Sanktionen in Russland: „Bisher ist doch nichts passiert!“

„Aber bisher ist doch noch nichts passiert!“, antwortete der Pressesprecher des russischen Präsidenten Dmitri Peskow bei seinem werktäglichen Pressebriefing am Montag auf die Frage, ob Maßnahmen zur Unterstützung der Bürger und der Wirtschaft geplant seien. Kurz zuvor hatte die EU die angekündigten schwerwiegenden Sanktionen gegen die russische Zentralbank in Kraft gesetzt.

Die russische Notenbank hat daraufhin mit einer massiven Zinsanhebung versucht, den Rubel-Absturz zu mildern. Der Leitzins stieg von 9,5 auf 20 Prozent. Heimische Unternehmen sollen zudem 80 Prozent ihrer Deviseneinnahmen verkaufen, verkündeten Zentralbank und Finanzministerium. Geholfen hat es nicht. Der Dollar stieg am Montagmorgen zeitweise um fast 42 Prozent auf ein historisches Rekordhoch von 119 Rubel. Am Freitag musste man noch rund 84 Rubel für einen Dollar zahlen. Die russische Zentralbank kündigte außerdem an, dass die Moskauer Börse „aufgrund der aktuellen Situation“ am Montag nicht öffnen wird. Auch der Derivatemarkt blieb geschlossen.

Sanktionen gegen Russland angeblich keine großen Auswirkungen

Doch die Sanktionen hätten zunächst keine großen Auswirkungen für das tägliche Leben der Bürger:innen in Russland. Das schreibt etwa die Zeitung „Komsomolskaja Pravda“ in einem Artikel zu den wichtigsten Fragen im Zusammenhang mit westlichen Sanktionen. „Unser Land ist nun schon seit mehreren Jahren durch diese Sanktionen eingeschüchtert worden“, so der Autor. In dieser Zeit sei es gelungen, eine Alternative zur internationalen Finanzinfrastruktur zu schaffen: nämlich das Mir-Zahlungssystem (als Ersatz für VISA und MasterCard), das Financial Messaging System (als Ersatz für SWIFT) und das Speedy Payment System (als Ersatz für Einzelhandelstransaktionen durch Telefonüberweisungen).

„Die Abkopplung unseres Landes von SWIFT und VISA/MasterCard werden keinerlei Auswirkungen auf die inländischen Transaktionen haben“, heißt es weiter. „Sie können Geld von Ihrer Karte abheben, in Geschäften bezahlen und Geld an andere Personen überweisen.“

Impulsivität und Panik seien fehl am Platz, betonte Evgenia Lazareva, Leiterin des Projekts „Für die Rechte der Kreditnehmer“ der Allrussischen Volksfront (ONF) in der Zeitung „Izwestija“. Das russische Finanz- und Wirtschaftssystem sei autark. Das Jahr 2014 habe gezeigt, dass die Wechselkurse und Aktien wieder erstarken und die Versuche, Devisen aufzukaufen und der Panik nachzugeben, schadeten. Voreilige Entscheidungen können dazu führen, dass jemand eine Währung zu einem überhöhten Kurs kauft, was in der Zukunft zu einigen Verlusten führen wird, warnte FG-Finam-Analyst Andrey Maslov.

Industrieausrüstung vs. Verbrauchsgüter

Andere Experten erwarten jedoch durchaus große Auswirkungen der Sanktionen auf die Verbraucher:innen in Russland. Wenn die russischen Banken von SWIFT abgekoppelt werden, müsse man sich zwischen Ausrüstung für die Ölförderung oder Waren für die Menschen entscheiden, heißt es in einem Artikel der kremlkritischen Zeitung „Novaja Gazeta“.

Die Unternehmen würden Prioritäten setzen müssen – „grob gesagt, entscheiden, was wichtiger ist: Transaktionen für den Kauf von Industrieanlagen für die russische Industrie und Erdölförderung oder die Bezahlung von Containern mit Damenstiefeln und Kinderspielzeug“, heißt es weiter. Es sei absehbar, dass sich die Unternehmen für die Industrieanlagen entscheiden würden. Für andere Produkte bedeute das: weniger Vielfalt, höhere Preise, auch wenn die Waren im Inland produziert werden, lautet seine Prognose.

Überhaupt scheint das Einfrieren der Zentralbankreserven höhere Wellen zu schlagen als die Abkopplung Russlands von SWIFT (Europe.Table berichtete). Die russische Regierung sei davon überrascht worden, behauptet der renommierte russische Wirtschaftswissenschaftler Sergei Guriev, bis 2019 Chefökonom der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung, in einem Interview mit dem unabhängigen russischsprachigen Online-Portal „Meduza“.

Doch die Entscheidung zu SWIFT sei dennoch ein wichtiges symbolisches Zeichen gewesen. „Obwohl aus meiner Sicht die Sanktionen gegen die Zentralbank viel schmerzhafter sind als die Abschaltung von SWIFT, zeigt die Abschaltung selbst, dass das, was gestern noch als zu beängstigend galt, jetzt diskutiert und umgesetzt wird“, sagte er.

Müssen Russen ihre Devisen abgeben?

Die Situation ist seiner Einschätzung nach ernster als 2014 nach der Krim-Annexion. Damals habe es Reserven gegeben und die Zentralbank habe gewusst, was sie tun konnte und was nicht. Zwar seien die Ölpreise heute hoch, es sei aber nicht klar, ob die russischen Ölexporteure in der Lage sein werden, dieses Öl zu verkaufen und die Dollar, die sie dafür bekommen, nach Russland zu transferieren. Es ist für Guriev ein realistisches Szenario, dass Russen ihre Dollar-Ersparnisse zwangsweise zu dem von der Regierung festgelegten Kurs in Rubel umtauschen müssen.

Davor haben einige Russen offenbar Angst. In den westlichen Medien und in den sozialen Netzwerken mehren sich die Berichte über leere Bankomaten und vergebliche Versuche der Menschen, Fremdwährungen wie Dollar und Euro abzuheben. Russischen Massenmedien beschwichtigen jedoch. Russische Banken hätten zwar eine erhöhte Nachfrage der Bevölkerung nach Devisengeschäften festgestellt, gaben die Pressedienste der Kreditinstitute auf Nachfrage der russischen Nachrichtenagentur TASS zu. Nach den Statistiken der Standard-Bank etwa ist die Gesamtzahl der Bargeldtransaktionen in den vergangenen Tagen im Vergleich zur Vorwoche um 41 Prozent gestiegen. Die Devisenvorräte würden aber ausreichen, um den Währungsumtausch wie gewohnt zu ermöglichen.

Mehr zum Thema

    Scholz und die EU: Solidarisch marschieren
    Technologiesanktionen: Große Lücken im Netz
    E-Fuels: Macht von der Leyen Druck auf Timmermans?
    Tschechischer Europaminister Bek: „Gas-Notfallplan ist nicht die finale Lösung“