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Sich durchreiben

蹭 - cèng -
蹭 – cèng – „sich durchreiben“

Seien wir doch mal ehrlich: Haben wir uns nicht alle schon mal am Gekochten anderer gerieben? Oder vielleicht an fremder Karosserie geschubbert? Nein? An kostenlosem Internet haben Sie sich aber bestimmt schon mal gescheuert, möchte ich wetten!

Wer sich jetzt verdutzt die Augen reibt, hat dennoch richtig gehört. 蹭 cèng „reiben, scheuern“ ist im Chinesischen nämlich ein Allrounder-Ausdruck für alles, was mit Mitnahmementalität zu tun hat. Je nach Kontext reicht die Bedeutungspalette vom unauffälligen Abstauben über unverschämtes Schnorren bis hin zum dreisten Schmarotzen. Stellen Sie sich als Eselsbrücke einfach eine Hauskatze vor. Denn wie Pfotenfreunde wissen, reiben sich fellige Vierbeiner gerne an Gegenständen aller Art und auch an fürsorglichen Zweibeinern. In ähnlicher Manier kann man sich auf Chinesisch sprachlich durch den Alltag „schubbern“. Schnorren statt schnurren heißt also die Devise. Im Folgenden ein kleiner Vokabel-Navigator fürs Nassauern!

Reiben kann man sich zum Beispiel an allem Kulinarischen – ob essbar (蹭吃 cèng chī „sich durchfüttern lassen, sich durchfressen“) oder trinkbar (蹭喝 cèng hē „sich durchtrinken, auf Kosten anderer trinken“). Andere sparen vielleicht gerne beim Datenvolumen und scheuern sich knauserig an kostenlosem Internet (蹭网 cèng wǎng „kostenlos im Internet surfen“ oder 蹭 Wifi „gratis Wlan abgreifen“). Sparsame Leseratten schubbern sich derweil an ausgeliehenen oder ausrangierten Büchern beziehungsweise schmökern gleich gratis in der Buchhandlung (蹭书 cèng shū „kostenlos Bücher lesen“). Wer sich gerne von anderen herumkutschieren lässt, ohne etwas für die Spritkasse zu spendieren, der „reibt sich an Autos“ (蹭车 cèng chē „bei jemandem gratis mitfahren, sich umsonst mitnehmen lassen“). Und wer sich dreist in kostenpflichtige Kurse und Weiterbildungen einschmuggelt, der geht „Kursscheuern“ (蹭课 cèng kè).

Streaming-Junckies mit magerem Monetenbestand reiben sich am Mitglieder-Account von Freunden und Bekannten (蹭会员 cèng huìyuán „gratis einen Membership-Zugang mitbenutzen“). Sparsame Sportskanonen schlachten von anderen bezahlte Basketball-, Badminton- und andere Ballplätze aus, indem sie einfach für umme mitspielen (蹭球 cèng qiú – wörtlich „Bälle schmarotzen“). Und nicht zuletzt versteht sich die Medien- und Internet-Community prima auf digitales Datenschubbern.  蹭热度 cèng rèdù (von 热度 rèdù „Hitze, Wärmegrad“) oder 蹭热点 cèng rèdiǎn (von 热点 rèdiǎn „heißes/angesagtes Thema“) nennt man es auf Chinesisch, wenn Accounts und Influencer auf aktuelle Onlinehypes oder Social-Media-Trends aufspringen, um Klicks und Aufmerksamkeit abzugreifen.

Zum Abschluss noch eine bittere Wahrheit für alle Katzenfreunde: Auch Ihr Liebling hat es faustdick hinter den Ohren und ist in Wirklichkeit ein Mitnahmemeister. Nicht nur, dass sich das Fellvieh von uns durchfüttern lässt (zur Erinnerung: 蹭吃 cèng chī oder auch 蹭饭 cèng fàn – „Essen abstauben“). Auch das Reiben an Sachen oder menschlichen Sozialpartnern ist nicht nur Zuneigungsbeweis, sondern auch ein Stück Eigennutz. Es handelt sich um eine Art der Markierung, bei der durch das Reiben über Drüsen am seitlichen Kopf, den Wangen oder der Körperseite Duftstoffe freigesetzt werden. Ihr Liebling drückt Ihnen damit also einen Duftstempel auf und sortiert Sie in die „Meins“-Schublade ein. Aber wie könnte man es den Vierbeinern schon verübeln? Sich von Katzen umstreifen zu lassen, ist schließlich heilsam und meditativ. Sonst gäbe es in Asien wohl kaum so viele Katzencafés.

Etwas abzustauben gibt es übrigens noch bis einschließlich Sonntag beim New-Chinese-Gewinnspiel! Hier geht’s zur Quizfrage.

Verena Menzel betreibt in Peking die Online-Sprachschule New Chinese.

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