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Wuhan und der fromme Wunsch nach vielen neuen Gerichs  

Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Beim Aufbau der eigenen Industrie erhielt China einige Hilfe aus dem Ausland. Peking profitierte besonders von dem 1983 als Stiftung der deutschen Wirtschaft für internationale Zusammenarbeit gegründeten Senior Experten Service (SES). Bis 2019 entsandte er rund 60.000-mal ehrenamtliche Fach- und Führungskräfte im Ruhestand in 160 Länder. China erhielt mit 6.663 SES-Einsätzen als Nummer Eins-Empfängerland sechsmal soviel Aufbauhilfe wie Indien.

Als eine der ersten Fachkräfte reiste 1984 der pensionierte Maschinenbau-Ingenieur Werner Gerich nach Wuhan. Das dortige Staatsunternehmen, das er auf Vordermann brachte, ging nach seinem Weggang zwar pleite. Der Deutsche wurde aber dennoch zur Legende. Nach seinem Tod 2003 setzte ihm Wuhan ein Denkmal und prägte als Slogan: „Schaffen wir viele neue Gerichs unter uns“.

Einer von fünf Deutschen, denen China Denkmäler errichtete, neben Marx, Engels, John Rabe, Thomas Bach auch für Werner Gerich in Wuhan 2005.
Einer von fünf Deutschen, denen China Denkmäler errichtete, neben Marx, Engels, John Rabe, Thomas Bach auch für Werner Gerich in Wuhan 2005

Zum letzten Mal kam Werner Gerich (格里希) im Juni 2000 nach Wuhan. Der Techniker aus Bretten bei Karlsruhe war 81 Jahre alt. Er wollte sein altes Wirkungsfeld besuchen: Das Dieselmotorenwerk Wuhan, kurz Wuchai (武柴) genannt. Dort war der deutsche Rentner bis 1986 zwei Jahre lang Fabrikdirektor gewesen – als erster Ausländer seit Gründung der Volksrepublik. Wuhans Gastgeber, die Gerich sonst eigentlich jeden Wunsch von den Lippen ablasen, drucksten verlegen herum. Straßenbauten würden alle Zufahrten behindern, machten einen Besuch des Werkes zu unbequem für den „altehrwürdigen Herrn Ge“ (格老).

Es war eine höfliche Lüge, enthüllte 20 Jahre später ein Onlinereport unter dem Titel: „Der Fortgang des ausländischen Direktors brachte auch das Aus für Wuchai“ (洋厂长走了,结果武柴没了). Der von Gerich von bis 1986 gemanagte und sanierte Staatsbetrieb mit 2.100 Beschäftigten „fing ab 1993 an, Geld zu verlieren. 1998 meldete er Konkurs an. Alle Mitarbeiter verloren ihren Job; die Anlagen wurden restrukturiert.“ Gerich wurde die Fabrik nicht gezeigt, weil es sie nicht mehr gab.

Freilich wusste der Deutsche längst, dass sich das Staatsunternehmen im Markt nicht behaupten konnte. Aber er hoffte, wie er mir bei zwei Treffen sagte, dass es dem Werk auch ohne Privatisierung gelänge, sich unter Bedingungen des Wettbewerbs behaupten zu können. Doch Chinas KP zeigte sich unfähig, die nötigen Rahmenbedingungen für eine echte Marktwirtschaft zu setzen. Unter Xi Jinping weicht sie noch weiter vom Weg dorthin ab.

Portraitfoto von Werner Gerich in Wuhan 2000
Portraitfoto von Werner Gerich in Wuhan 2000

Gerich kam zu einer Zeit nach China, als es innerhalb der Pekinger Führung politische Erneuerer gab, die auch systemische Reformen anpacken wollten. Sie machten aus ihm ihre ausländische Galionsfigur: ein deutscher Ingenieur, der selbstlos helfen wollte. Gerich wurde in Peking herumgereicht. In demonstrativer Geste luden ihn „liberale“ Politbüromitglieder wie Wan Li (万里, Hu Qili (胡启立) und Tian Jiyun (田纪云) als Vierten im Bunde zum Tennis-Doppel ins Staatsgästehaus Diaoyutao ein. Wirtschaftsführer wie Vizepremier Yao Yilin (姚依林) oder Staatsrat Zhang Jinfu (张劲夫) trafen ihn mehrfach. Chinas damaliger Premier und späterer Parteichef Zhao Ziyang (赵紫阳), der 1989 innerparteilich gestürzt wurde und bis zu seinem Tod unter Hausarrest stand, sagte zu Gerich im Juli 1987: Für China sei es wichtiger, Leute wie ihn „ins Land holen zu können, als Kapital und Ausrüstungen zu importieren.“

