Themenschwerpunkte


Nachhaltiges Wirtschaften als neues Normal

Von Yvonne Zwick
Yvonne Zwick, Vorsitzende B.A.U.M. e.V.

Vieles ist anders seit Beginn der Pandemie, seit Beginn des Ukraine-Kriegs, seit Beginn des post-fossilen Zeitalters… Moment, was? Ja, genau: des post-fossilen Zeitalters, das viele Menschen nicht wahrhaben wollen, weil sie in ein „Drill, drill, drill!“ einstimmen, während einige Wenige sich die Taschen vollschaufeln. Dieselben, die weghören, wenn Menschen in den vulnerabelsten Weltregionen, die am meisten unter den Folgen des Klimawandels leiden und am häufigsten ausbeuterischen Strukturen ausgeliefert sind, sagen: „Bitte kauft uns die fossilen Energieträger nicht ab“. Die Abweichung vom Normal ist die Nachhaltigkeit. Das merken wir, wenn unsere Politik und Wirtschaft immer und immer wieder zurückfedert und wieder und wieder Technologien stärkt und Beschaffung praktiziert, die jene problematischen Strukturen geschaffen hat – statt sie mit grundlegend neuer Praxis wirklich zu lösen. 

Wie entfesseln wir Innovation? Wie mobilisieren wir die wirtschaftlichen Kräfte zum Guten und setzen regulatorische Leitplanken so, dass sie unternehmerische Freiheiten erhalten und gesellschaftlich nützliche Lösungen ermöglichen? 

Steuerliche Anreize statt Subventionen

Arbeitsthese: Wir brauchen einen neuen Tunnelblick. Raus aus den Subventionen und rein in die steuerlichen Anreize. Ins Cap & Trade von Emissionszertifikaten und da, wo es sie nicht gibt; in die Schattenbilanzierung ökologischer und gesellschaftlicher Schäden, für die Rückstellungen gemacht werden müssen, um auf etwaige Schadensklagen vorbereitet zu sein. Geübt wurde das ja schon am deutschen Klimaschutzgesetz. Die Gerichte werden in der Wahrheitsfindung eine Rolle spielen. Besser wäre es jedoch, wenn wir Berichte von Institutionen wie dem Bundesrechnungshof lesen und verstehen, warum jener dem Bund ineffektive und unkoordinierte Klimapolitik attestiert. 

Während 16 Milliarden Euro im Jahr 2021 einen positiven Bezug zu den deutschen Umwelt- und Klimazielen leisten, stehen dieser Summe 65 Milliarden Euro umweltschädlicher Subventionen im Jahr 2018 entgegen (Quelle: Umweltbundesamt). Das ist der staatlich organisierte Rebound-Effekt. Er generiert Fehlanreize und provoziert Uneindeutigkeiten. Deshalb: neuer Tunnelblick. 

Was ist das Ziel nachhaltigen Wirtschaftens? Nachhaltig wirtschaften wir dann, wenn wir regenerativ mit allen verfügbaren Ressourcen umgehen, seien es menschliche, ökologische oder wirtschaftliche. Regenerativ heißt: mehr Nutzen stiften, als Schaden zu verursachen. Wenn unser Wirtschaften konsequent zu Ende gedacht und an jeden Ort, in jede Zeit übertragbar ist. Die wirklich nachhaltige Wirtschaftsweise gilt es erst noch zu erfinden. 

Unverwirklichte Ideen mit Potenzial nutzen

Im Kleinen gibt es sie schon und gab es viele guten Ideen, die ein Comeback verdienen. Ob das Solar Valley in Sachsen-Anhalt, Kampagnen wie „Solar, na klar!“ auf sämtlichen Flachdächern inklusive des Abbaus regulatorischer Hürden für den Fall, Wettbewerbe – wer baut das smarteste Smart Grid für resiliente regionale Wirtschaftsstrukturen in Gegenden höchster Lebensqualität? Welche Technologien gibt es, die eine Wirtschaft mit zirkulärer Wertschöpfung und umweltpositiven Bilanzen aufweisen? Schauen wir sie uns doch an, die öko-bewegten Innovatoren, die eine Hydrothermale Karbonisierung oder ähnliche Technologien entwickelt haben, die bei keinem Innovationswettbewerb einen Stich machen – eben weil es sie schon so lange gibt? Woran liegt es, dass sich manche Dinge nicht durchsetzen? Ist es der Markt, die Nachfrage allein?

