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Economy Meets Evolution: Deep Change or Slow Death!

Von Johannes Vogel
Johannes Vogel ist Biodiversitätsforscher und Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin.
Johannes Vogel ist Biodiversitätsforscher und Generaldirektor des Museums für Naturkunde Berlin.

Wenn wir den Schwund der Artenvielfalt stoppen wollen, müssen wir weg vom gerade in Deutschland so geliebten ‚weiter so‘. Ein ‚weiter so‘ ist das langsame Dahinsiechen – tiefe Veränderung für und mit uns allen sind gefragt. Deshalb forderte ein Bündnis deutscher Wissenschafts- und Nichtregierungsorganisationen, vor einer Woche in der Frankfurter Erklärung, „das Wirtschaften gegen die Natur zu beenden„. Dieses Bündnis, in dem sich u.a. auch alle drei naturforschenden Museen der Leibniz Gemeinschaft finden, hat sich zum Ziel gesetzt, die nötigen Voraussetzungen für ein naturpositives Unternehmenshandeln zu schaffen.

Dazu zählen auch biodiversitätsfreundliche Anreize. Denn es ist ökonomisch doch vollkommen unsinnig, dass wir weltweit nur rund 143 Milliarden US-Dollar jährlich in den Erhalt der biologischen Vielfalt investieren – und dass gleichzeitig private Investitionen in Höhe von 2.600 Milliarden US-Dollar und öffentliche Subventionen von 500 Milliarden US-Dollar unsere Lebensgrundlagen schädigen oder gar vernichten.

Ökosysteme verschwinden vor unseren Augen

Die Menschheit verliert gerade ihren selbstmörderischen Krieg gegen die Natur. Eine Million Arten sind vom Aussterben bedroht. Ökosysteme verschwinden vor unseren Augen. Wüsten breiten sich aus. Feuchtgebiete gehen verloren. Jedes Jahr verlieren wir zehn Millionen Hektar Wald. Die Ozeane sind überfischt – und ersticken in Plastikmüll. Das Kohlendioxid, das sie aufnehmen, lässt die Meere versauern. Korallenriffe sind gebleicht und sterben ab. Die Luft- und Wasserverschmutzung fordert jährlich neun Millionen Todesopfer – mehr als das Sechsfache der derzeitigen Pandemie. Und da Menschen und Viehbestände immer weiter in die Lebensräume von Tieren eindringen und wilde Gebiete zerstören, könnten vermehrt Viren und andere Krankheitserreger vom Tier auf den Menschen übergehen. Wir sollten nicht vergessen, dass 75 Prozent der neuen und neu auftretenden Infektionskrankheiten beim Menschen zoonotisch sind.

Mit diesen Worten eröffnete UN-Generalsekretär António Guterres 2020 seine Rede über den Zustand unserer Erde. Sie haben nichts an Aktualität verloren. Sie beschreiben – und das kann einen schon verzweifeln lassen – treffend die Situation, die zu lösen die Verhandelnden der 15. Vertragsstaatenkonferenz aufgerufen sind, wenn sie ab heute in Montreal konferieren.

Was also hält uns davon ab, die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN zu verwirklichen? Wir wissen längst, es ist unsere Art zu leben und zu wirtschaften. Wir vernichten unwiederbringlich und ständig gewaltige Ressourcen, beschleunigen den Klimawandel, das Artensterben und verhindern globale Gerechtigkeit. Wenn wir, insbesondere auf der nördlichen Halbkugel, so weitermachen wie bisher, zerstören wir die Grundlagen unseres Lebens. Die Pandemie hat uns gezeigt, wie verletzlich unsere Zivilisation, unsere Art zu leben, ist und schon immer war. Ein kleines, unsichtbares Virus reicht aus, um sicher geglaubte Wahrheiten hinwegzufegen und angeblich „stabile“ Ökonomien und Demokratien schwer zu beschädigen.

Vom Wissen zum Handeln

Wir haben das Wissen, wir haben die wirtschaftlichen Möglichkeiten und Technologien, um den Wandel zu gestalten. Hindernisse sind vielmehr struktureller, sozialer, kultureller und politischer Natur. Wir wissen längst mehr als genug, um auszusteigen aus dieser selbstmörderischen Lebensweise und eine Transformation für eine biodiversitätsfreundliche und klimaverträgliche Zivilisation zu wagen, um gemeinsam global eine lebenserhaltende Zivilisation aufzubauen.

