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Xi — Ein Mann sieht Rot

Von Johnny Erling
Johnny Erling zu Xi Jinpings Farbwahl "rot".

Die Volksrepublik China hat sich wie andere sozialistische Staaten an die Symbolfarbe rot (红色) gewöhnt. Doch Parteichef Xi Jinping will mit frischem Schwung den revolutionären Anstrich für seine Partei und die Gesellschaft nun noch dicker auftragen. Nur wenn die Jugend mit „roten Genen“ aufwächst, würde China „nie seine Farbe wechseln“.

Kurz vor dem Ende November in Peking tagenden ZK-Plenum, der letzten richtungsweisenden großen Parteikonferenz für den im kommenden Herbst bevorstehenden Wahlparteitag, bringt Xi Jinpings Partei, Land und Leute ideologisch auf Vordermann. Zugleich lässt er China marktwirtschaftlich zurückrudern. Der Parteichef setzt alles daran, um 2022 seine zehnjährige Herrschaft über China verlängern zu können. Das ganze Land müsse noch röter werden: „Bei den Babys fangen wir an.“   

Eigentlich fällt die Kennzeichnung „rot“ unter die Gruppe von Adjektiven, die im deutschen Sprachgebrauch als nicht steigerungsfähig angesehen werden. In China ist das anders. Vergangene Woche druckte das vom ZK herausgegebene Theorie-Magazin der Partei „Quishi“ zum Nationalfeiertag eine unveröffentlichte Rede von Xi vor seinem Politbüro: Darin wiederholt er 22-mal das Wort „rot“ und verbindet es mit mehr als einem halben Dutzend Begriffen. Von der roten Kultur, den roten Nachfolgern, roten Ressourcen, roten Denkmäler, roten Idealen, roten Genen bis zum roten Land. (红色文化  红色血脉  红色资源  红色旧址 红色理想 红色基因 红色江山).

Xi hielt seine interne Ansprache am 25. Juni, eine Woche vor den in Peking pompös inszenierten 100-Jahr-Feiern zur Gründung der KP-China. Als erstes belehrt er die höchsten Funktionäre des Landes mit einer Binsenweisheit: „Rot ist die am frischesten strahlende, grundlegende Farbe der Kommunistischen Partei Chinas und der Volksrepublik. In unserem riesigen Land sind überall rote Ressourcen verstreut.“ Damit meint er Museen, Denkmäler oder Plätze, die an die Jahrzehnte dauernde Revolution der Partei bis zu ihrem Sieg und Gründung der Volksrepublik erinnern sollen. „Diese Ressourcen müssen Wallfahrtsorte zur ideologischen und patriotischen Erziehung der Jugend werden, damit sich die roten Gene von Generation zu Generation fortpflanzen. So würde garantiert, dass unser rotes Land niemals seine Farbe wechselt.“  (把红色基因传承好,确保红色江山永不变色.)  

Dazu ermahnt er seine engsten Mitstreiter: „Ich habe Euch immer wieder gesagt, dass revolutionäre Ideale höher als der Himmel reichen,“ und verlangt von ihnen, ebenso ideologisch zu denken, wie er es tut: „Rote Arterien zu haben ist der konzentrierte Ausdruck des politischen Wesens der KP-Chinas und die Quelle unserer spirituellen Kraft“.  

Auf seinen Reisen durchs Land inspizierte Xi seit Amtsantritt 2012 auch immer wieder die historischen Gedenkorte der Revolution. Vom Gedenken zeigte er sich in „seiner Seele erschüttert“. Die Zeitschrift Qiushi wählte vergangenen Juni von diesen Besuchen 32 entsprechende Zitate Xis aus. Darunter spricht er auch über sein „Projekt zur Weitergabe der roten Gene von einer Generation zur Anderen,“ (红色基因代代传“工程). Die Partei könne nicht früh genug mit patriotischer Erziehung der Jugend starten. „Revolutionäre traditionelle Erziehung muss bei den Babys beginnen, damit die roten Gene ins Blut eindringen.“(革命传统教育要从娃娃抓起, 使红色基因渗进血液).  

Am 25. November 1968 erschien eine Briefmarke, die selbst Maos kulturrevolutionärem China zu rot war. „Das ganze Land ist rot“ stand auf der Marke, die aber die Insel Taiwan als weißen Fleck und die von Peking beanspruchten Inseln im Südchinesischen Meer gar nicht zeigten. Die Marke wurde sofort eingezogen. Sie ist heute die allergrößte Rarität. Auf einer Hongkonger Auktion wurde für das obige Paar 1,725 Millionen HK-Dollar gezahlt. 

