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Xis geheime Millionenkonten  

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping gilt gemeinhin als der mächtigste Mann der Welt. Doch der Herr über 1,4 Milliarden Chinesen erhält das vermutlich niedrigste Gehalt im Vergleich mit anderen Präsidenten. Seit 2014 bezieht er monatlich 11.385 Yuan Grundgehalt – rund 1.560 Euro. Obwohl sich sein Salär seither erhöht hat (ohne, dass es dazu konkrete Zahlen gibt) dürfte allein ein Bundeskanzler wie Olaf Scholz mit rund 30.000 Euro Gehalt im Monat – Stand Juli 2022 – heute ein Dutzend Mal mehr als Xi verdienen.  

Werbung auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2022. Auch die Bände 3 und 4 von Xi Jinpings Reden und Aufsätzen „China regieren“ werden inzwischen international in 160 Ländern vertrieben und sind dafür in 21 Landessprachen übersetzt worden. Seit 2014 hat Xi die voluminösen Bände herausbringen lassen und mit Maos berühmten vierbändigen „Ausgewählte Schriften“ gleichgezogen. Schon bis Ende 2018 verkauften sich allein Band 1 und 2 laut Xinhua mehr als 20 Millionen mal. Vom Ladenpreis von 80 Yuan stehen Xi mindestens sieben Prozent als Buchtantiemen zu – in Devisen.

Der nominelle Staatslohn zählt in China allerdings nicht. Mao erhielt bis zu seinem Tod 1976 nur 404 Yuan Gehalt pro Monat. Er starb dennoch als Yuan-Millionär. Sein Einkommen mehrten legale Autorenhonorare und Buchtantiemen, die sich dank der gigantischen Auflagen seiner Werke von allein auftürmten. Xi Jinping macht sich daran, Mao in den Schatten zu stellen, mit einer Buchproduktion für das In- und Ausland wie vom Fließband. Er kann dabei auf allein 96 Millionen Parteimitglieder als Zwangsabnehmerschaft bauen. 

Wie schon bei Mao ist auch die Höhe der Einkünfte Xis völlig intransparent, ebenso wie die Frage, ob er sie versteuert, oder was er mit ihnen macht. Das sind für die Öffentlichkeit Tabuthemen. Sicher ist nur, dass kein chinesischer Führer so viele Bücher und Schriften veröffentlicht hat wie Xi in nur zehn Jahren seiner Amtszeit. Und dass er dafür Anspruch auf reiche Entlohnung hat. 

Dabei spielte Xi, als er noch Vizepräsident war, nur den Postboten für die Werke anderer Topfunktionäre. Die Frankfurter Buchmesse hatte die Volksrepublik 2009 zum internationalen Partnerland ausgewählt. Xi fuhr als Delegationsleiter nach Deutschland. Am 12. Oktober 2009 machte er Bundeskanzlerin Angela Merkel 90 Minuten lang seine Aufwartung. Er brachte ihr zwei ins Englische übersetzte chinesische Sachbücher über Energie und Informationstechnologie mit. Mit den besten Grüßen des früheren Präsidenten Jiang Zemin, der sie verfasst und für Merkel eigens signiert hatte.

Über den Sinn des Gastgeschenks zerbrach sich damals der Pekinger Korrespondent von Singapurs Zeitung Lianhe Zaobao den Kopf. Der seit 2002 pensionierte Jiang und die 2005 ins Amt gekommene Merkel kannten sich nicht persönlich. Das Präsent war wohl eher eine Hommage Xis für Jiang, der im Hintergrund noch immer mächtig war. Merkel bedankte sich überrascht: Diese Bücher nützten dem besseren Verständnis Chinas.

