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Wo Chinas Führung politisch baden geht

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Parteichef Wang Dongfeng (王东峰) ist der mächtigste Mann in der Pekinger Nachbarprovinz Hebei. Persönlich inspizierte er am 30. Juli alle Kontrollstationen der Polizei an den Einfahrtstraßen, die ans Meer nach Beidaihe führen. Chinas berühmter Badeort der Parteielite, 280 Kilometer Autobahnfahrt von Peking entfernt, untersteht seiner Provinz. Wang äußerte sich zufrieden über die mit ausgefeilter Hightech ausgerüsteten Checkpoints. Sie seien „Schlüsselstellen der Verteidigung, um die soziale Harmonie und Stabilität Chinas zu garantieren.“ Mit kombinierter Luft- und Bodenverteidigung und dem Einsatz von Wissenschaft und Technologie wie „Gesichtsüberwachung und künstliche Intelligenz“ ließen sich Gefahren abwehren. Wang dachte da wohl besonders an den Schutz von Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping. Denn gleich sieben Mal wird in dem am 2. August gedruckten Bericht der Hebei-Tageszeitung über Provinzchef Wang der Name Xi wiederholt.

Pekings Politelite verschwindet von der Bildfläche

Wer es bis dahin nicht wusste: Xi und seine Innere Führung waren im Anmarsch zu ihrer alljährlichen Sommerpause nach Beidaihe. Dort zieht sich die Pekinger Elite alljährlich in ihre zwischen Pinien- und Zedernwäldern versteckten Villen am Lotosberg über einen für sie abgeriegelten Weststrand zurück. Die Politelite ist der eigentliche Adressat der devoten Meldung in der Hebei-Tageszeitung. Chinas Topführer sind, wenn es um ihre Sicherheit und Geheimhaltung geht, so paranoid, dass sie nicht einmal bekannt geben, ob, wie lange und wo sie Urlaub machen. Sie verschwinden einfach von der Bildfläche. Nur das Außenministerium sorgt für ein wenig Transparenz: Am 30. Juli informierte es auf seiner Webseite: „Wir machen Sommerpause (暑期) vom 2. bis 13. August.“ Das ist dann auch der Zeitraum, indem Chinas Führung Urlaub macht.

Badeort von Chinas Eliten
Strandbild von Beidaihe: Links im Hintergrund vor den Lotosbergen ist die Absperrung zu erkennen, die den öffentlichen Strand (im Vordergrund) vom schwer bewachten exklusiven Strand für Chinas Führung abtrennt.

Doch für den, der zwischen den Zeilen liest, ist der Bericht über die Inspektion des Parteichefs der erste von zwei indirekten Hinweisen, mit denen alljährlich Pekings Parteielite öffentlich mitteilt, dass sie auf dem Weg nach Beidaihe ist. Das enthüllte am 10. August die gut vernetzte Nachrichten-Webseite „Duowei Xinwen“. Den zweiten Hinweis gab es bislang immer kurz nach ihrer Ankunft im Badeort. Seit 2000 spendiert Chinas Parteiführung einer Gruppe ausgewählter chinesischer Wissenschaftler jährlich einen einwöchigen Sonderurlaub in Beidaihe. Chinas Parteichef schickt persönlich zwei Vertraute aus seinem Politbüro zu ihnen, um sie in seinem Namen begrüßen zu lassen. Dieses Jahr fiel das eingespielte Verfahren, um so mitzuteilen, dass die Führer in Beidaihe sind, wegen der Covid-19-Pandemie aus – ebenso wie schon 2020. Bis 2019 hatte Chinas Parteiführung insgesamt 19 solcher Gruppen alljährlich empfangen lassen, berichtete die Volkszeitung.

Informelle Beratungen

Warum ist es so wichtig, zu erfahren, dass Chinas Führer mit ihren Familien in Beidaihe urlauben? Der heute 80.000 Einwohner-Ort, dient nicht nur ihrer Erholung, sondern bietet ihnen die Kulisse, sich vor ihren Herbstkonferenzen informell zu beraten. Auf jedes Gerücht darüber achtet nicht nur das ganz Land, sondern auch Massen an Funktionären aus der Regierung, den Ministerien und Militärs, die auch in Beidaihe urlauben, aber getrennt von Chinas Elite in Hunderten entfernter Gästehäuser und Sanatorien untergebracht sind und trotz ihrer räumlichen Nähe nichts direkt erfahren.