Der zentrale Hebel ist, dass wir all unser Handeln so gestalten, innerhalb der Planetaren Grenzen zu wirtschaften und zu konsumieren. Es muss Schluss sein damit, dass wir Produzieren um des Produzieren Willens, dass wir Konsumieren um des Konsumieren Willens. Es wird Zeit, dass wir lernen: Wir sind als Menschen elementar von einer gesunden Natur abhängig. Ohne sie können wir nicht leben – weder körperlich noch geistig oder spirituell. Ohne eine reiche und funktionierende Natur ist unser Heimatplanet für uns unbewohnbar.

Deshalb sind die Anstrengungen so wertvoll, in den planetaren Grenzen zu wirtschaften, nicht mehr zu verbrauchen, als die Natur uns schenkt.

Damit die Anstrengungen gelingen, müssen die gewaltigen Schäden, die Zerstörung monetär bewertet und von den volkswirtschaftlichen Gesamtrechnungen erfasst werden – und zwar auch die Schäden, die beispielsweise durch unsere Unternehmen in anderen Ländern auftreten. Die Debatte auf der gerade erst abgeschlossenen Weltklimakonferenz um den „Loss and Damage Fund“ hat diese Zusammenhänge einmal mehr aufgezeigt. Wir brauchen dafür eine Wissenschaft, die diese Zusammenhänge in praktische Lösungsvorschläge übersetzt. Alle Akteure, Wirtschaft, Politik und Wissenschaft müssen sich neu orientieren und es muss um demokratische Mehrheiten für diesen tiefen Wandel gerungen werden.

Finanzwirtschaft muss vorangehen

Ich begrüße ausdrücklich, dass viele Unternehmen sich auf den Weg in eine nachhaltige und gerechtere Zukunft gemacht haben. Was wir jetzt brauchen, ist eine entschlossene Initiative dieser Unternehmen auf der Weltvertragsstaatenkonferenz in Montreal, um klug und zügig umzusteuern. Es geht.

Als Anfang der 1970er-Jahre die ersten Bioläden eröffneten, da galt das als elitär, nicht bezahlbar, ja unsinnig. Heute gibt es Biosupermärkte ebenso wie Bioprodukte bei den Discountern – wobei aktuell die Inflation vielen Menschen auch in diesem Land den Kauf von diesen in vielerlei Hinsicht wertvollen Lebensmitteln zumindest erschwert. Dennoch ist das eine Erfolgsgeschichte, die sich hunderttausendfach wiederholen kann.

Jedes Unternehmen und insbesondere die Finanzwirtschaft ist jetzt gefragt. Schauen Sie sich Ihre Investitionen, Ziele und Visionen an und überlegen Sie, wie sie mit dem Schutz der natürlichen Welt in Einklang gebracht werden können. Und dann fordern Sie Ihre enorm talentierten Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen heraus, Lösungen zu finden, um Ihre Geschäftsziele mit dem Schutz der Natur in Einklang zu bringen. Natürlich kann nicht vorgeschrieben werden, welche Art von Ansatz zu wählen wäre, denn er muss auf die Unternehmen und deren Mitarbeitenden zugeschnitten sein. Aber, es muss jetzt das kreative Denken in der Wirtschaft freigesetzt werden; sie muss Teil von Allianzen werden und Geschäftsmodelle überdenken.

Wirtschaften und Konsumieren in Planetaren Grenzen wird nur dann zur Erfolgsgeschichte werden, wenn Menschen der unterschiedlichsten Herkünfte und Wissenskulturen diesen Weg lokal, regional und global respektvoll gemeinsam gestalten. Wir müssen voneinander lernen – das hochentwickelte Umweltwissen, ökonomisches Know-how sowie die Praktiken der Indigenen Völker und lokalen Gemeinschaften sind für ein gutes Leben für alle Menschen auf unserem Heimatplaneten unverzichtbar.

Wie erfolgreich der Weltnaturgipfel sein wird, hängt auch davon ab, ob diese verschiedenen Perspektiven und verschiedenartiges Wissen von den Verhandelnden gehört wird. Auch der Bericht, den der Weltbiodiversitätsrat vor zwei Jahren vorgelegt hat, unterstreicht das ausdrücklich.

In der Dichotomie von Deep change or slow death haben wir nur eine Wahl – packen wir es an!

Der Botaniker Johannes Vogel ist Generaldirektor des Museums für Naturkunde, Professor für Biodiversität und Public Science an der Humboldt-Universität sowie Mitglied der Leibnitz-Sozietät der Wissenschaften in Berlin.

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