Regulierung muss als „Enabling Regulation“ komplett neu gedacht werden. Raus aus den Details und technologischen Festlegungen in Bundesprogrammen und rein in die Zielformulierung, aus der sich die Wirkungsindikatoren ableiten lassen, anhand derer die nachhaltigen Wirtschaftsaktivitäten qualifiziert werden können. Die EU-Taxonomie hat hier einen wichtigen Anfang gemacht. Es ist ausdrücklich erlaubt, die Taxonomie in ihrer anspruchsvollsten Form umzusetzen. 

Neue politische Leitplanken für Unternehmen gefragt

Transformationstechnologien wie Gas und Atom dürfen den Übergang zum nachhaltigen Wirtschaften moderieren. Dieser Übergang ist kein Rastplatz, sondern Schleudersitz mit Zeitschaltuhr. Es ist konsequent, diese Transition ordnungspolitisch zu moderieren – und das tut die EU mit stoischer Ruhe seit der letzten Finanz- und Wirtschaftskrise 2008, die nach der konsequenten Unterbewertung von Kreditrisiken ganze Volkswirtschaften an den Rand ihrer Funktionsfähigkeit gebracht haben. Gerettet hat sie: Solidarität in Europa. Griechenland steht seit diesem Frühjahr wieder auf eigenen Beinen. Wir brauchen mehr davon, auch ohne im akuten Krisenmodus zu sein. Ob wir es schon sind oder die Krise erst noch kommt, darüber lässt sich trefflich streiten.

Die unsichtbare Hand des Marktes versagt auch in der Chancen- und Risikobewertung, wenn es um die Entwicklung von Märkten für nachhaltige Güter und Dienstleistungen geht. Nach der Kapitalmarktunion brauchen wir die Europäische Energie-Union und ein Europäisches Wirtschaftsmodell. Jeremy Rifkin beschrieb 2004 den Europäischen Traum. Die Zeit, diesen Traum umzusetzen, ist jetzt: Die aktuelle Regierungskoalition bietet die große Chance, Rahmenbedingungen für eine sozial-ökologische Marktwirtschaft zu setzen. Die Leitplanken für unternehmerische Freiheit werden neu verhandelt. An ihnen orientieren sich Innovation und Lösungssuche.

Die politische Vision des EU Green Deal, der umweltfreundlichste, wettbewerbsfähigste und inklusivste Wirtschaftsraum der Welt zu werden, lohnt jede Anstrengung und fördert den Wohlstand in regionalen Wertschöpfungsnetzwerken weltweit. Nie waren wir der Verwirklichung des Europäischen Traums näher, wenn Offenlegungsverordnungen für Finanzmarktakteure erzieherischen Charakter entfalten, wenn die Ausweitung von Berichtspflichten an Unternehmen die Lieferketten integrieren und wenn die Wahrnehmung von Sorgfaltspflichten in komplexe Strukturen münden. Dabei gilt es, die Marktanreize auch für die Beschaffung der öffentlichen Hand zu schaffen, um nachhaltiges Wirtschaften zu belohnen. Das wird dann auch die letzten Nachzügler unternehmerisch überzeugen – und dann heißt es: Nachhaltigkeit wird gemacht, koste es, was es wolle!

Yvonne Zwick ist seit 2021 Vorsitzende des Bundesdeutschen Arbeitskreises für Umweltbewusstes Management (B.A.U.M. e.V.). Die Theologin ist Expertin für Governance von Nachhaltigkeit, Berichterstattung und nachhaltiges Wirtschaften. Vor ihrem Engagement bei B.A.U.M. e.V. arbeitete sie 16 Jahre beim Rat für nachhaltige Entwicklung, erst als wissenschaftliche Referentin, dann als stellvertretende Generalsekretärin. Die letzten vier Jahre leitete sie zudem das Büro Deutscher Nachhaltigkeitskodex.

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