Shanghais Oberbürgermeister Zhu Rongji (朱镕基) baute Gerich zur Kultfigur aus. Chinas späterer Premier lobte seine „strenge Hand in der Produktion“. Er ließ Gerichs Erfahrungen in der Wuhaner Dieselmotorenfabrik in Buchform als Pflichtlektüre für Konzernchefs drucken, schrieb selbst das Vorwort für diese Lehrstunde in „chinesisch-sozialistischer Betriebswirtschaft“. Zhu beauftragte Gerich, einen Monat lang 17 Shanghaier Staatsfirmen auf Herz und Nieren zu prüfen. Am 29. November 1988 diskutierte er mit ihm seine Eindrücke. Gerich nahm dabei kein Blatt vor den Mund: Bei einem Kolbenhersteller hätte es ausgesehen „wie in Deutschland 1945, fünf Minuten nach Ende des Zweiten Weltkriegs“. Zhu befahl 1.200 Shanghaier Konzernchefs, sich am 1. Dezember von Gerich belehren zu lassen, wie sie ihre Betriebe besser führen könnten. Im Schlusswort sagte er, dass für Gerichs Urteil über Shanghais Staatsbetriebe ein Schriftzeichen ausreiche: „脏“ : Ein Haufen Dreck. Zhu forderte Reformen: „Qualität muss zur Lebensnorm von Shanghai werden.“ 

Chinas Regierungs- und späterer Parteichef Zhao Ziyang traf Gerich im Juli 1987. Foto und Text leiten das Buch "Gerich in Wuhans Dieselmotorenfabrik" ein. Die Pflichtlektüre für Chinas Betriebsführer wurde nach 1989 verboten, weil Zhao Ziyang in politische Ungnade fiel. Gerich dagegen blieb bis heute ein Idol. Selbst Parteichef Xi Jinping ließ ihn 2018 als einen der "zehn Ausländer" feiern, die sich mit ihren Verdiensten für 40 Jahre chinesischer Reformen unsterblich machten. 
Chinas Regierungs- und späterer Parteichef Zhao Ziyang traf Gerich im Juli 1987. Foto und Text leiten das Buch „Gerich in Wuhans Dieselmotorenfabrik“ ein. Die Pflichtlektüre für Chinas Betriebsführer wurde nach 1989 verboten, weil Zhao Ziyang in politische Ungnade fiel. Gerich dagegen blieb bis heute ein Idol. Selbst Parteichef Xi Jinping ließ ihn 2018 als einen der „zehn Ausländer“ feiern, die sich mit ihren Verdiensten für 40 Jahre chinesischer Reformen unsterblich machten. 

Zhu ließ das achtseitige Protokoll seines denkwürdigen Gesprächs mit Gerich in seine 2013 erschienene Auswahl von „Reden“ aufnehmen. Der Ex-Premier setzte dem Deutschen damit ein Denkmal.

Gerichs Weg nach Wuhan

Die Saga um den SES-Experten begann mit seiner Ankunft in Wuhan. Der einstige Qualitätsprüfer beim Kernforschungsinstitut Karlsruhe hatte sich mit 65 Jahren für den Ruhestand zu jung gefühlt. Und so meldete er sich als einer der ersten beim neu gegründeten Bonner Senioren-Experten-Dienst für einen Einsatz in China. 

Handschriftlich notiert Gerich: „Ohne Xiuxi“ (ohne Pause) nahm er nach seiner Ankunft „gleich am nächsten Tag“ mit begleitendem Dolmetscher seine auf „zwei bis drei Monate befristete Beratertätigkeit“ auf. Er wolle die dort „jährlich von 2000 Mitarbeitern produzierten 18.000 wassergekühlten Einzylinder-Dieselmotoren qualitätsmäßig verbessern“. Die Hallen und Schuppen entsetzten ihn, wie aus diesen Notizen hervorgeht: „Alles ist ungeheizt, bei +41 Grad C und -11 Grad C im Winter, 88 Prozent Luftfeuchtigkeit. Werkzeugmaschinen von 1960 und älter und 3x abgeschrieben. Gießerei: Zustand Europa 1935. Ausschuss ca. 45 Prozent (in Deutschland Ausschuss ca 2,5 Prozent). Keine Fensterscheiben in Hallen und Büros… Der Betrieb machte äußerlich einen äußerst desolaten Eindruck.“ Das Motorenlager sei ein „Durcheinander wie Kraut und Rüben ohne Plastikabdeckung … voller Rost.“ Qualitätskontrolle sei ein Fremdwort. Die zuständige Abteilung verspottete er als „Pflegeheim für Alte und Kranke, Anlegehafen für Faule, Sanatorium für Leute mit Vitamin B.“

