Michael Gahler: „Ein Ausdruck der bevorstehenden Niederlage“

Herr Gahler, was bedeutet die Teilmobilisierung für den Krieg?

Offenbar läuft die „Spezialoperation“ doch nicht nach Plan, sonst würde er nicht eine Teilmobilisierung ausrufen. Er wird die 300.000 Mann nicht zusammenkriegen. Es ist ein Ausdruck der bevorstehenden Niederlage. Wir sollten unsere Kräfte bündeln und die Ukraine weiter mit Waffen unterstützen.

Kann er das Kriegsgeschehen im Osten und Süden der Ukraine damit zugunsten Russlands wenden?

Ich glaube das nicht, weil er die Leute gar nicht auf die Schnelle dorthin bekommen wird. Dafür fehlen die logistischen Möglichkeiten. Aber es wird für die Ukrainer eine Herausforderung sein. Wir müssen unseren Beitrag leisten, dass sie gut bewaffnet sind und sich wehren können.

Wie bewerten Sie die angekündigten Referenden in den besetzten Gebieten?

Diese Referenden sind ein Fake. Putin weiß, dass wir wissen, dass es ein Fake ist, und trotzdem baut er eine Potemkin’sche Fassade der Legitimität. Das ist vollkommen politisch und rechtlich irrelevant für uns. Wir werden das nie anerkennen. Und er weiß das auch.

Und die Anspielung auf Nuklearwaffen?

Das ist klassische Angstmacherei. Alle Fachleute sagen, dass er diese Drohung nicht wahrmachen wird. Das wäre nicht nur eine Eskalation, sondern der Beweis, dass er bei dem Versuch gescheitert ist, seinen Nachbarn zu erobern. Nuklearwaffen dienen der politischen Abschreckung, aber sie sind nicht geeignet, einen Krieg zu beenden.

Haben Sie Angst davor, dass der Krieg auf andere Länder in Europa übergreift?

Das sehe ich nicht. Russland ist dazu gar nicht in der Lage. Wir müssen den Ukrainern helfen, die Russen zurückzudrängen an ihre eigene Grenze. Dann wird es möglich sein, mit Moskau zu diskutieren. Die Ukrainer sind dazu willens und in der Lage. Wir müssen ihnen genug Waffen liefern.

Wann kommen Friedensverhandlungen für Sie infrage?

Wann Russland bereit ist, auf den Status Quo Ante zurückzukehren. Auf jeden Fall auf den Stand vor dem 24. Februar. Dann ist es Sache der Ukrainer zu entscheiden, ob das schon ausreicht, die Russen an den Verhandlungstisch zu zwingen oder ob sie versuchen, auch die Krim oder die besetzten Gebiete Donetsk und Luhansk zurückzuerobern.

Sollte Deutschland ihrer Meinung nach Kampfpanzer liefern?

Es gibt im Westen zwölf oder 13 Länder, die den Leopard 2 haben, insgesamt 2000 Stück. Wenn wir davon 200 gemeinschaftlich an die Ukraine geben, dann ist es kein deutscher Alleingang, sondern eine gemeinsame Aktion, die den Ukrainern hilft, ihre Territorien zurückzuholen. Ich denke, das sollten wir tun.

Würde dies Putin dazu bewegen, weiter zu eskalieren?

Ich glaube, er hat keine Kapazitäten dafür. Der einzige Ausweg ist, dass er sich bereit erklärt, an den Verhandlungstisch zu kommen. Dafür müsste er sagen: Ok, ich akzeptiere die territoriale Souveränität der Ukraine.

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