Der KP-Badeort Beidaihe ist voller politischer Parolen. Im Vordergrund am Strandzaun steht der Name von Xi Jinping als Teil eines Slogans. Im Hintergrund ist der Prominentenstrand zu erkennen.

Immer, wenn Pekings Eliten am Meer Urlaub machen, schlagen sie traditionell hohe politische Wellen, deren Ausläufer erst spät zu spüren sind. Meister darin war Mao Zedong, der von 1954 an elf Mal seinen Sommerurlaub in Beidaihe verbrachte. Er ließ dazu von Juli bis August seinen gesamten Hofstaat der Partei, Regierung und Militär aus Peking mitkommen und in Beidaihe weiter arbeiten. Bald wurde der Badeort „Xiadu“ (夏都) genannt – die Sommerhauptstadt Chinas. Erst 2003 ordnete der damalige Parteichef Hu Jintao an, von nun an keine offiziellen Parteiversammlungen und Regierungskonferenzen mehr in Beidaihe abzuhalten. Die auch Normaltouristen seit 1979 geöffnete Sommerfrische wurde dennoch nie zum richtigen Urlaubsort.

Mao trifft am Badeort folgenschwere Entscheidungen

Unter Mao fielen in Beidaihe Dutzende folgenschwerer Entscheidungen für Chinas Entwicklung. Westliche Spötter nannten es darauf einen Ort, an dem nicht nur die Topshots des Landes, sondern auch ihr Sozialismus immer wieder baden ging. Revolutionär Mao verstand sein Schwimmen im Meer als Widerstands-Akt gegen alle Strömungen, die ihm nicht passten. Im August 1958 beschloss er in Beidaihe, dass Chinas Gesellschaft reif für einen Großen Sprung nach Vorn „hinein in den Kommunismus“ sei. Dutzende Millionen Menschen verhungerten. In Beidaihe schmiedete er Pläne für seinen Überfall auf Taiwan, der am 23. August 1958 zum Artilleriebeschuss der taiwanesischen Insel Qinmen (Quemoy-Krise) und fast zu einem Weltkrieg führte. Im August 1962 propagierte er von Beidaihe aus seine furchtbare Lehre vom nie endenden Klassenkampf, die zur theoretischen Begründung für seine mörderische Kulturrevolution wurde. Nachfolger Deng Xiaoping setzt in Beidaihe Zeichen für seine Reformen. Er verlangte von China „schwimmen zu lernen im Meer der Marktwirtschaft“ als Metapher zur Lösung für den von Mao heruntergewirtschafteten Sozialismus.

Was Xi mit seinen engsten Vertrauten derzeit ausmauschelt, wird man erst in einigen Jahren erfahren. Viel Gutes ist nicht zu erwarten. Ihre aktuelle Politik steht nicht nur international im Gegenwind. Xi steuert auf seinen schwierigen 20. Parteitag im kommenden Jahr zu, auf dem ein Generationenwechsel in der Parteiführung auf der Tagesordnung steht. Fast alle derzeitigen Führer müssen dann gehen bis auf ihn, der sich seinen Weiterverbleib im Amt bereits verfassungsrechtlich abgesichert hat. Xi allein wird das Personalkarussell dann drehen.

Generationenwechsel steht bevor

Da Peking nichts offenlegt blühen die Spekulationen ins Kraut: Schon die äußerliche Atmosphäre in Beidaihe sei angespannt wie noch nie, berichtete ein japanischer Reporter der Nachrichtenagentur Nikkei. Als er am 23. Juli nach Beidaihe kam, eine Woche vor dem Eintreffen der Parteielite, wurde sein Wagen durchsucht und er zu Unrecht beschuldigt, illegal Schranken durchbrochen zu haben. Als er weiterfahren durfte, wurde er von zwei Polizeiwagen ständig beschattet

Einst wurde das geheimnisvolle Beidaihe und was Pekings Führer dort ausheckten als Barometer für Chinas Politik betrachtet. Es ist es immer noch, nur weniger messbar.

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