Immer mehr Xi-Publikationen aller Art überfluten den Buchmarkt. Besonders teure Neuerscheinungen 2022: Zweibändige englischsprachige Ausgabe der Reden Xi Jinpings über Diplomatie mit mehr als 1054 Seiten. Ladenpreis der Softcover Ausgabe: 150 Yuan. Darunter illustrierte Bände einer fünfteiligen offiziellen Buchreihe über Xis Werdegang, mit Reden und Biografischem aus der Zeit vor seinem Pekinger Aufstieg. Ladenpreis 356 Yuan.

Es war das erste und blieb das einzige Mal, dass Xi einem ausländischen Regierungschef fremde Bücher verehrte. Seit er an der Macht ist, bringt er nur noch seine eigenen Werke mit. Jüngst beschenkte er am 19. November 2022 Thailands Premier Prayut Chan-o-cha, Chef der dortigen Militärjunta, mit einem kompletten Satz seines vierbändigen Konvoluts „China Regieren“ (习近平谈治国理政) in englischer Übersetzung. Der Premier, so verbreitete Xinhua, sei „vollauf glücklich gewesen“ (收到 这份礼物,巴育总理十分高兴). Chinas Nachrichtenagentur verriet, dass der Premier die Bücher zuvor bereits auf einer Kabinettssitzung den Teilnehmern seiner Regierung empfohlen hatte. „Jeder soll sie sich besorgen und sorgfältig lesen.“ Xinhua kommentierte: „Xis Bücher stehen auf den Bestseller-Listen in vielen Ländern und liegen auf den Schreibtischen vieler ausländischer Politiker.“ 

Parteiverlage gaben seit 2013 etwa alle drei Wochen eine neue Publikation unter dem Autorennamen Xi Jinping heraus. Ausriss: Bestellliste im Buchgroßhandel für neue Xi-Broschüren 2017. „Xi Jinping über…“ mit Angabe der Rabatte auf den jeweiligen Buchpreis.

Das ist nicht übertrieben. Peking hat alles dafür getan, internationale Fürsprecher für Xis Werke zu gewinnen. Bereits für Band 1 schrieben und hielten die Ex-Bundeskanzler Helmut Schmid und Gerhard Schröder enthusiastische Lobeshymnen. In England pries Prinz Andrew, Duke of York (2018, noch vor dem Skandal um ihn) Xis Buch als „Meilenstein“. Mark Zuckerberg, der sich Hoffnungen auf das Chinageschäft für Facebook machte, stellte ein Exemplar fotowirksam auf seinen Schreibtisch.

Bei der Frankfurter Buchmesse im Oktober 2022 warb die China International Publishing Group, die Xis Werke im Ausland vertreibt, auf einer riesigen Plakatwand für die neu erschienenen Bände 3 und 4, die so wie Band 1 und 2 in mehr als 20 Weltsprachen übersetzt und in 160 Ländern vertrieben werden sollen. Die innerchinesische Auflage ist unbekannt. Allein bis Mitte 2018 aber brüstete sich Pekings Propaganda mit Auslandsverkäufen von 6,6 Millionen Exemplaren für Band 1 und 13 Millionen Exemplaren für Band 2. Mit den vier Auswahlbänden hat Xi mit Mao, der es auch auf vier Bände seiner ausgewählten Werke brachte, gleichgezogen. Dabei steht Xi mit seinen vier Bänden „China regieren“ erst am Anfang, nachdem er sich vom 20. Parteitag das Plazet geholt hat, auf Lebenszeit weiterregieren zu dürfen. 80 Yuan (Hardcover 120 Yuan) kostet so ein Band, von denen Xi mindestens sieben Prozent Vergütung beanspruchen darf. 

