz die tschechische Hauptstadt gewählt hat für seine europapolitische Grundsatzrede, hält Puglierin für einen gekonnten Versuch, verlorenes Vertrauen in Ost- und Mitteleuropa zurückzugewinnen. Sechs Monate nach der angekündigten Zeitenwende ist der Tenor in vielen osteuropäischen Ländern, dass Deutschland nicht geliefert hat. „Berlin wurde den Erwartungen, die in es gesetzt wurde, nicht gerecht“, erklärt die Politikwissenschaftlerin in dem US-amerikanischen Podcast.

Puglierin, Leiterin des Berliner Büros des European Council on Foreign Relations, ist seit Ausbruch des Krieges ein sehr gefragter Interview-Gast. Seit Jahren beschäftigt sie sich mit Außen-, Sicherheits– und Verteidigungspolitik. „Das sind keine Nischenthemen für die Hinterzimmer, sondern sie geht alle etwas an“, sagt sie. Um dafür ein Bewusstsein zu wecken, nimmt die 44-Jährige die Einladungen zu Talkshows, Radiointerviews, Podiumsdiskussionen und Podcasts wahr. Dort versucht sie zu erklären, warum sich Deutschland nicht wegducken kann, wenn es um den Krieg in der Ukraine geht.

Frieden in Europa nicht selbstverständlich

„Ich habe mir lange anhören müssen, wo denn die Bedrohung sei“, sagt Puglierin. Sie ist eine derjenigen, die schon seit langem fordert, dass Deutschland seine Verteidigungsausgaben erhöht und eine schlagkräftige Armee braucht. Die Annahme, dass das Phänomen des Krieges Europa für immer verlassen hat, fand sie schon immer „ahistorisch“. „Dass meine Elterngeneration keinen Krieg erlebt hat, halte ich für einen glücklichen Zufall.“

Der Konflikt mit Russland kann nicht ausgesessen werden, ist sie überzeugt. „Wir müssen es schaffen, die Einheit des Westens zu erhalten, einen Umgang mit Desinformation zu finden und gleichzeitig einen heißen Konflikt mit Russland vermeiden“, fordert sie. Beeindrucken lasse sich Putin jedoch nur durch militärische Stärke, weshalb es im ureigensten Sicherheitsinteresse Deutschlands und der EU sei, wehrfähig zu sein.

Damit macht sie sich nicht nur Freunde – wie auch andere Analysten und Expertinnen, die für Aufrüstung plädieren. Nach einem Talkshow-Auftritt landen häufig Nachrichten in ihrem Mailpostfach, in denen Menschen unter ihrem Klarnamen teilweise seitenlange Beleidigungen oder Beschimpfungen loslassen. Mit ihrer Freundin Claudia Major, Sicherheitsexpertin bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), scherzt sie auf Twitter, irgendwann mal einen Poetry Slam mit den schlimmsten Zuschriften zu veranstalten.

Gesamteuropäische Perspektive

Die Thinktankerin reist häufig und nimmt in ganz Europa und den USA an Veranstaltungen teil. „Ein großer Teil meiner Aufgabe ist, im Ausland zu erklären, wie die Stimmung und die politische Debatte in Deutschland sind.“ Andererseits ist es ihr wichtig, immer wieder die deutsche Brille abzustreifen und mit anderen Sichtweisen konfrontiert zu werden.

Die gesamteuropäische Perspektive einzunehmen, um den größten strategischen Herausforderungen in der Außen- und Sicherheitspolitik zu begegnen, ist auch das Ziel des ECFR. Der Thinktank unterhält sieben Büros in verschiedenen europäischen Hauptstädten und vernetzt Entscheidungsträger, Aktivisten und Multiplikatoren miteinander.

„Deutschland als Akteur in Europa bleibt eine zentrale Frage, weil wir so reich und groß sind und alle auf uns schauen“, sagt Puglierin. Das positive Gefühl von 1989, als Europa plötzlich zusammenwuchs, leite sie auch heute noch an in ihrer Arbeit. Mehr denn je ist sie davon überzeugt, dass die EU zum Erfolg verdammt ist. „Ich wünsche mir, dass die EU aus dieser Erfahrung, dass ein Krieg möglich ist, sich darauf besinnt, was man an ihr hat.“ Ulrike Christl

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