Gerich listete 38 notwendige Veränderungen auf, um Betrieb, Management, und Qualitätskontrolle „ohne zusätzliche Investition“ in Ordnung bringen zu können. Er meckerte laut, was anders wäre, wenn er den Laden führen müsste. Das wurde der Stadtregierung zugetragen. Die wollte ein Reformexperiment starten und suchte nur nach einem Anlass, wie eine in Wuhan erschienene Biografie „Gerich und die Gerichianer“ (格里希与“格里希们) schreibt, eines von sechs Bänden einer neuen Buchreihe „Forschungen über den ausländischen Fabrikchef“ (中国“洋厂长“研究丛书).

Im handschriftlichen Lebenslauf notierte Gerich untereinander die beiden Daten, die sein Leben veränderten, so als wäre dazwischen nichts geschehen: 16.9.1984 Ausreise nach Dieselmotorenwerk Wuhan als Berater für Fertigung und Qualität. 1.11.1984 Einsetzung als General-Direktor durch die Stadtregierung Wuhan bei dem Dieselmotorenwerk Wuhan.

1987 erschien das Buch »Gerich in der Dieselmotorenfabrik Wuhan«, die er innerhalb von zwei Jahren als erster ausländischer Fabrikdirektor Chinas wieder auf Vordermann brachte.
1987 erschien das Buch »Gerich in der Dieselmotorenfabrik Wuhan«, die er innerhalb von zwei Jahren als erster ausländischer Fabrikdirektor Chinas wieder auf Vordermann brachte.
Zhu Rongji, Chinas späterer Regierungschef, schrieb das Vorwort zum Buch, das einzige, das Zhu jemals für einen Ausländer verfasste. Er nennt Gerich einen Idealisten und verordnete das Buch als Pflichtlektüre für Chinas Konzernchefs. Nach 1989 wurde es verboten, weil es auch Foto und Text eines Treffens von Gerich mit dem Premier und späteren Parteichef Zhao Ziyang zeigt

Als erster ausländischer Fabrikchef seit 1949 griff er durch. Den Aufseher über Qualität ließ er zusammen mit dem Chefingenieur des Werkes feuern – ungeheuerlich für ein sozialistisches Unternehmen. Das schaffte auch böses Blut. Nach zwei Jahren gab er seinen Job als Direktor ab.

Gerich lebte nach 1945 zuerst in der sowjetischen Zone Berlins und kam zuerst nach Jena. Er arbeitete in Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) als Ingenieur in Motorenwerken, bevor er 1961 nach Westberlin umsiedeln konnte. Ihm kam für seine Arbeit in Wuhan zugute, wie sich sein Sohn Bernd erinnerte, dass „die Situation, die mein Vater 1945 und in den 50er-Jahren in der DDR erlebt hatte, ähnlich wie die Zeit vor 1978 in China war.“

Bis 2000 fuhr Gerich fast jedes Jahr nach China. Sein Name öffnete ihm viele Türen in chinesischen Firmen, die er mit deutschen Unternehmen zusammen brachte. Er wurde mit Ehrungen von allen Seiten überhäuft, von der Ehrenbürgerschaft und Ehrenprofessur Wuhans bis zum Bundesverdienstkreuz.

Werner Gerichs Notizen über die Arbeit in Wuhan und China.
Werner Gerich machte sich penibel handschriftlich Notizen über alle Aspekte seiner Arbeit und seine Begegnungen mit Chinas Führung. Ausriss von Manuskriptblättern

Nur wenigen Ausländern gelang es, in Gerichs Fußstapfen zu treten und „Rein nach China“ zu wirken. Peking kündigte zwar viele Pläne an, ausländische Führungskräfte anzuwerben, um Chinas Staatskonzerne zu Global Playern zu machen. Sie zerschlugen sich meist wieder, wie Hongkongs South China Morning Post herausfand. In der heutigen Pandemie sind Ausländer wieder on the run: Diesmal aber „Raus aus China“.

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