Diskussionen über die Höhe von Xis Honoraren, ob er sie versteuert und was er damit macht, sind in China tabu. Während des 20. Parteitags protestierten Blogger auf Weibo (wo sie rasch gelöscht wurden) und auf Twitter und spotteten:
„In neuneinhalb Jahren hat er 125 Bücher veröffentlicht (…). Das lässt sich auf rund 3,1 Milliarden Yuan an Buchtantiemen hochrechnen. Er ist der Meister im Herausgeben der meisten Bücher. Der meisten Bücher, die Ghostwriter schrieben, der meisten Bücher, die im Grundsatz ungelesen bleiben, der meisten Bücher, der mit öffentlichen Mitteln gekauft werden, der meisten Bücher, die im Papiermüll landen.“

Autorenhonorare für die Führer des Landes sind ein politisch heikles Thema für Chinas Medien. „Chinas Jugendzeitung“ schrieb im September 2015 darüber, weil viele Politbürogrößen ihre Millionenhonorare Stiftungen spendeten. Ihr Report bestätigte erstmals, dass Mitglieder auch des Ständigen Ausschusses ein Anrecht auf Autorenhonorare oder Buchtantiemen haben. Bei Artikeln, die sie für Parteimedien schreiben, erhalten sie die Standardvergütung zwischen 100 und 150 Yuan pro 1000 Schriftzeichen; bei Büchern 7 bis 10 Prozent vom Verkaufspreis. Der Report nennt Premier Li Keqiang oder die Ex-Premiers Zhu Rongji und Li Peng als Beispiele. So konnte Zhu Rongji seine 2013 erschienene, vierbändige Redensammlung (朱镕基讲话实录) bis 2015 mehr als 1,3 Millionen mal verkaufen. Bei 196 Yuan Ladenpreis erhielt er 7 Prozent Honorar minus 11,2 Prozent Steuerabgaben, oder insgesamt mehr als 15 Millionen Yuan Vergütung. Der während seiner Amtszeit als unbestechlich geltende Premier bekundete öffentlich, die Honorare seiner Stiftung Erziehungsförderung zu spenden. So dokumentiert es die Shanghaier Hurun-Philantropenliste (2014胡润慈善榜).

Peking machte 2008 gegen eine hitzige öffentliche Debatte mobil, in der es darum ging, wie sich der Kulturrevolutionär und Volkstribun Mao an seinen Buchtantiemen bereicherte. Die von der Volkszeitung herausgegebene „Global People“ erschien im Juli 2008 mit der Titelgeschichte „Mao Zedong tatsächliches Vermögen“. Peking rief Maos einstige Sekretäre, Leibwächter und Haushälter in den Zeugenstand. Der Große Vorsitzende hinterließ bei seinem Tod nicht etwa 131 Millionen Yuan allein aus Autorenhonoraren. Es seien nur 1,24 Millionen Yuan gewesen.

Die Jugendzeitung erwähnte nicht Chinas Parteichef Xi Jinping. Blogger behaupteten in sofort gelöschten Posts während des jüngsten Parteitags, dass Xi in den neuneinhalb Jahren seiner Amtszeit seit März 2013 „125 Bände unter seinem Namen herausgab. Sie brachten ihm Vergütungen in Höhe von ungefähr 3,1 Milliarden Yuan ein“. Dann spotteten sie: „Xi ist der große Meister, der die meisten Bücher herausgibt, die keiner liest, keiner selbst kauft, die öffentlich beschafft und schließlich als Altpapier entsorgt werden.“

Seit 2013 sind nahezu alle drei Wochen in den Parteiverlagen neue Ideologie-Broschüren, Schulungshefte, Aufsatzsammlungen, Themenbände oder Abhandlungen aller Art unter dem Autorennamen Xi erschienen. Das Land wird mit Xi-Büchern geflutet. Die Propaganda verkündet Verkaufserfolge: Am 27. September 2019 meldete etwa die Zeitung der Parteihochschule Xuexibao, dass der seit August 2017 herausgegebene illustrierte Band „Xi Jiping über sieben Jahre Jugend auf dem Lande“ sich 7,3 Millionen Mal verkauft habe und der seit März 2019 erschienene „Xi Jinping in Zhending“ bereits 4,3 Millionen Mal. 