Nur zu Zeiten der Herrschaft Maos ging Peking noch inflationärer mit der Symbolfarbe Rot um. Der Große Vorsitzende ließ sich als „Rote Sonne“ preisen, sein Volk das Lied „Der Osten ist Rot“ singen und entfesselte die Roten Garden.

Zur Groteske des roten Wahns wurde am 25. November 1968 eine zu Ehren von Maos Kulturrevolution herausgegebene Sonderbriefmarke mit der Aufschrift: „Das ganze Land ist Rot“. Sie zeigte ein in seinen Grenzen komplett rot gefärbtes China. Die Marke wurde Stunden nach ihrer Ausgabe zurückgezogen, weil die Insel Taiwan auf ihr weiß eingezeichnet und die von Peking territorial beanspruchten Inseln im Südchinesischen Meer gar nicht markiert waren. Der Sinologe, Journalist und Experte für Mao-Memorabilien, Helmut Opletal, schätzt, dass nur wenige hundert Exemplare in Umlauf kamen. Als wertvollste Rarität der chinesischen Philatelie erzielen die Marken heute fantastische Preise.  

Auf der Briefmarke schwenken die Kulturrevolutionäre das kleine rote Buch Maos mit den „Worten des Vorsitzenden“, auch als Rote Mao-Bibel bekannt. Xi Jinping musste für das Buch seiner Worte daher eine andere Farbe finden. 2017 erschien sein erster Sammelband unter dem Titel: „Lernt von Xis Goldenen Sätzen“. Seither sind weitere „Goldene Sätze Bücher“ erschienen.   

Die Überflutung Chinas mit roter Propaganda ist von Xi nicht etwa zu dick aufgetragener Tünche, nur, um die Alleinherrschaft der Partei zu legitimieren. Es ist auch ein Schachzug, um den ideologischen Überbau zu erhalten, mit dem er Chinas Wirtschaftsweise wieder in sozialistische Richtung lenken kann. Sein jüngstes Plädoyer für eine Politik des gleich verteilten Wohlstandes, Pekings Förderung von Staatsunternehmen und die spektakulären Feldzüge gegen wirtschaftliche Monopole, Macht und Einfluss in privater Hand weisen alle in die gleiche Richtung. Der britische „Economist“ nannte es in seiner jüngsten Ausgabe: „Chinas neue Realität“, oder „Xis Zähmung des Kapitalismus.“ 

Xi Jinpings "Lernt von Xis Goldenen Sätzen"
Inspiriert von der berühmten Roten Mao-Bibel  (Worte des Vorsitzenden Mao) ließ auch Xi Jinping ausgewählte Zitate aus seinen Werken veröffentlichen. Er ließ sie allerdings anders nennen: „Lernt von Xis Goldenen Sätzen“ heißt der Titel von Band 1, der 2017 im Parteiverlag erschien.

Der Parteichef hat nie verhehlt, dass er kein pragmatischer Wirtschaftsreformer, sondern ein Nationalist und Überzeugungstäter ist, der die Absicht verfolgt, Wirtschaft, Gesellschaft und Ideologie – zwar in chinesischer Weise – aber sozialistisch umzumodeln, um seine Nation zum Weltreich zu machen. Nur wollten das viele im Westen nicht wahrhaben. Nach seiner Wahl zum Parteichef sagte er in der Antrittsrede vor dem neuen Zentralkomitee am 5. Januar 2013: „In diesen Jahren wird im In- und Ausland immer wieder angezweifelt, ob das, was wir tun, noch sozialistisch ist. Manche nennen unser System einen vom Kapital geprägten Sozialismus, einen Staatskapitalismus oder neuen bürokratischen Kapitalismus. (资本社会主义,   国家资本主义 , 新官僚资本主义). Sie liegen damit total falsch.“    

In seiner jüngsten zum 1. Oktober abgedruckten Rede sagte Xi: „Wir tragen den Namen ‚Kommunistische Partei‘ und erkennen damit die Ideale des Kommunismus als die unseren an (…) Unsere Partei ist seit mehr als 70 Jahre an der Macht und wird das noch für lange Zeit sein.“ Xi ist sich treu geblieben. Er ist ein Mann, der Rot sieht.   

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