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Vom Privileg der chinesischen Zahl

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling: er schreibt zu Xi Jinping und Zahlen.

Der langjährige China-Korrespondent der Nikkei-Nachrichtenagentur, Katsuji Nakazawa, entdeckte während der März-Sitzung des Volkskongresses eine auffällige Abweichung vom strikten Protokoll. Üblicherweise stehen auf den Tischen vor den höchsten Funktionären im Präsidium und den vor ihnen im Plenum sitzenden Tausenden Abgeordneten jeweils nur eine Teetasse aus Porzellan. Behandschuhte Dienstboten lupfen regelmäßig den Deckel und gießen heißes Wasser nach.

Nur Xi Jinping sind zwei Teetassen gestattet

Doch dann kam alles ganz anders. Vor Staats- und Parteichef Xi Jinping standen als Einzigem in der Großen Halle des Volkes zwei Teetassen. Das sei kein Zufall, mutmaßte der frühere Leiter des Nikkei-Büro in Beijing, zumal Xi Jinping selbst bei Gruppendiskussionen im kleinen Kreis vor seinen beiden Tassen saß. Katsuji  kam eine verbreitete Redewendung in den Sinn: ‚ren zou, cha liang‘ (人走茶凉), wörtlich: „Wenn Leute den Abgang machen, wird auch ihr Tee kalt.“ Xi Jinping wollte wohl zeigen, dass „sein Tee nicht kalt wird. Es wartet eine weitere heiße Tasse auf ihn.“  Eigentlich müsste er 2023 verfassungsgemäß nach zehn Jahren Amtszeit abtreten. Doch er ließ mit einer „Lex Xi“ 2018 die Regeln ändern. Er darf weiter am Ruder bleiben.   

Katsuji las das aus den Teeblättern. Wissenschaftlich nennt man das „Tasseographie“, die hohe Kunst zu deuten, was gerade ist oder kommen kann. Westliche Journalisten stochern dafür im Kaffeesatz, asiatische im Teesud, wenn sie über die politische Kultur eines autoritären Herrschaftssystems orakeln, das sich nicht über Wahlen legitimiert und wegen mangelnder Transparenz voller versteckter Anspielungen ist.

Fangkuai – die Schrift der Chefs

Manche sind so subtil, dass selbst die meisten Chinesen sie nicht erkennen. Das gilt etwa für ein bizarres Privileg, das nur der jeweilige Parteichef Chinas in Anspruch nehmen darf, sobald er in den Olymp des ideologischen Vordenkers der Nation aufgestiegen ist. Er darf von da an sämtliche Zahlen, Ziffern oder Daten, die er in seinen Theorie-Werken zu Papier bringt, in alter schriftchinesischer Form (Fangkuai-Schrift) schreiben, ohne, wie andere Autoren arabische Zahlen benutzen zu müssen. Auch Xi Jinping nimmt diese Ehre in Anspruch, seit er 2017 durch Änderung der Parteistatuten sein „Xi Jinping-Denken“ dort verankerte und es als „Marxismus des 21. Jahrhunderts“ feiern lässt. Er reiht sich als Fünfter seit Gründung der Volksrepublik in die Elite „marxistischer Klassiker“ ein, zu denen Mao Zedong, Deng Xiaoping, Jiang Zemin und Hu Jintao gehören. In Xi Jinpings neuen Aufsatz- und Redensammlungen, wie „Die Partei führt alle Arbeit an“ (论坚持党对一切工作的领导) oder „Über die Geschichte von Chinas Partei“ (中国共产党历史), sind in den jeweils mehr als 300 Seiten Text alle verwendeten Zahlen und  Ziffern mit chinesischen Zeichen geschrieben, selbst die Datumsangaben.   

Widerstand des Gelehrten Yu Guangyuan

Die sprachliche Extrawurst für den Alleinherrscher wurmte früh Chinas marxistischen Universalgelehrten und Wissenschaftsrat Yu Guangyuan (1915-2013).  Er veröffentlichte mehr als 90 Bücher, Tausende Aufsätze, begründete neue Wissenschaftsdisziplinen und wurde einer der Theoretiker, die das Konzept der „sozialistischen Marktwirtschaft“ entwickelten. Yu wehrte sich seit 1991 mit Briefen, Eingaben und Aufsätzen gegen Verlagsbürokraten, die „unwissenschaftlich, undemokratisch und ungerecht“ darüber entschieden, dass er in seinen Publikationen numerische Angaben in arabischen Zahlen schreiben musste. Sie verhunzten die Sprache, machten sie oftmals zum Gespött, etwa bei der Redewendung: „Buguan sanqi ershiyi (不管三七二十一 ). Diese bedeutet: „Es ist mir egal, auch wenn drei mal sieben 21 ergibt.“ In arabischen Zahlen ausgedrückt würde das „Buguan 3721“ geschrieben. Auch Chinas Idiom 不怕一万,就怕万一 wäre gewöhnungsbedürftig. Es bedeutet: „Ich fürchte nichts, außer, wenn es zum besonderen einen Fall unter 10.000 Geschehnissen kommt.“  Das würde so aussehen: 不怕10.000就怕1/10.000. 

1986 hatte ein Gremium aus sieben Regierungs- und Parteikommissionen Vorschläge zur Vereinheitlichung der numerischen Schreibung vorgelegt. Erst zehn Jahre später traten sie verbindlich in Kraft als mehrseitiges  „Standardisiertes Regelwerk, wie Zahlen in Veröffentlichungen zu schreiben sind.“  Yu hatte sich lange mit eigens angefertigtem Stempel und einem Aufkleber gewehrt. Er stempelte seine Manuskripte mit rotem Aufdruck: „Herzliche Bitte an die Genossen Redakteure. Bitte nichts ändern, Alle meine Zahlen sind so zu übernehmen, wie ich sie geschrieben habe.“ Er bat das Lektorat, die Originalfassung zu veröffentlichen,  „auch wenn ihr wahrscheinlich eine Geldstrafe zahlen müsst. Die könnt ihr mir von meinem Honorar abziehen.“  Yu schenkte mir eine Collage seiner Interventionen mit Stempelabdruck und Aufkleber. Er sei sich dabei vorgekommen wie ein Don Quichotte.  

Der Aufschrei zum Schutz der Sprache ist beileibe keine chinesische Besonderheit. Seit März hat das historische Pariser Musée Carnavalet laut AFP eine erhitzte Debatte in Frankreich ausgelöst. Es ließ nach seinem Umbau zur kommenden Neueröffnung bei einer Reihe seiner Exponate die lateinischen Schriftziffern durch arabische Zahlen ergänzen. Louis XIV steht künftig neben Louis 14.  Weil das „einfacher zu lesen und zu verstehen ist“, schreibt das Museum.   

In China gibt es keinen öffentlichen Aufschrei wie in Frankreich, schon gar nicht darüber, wie die imperiale Vorzugsbehandlung, nur Chinesisch schreiben zu dürfen, zum  Alleinstellungsmerkmal des neuen Herrschers über China wird. 

Er gibt eine Reihe solcher Merkmale, darunter, dass Xi Jinping sich „Kern“ der Führung nennen lässt. Ob auch seine beiden Teetassen dazugehören? Vielleicht fabuliert der Nikkei-Korrespondent nur, hat zu viel Harry Potter gelesen. Im Band der Gefangene von Askaban taucht das Lesen von Teeblättern unter der Bezeichnung „Tasseomantie“ auf, zusammengesetzt aus dem französischen Wort „tasse“ (Tasse) und dem griechischen „manteía“ für Weissagung. 

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