Noch gilt Mao als der wahre Meister in der Propagandaschlacht um die eigenen Worte. Pekings Wirtschaftszeitung Caijing erinnerte an sein kleines Rotes Buch, das es in der Kulturrevolution bis 1969 auf eine Milliarde Exemplare brachte, von denen 370 Millionen allein 1967 gedruckt wurden. Dafür und noch für andere inflationär auch im Ausland in 14 Sprachen verbreitete Mao-Werke mussten die Buchdruckereien von 1966 bis 1970 mehr als 650.000 Tonnen Papier beschaffen – mehr als alles Buchdruckpapier, das die gesamte Volksrepublik zwischen 1949 und 1966 verbrauchte.   

Solche Kosten-Nutzenrechnungen sind in Xis China tabu. Sie waren auch erst 30 Jahre nach Maos Tod möglich, als renommierte Parteiforschungs- und Theoriemagazine den Publikationen Maos nachrecherchierten, auch zur Höhe der Honorare, die Mao erhielt. Ihre Erkenntnisse lösten einen Schock aus.  Der kommunistische Gleichmacher und Gegner jeglichen Privateigentums hatte bei der People’s Bank of China ein Vermögen an Honoraren angespart: Den Hauptanteil seiner 76 Millionen Yuan Renminbi verwaltete die Pekinger Hauptstelle. Die Gelder waren für ihn unter dem Namen „Erste Parteizelle des ZK im Zhongnanhai“ deponiert.

Nach Maos Tod 1976 verdoppelten sich bis Mai 2001 seine Bankeinlagen auf 131 Millionen Yuan, dank der Anlagestrategien der sozialistischen Marktwirtschaft, Zinsen und neuen Tantiemen weiterhin verkaufter Mao-Bücher. Doch das Konto gehörte nicht mehr Maos Erben. Anfang der 1980er-Jahre hatte das Politbüro beschlossen, dass Maos Werke die „Essenz der kollektiven Weisheit der Gesamtpartei sind“ und die Autorenhonorare daher der Partei gehörten.

So falsch war das nicht. Die einzig geduldete, von Reformkommunisten herausgegebene liberale Zeitschrift „Yanhuang Chunqiu“ (die Xi 2016 schließen ließ), veröffentlichte 2011 textkritische Forschungen, wonach von den 160 Artikeln in Maos gesammelten Werken nur ein kleiner Teil wirklich von ihm geschrieben oder redigiert worden waren. Die meisten stammten von seinen Sekretären oder anderen kommunistischen Mitkämpfern.

Das war dann doch zu viel. Peking Parteigranden machten mobil gegen eine hitzige öffentliche Debatte, die den Großen Vorsitzenden, als „Multimillionär“ mit einem Händchen für Geld verschrie, der sich dafür das geistige Eigentum anderer aneignete. Vier seiner einst engsten Bediensteten, der Kommandant seiner Leibwache Wang Dongxing und vor allem Wu Liandeng (吴连登), der 12 Jahre Maos Haushalt geführt hatte, traten in den öffentlichen Zeugenstand. Mao sei sparsam gewesen und hinterließ nur 1,24 Millionen Yuan an Honoraren. Alles andere seien Fantasiezahlen, Gerüchte und bösartige Lügen. Mao hätte armen verbündeten Staaten wie Nordkorea oder Albanien sogar bereits gezahlte Buchtantiemen wieder zurückschicken lassen. Er hätte sich nie für Geld, Besitz oder Eigentum interessiert. Als Ironie der Geschichte ließ Peking Mao von Vorwürfen der Geldschneiderei mit seinen Honoraren freisprechen. Die Debatte ist wieder tabuisiert. Doch Maos Portrait wurde auf alle in China umlaufenden Renminbi-Noten aufgedruckt. Xis Konterfei schmückt dagegen keinen chinesischen Geldschein. Noch nicht.  

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