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Wie die Zusammenarbeit mit China funktioniert

Von Xiao Geng
Xiao Geng zur Zusammenarbeit mit China.

China ist als Land schwer zu verstehen, sogar für die meisten Chinesen. Doch die geheimnisvollen Aspekte Chinas – seine lange Geschichte, die unendliche Weite und Vielgestaltigkeit des Staatsgebiets, die riesige und vielfältige Bevölkerung, seine komplexe Politik und eine gewaltige, dynamische Wirtschaft – sind wichtig für das Verständnis des Landes. Was in China vor sich geht, betrifft, wohl oder übel, jeden von uns.

Am schwersten bei der Ergründung Chinas tun sich westliche Beobachter. Der niederländische Sinologe Hans Kuijper formulierte, dass in der westlichen Sinologie etwas ganz grundsätzlich verkehrt läuft: „Entweder geben China-Experten vor, über alles mit China in Zusammenhang stehende Bescheid zu wissen. Dann sind sie nicht ernst zu nehmen. Oder sie räumen – letztendlich – ein, hinsichtlich des Landes keine wissenschaftlichen Allrounder zu sein. In diesem Fall können sie wiederum nicht als ‚China-Experten‚ bezeichnet werden.“

Es bestehen offensichtliche Gründe, warum es Menschen aus dem Westen so schwer fällt, China zu verstehen. Zunächst, weil China auf eine sehr lange Geschichte als kontinentale landwirtschaftlich geprägte Zivilisation mit einer starken Zentralregierung und einheitlichen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Systemen zurückblickt.

Dies unterscheidet sich in hohem Maße von der geografischen Fragmentierung und dem politischen Wettbewerb, die historisch im Westen zu beobachten waren – dem Geburtsort des modernen Nationalstaates und des Marktkapitalismus. Diese historische Diskrepanz hilft bei der Erklärung, warum das heutige China einige Ziele wie den Ausbau von Infrastruktur in großem Maßstab viel effizienter erreicht als der Westen, andere jedoch – wie den Aufbau einer Demokratie – weitaus langsamer.

Es besteht jedoch keine klare Grenze zwischen der chinesischen Zentralplanung und dem demokratischen Kapitalismus des Westens. So kann das kommunistische China beispielsweise im Hinblick auf ungezügeltes Marktverhalten weit „kapitalistischer“ sein als westliche Länder. Tatsächlich befinden sich zwei Drittel der „staatlichen“ Wirtschaft mittlerweile in privater Hand. Und doch geschah das nicht im Rahmen einer „Privatisierung“ nach westlichem Vorbild.

Systeme brauchen Reformen

China fordert traditionelle westliche Rahmenwerke mit einem langfristigen, pragmatischen und kontextbezogenen politischen Ansatz heraus. Beeinflusst durch alte chinesische Philosophie denken politische Entscheidungsträger in komplexen Systemen. Sie sind sich bewusst, dass Systeme keine statischen Gebilde sind und daher auch nicht durch starre Regeln und Verfahren in entsprechender Weise gelenkt werden können. Um die für regelmäßige Reformen und adaptive politische Entscheidungen unerlässliche Stabilität, Funktionalität und Entwicklung komplexer Systeme zu ermöglichen, sind flexible relationale Prinzipien oft weitaus nützlicher.

Die Technologie hat diesen Anpassungsprozess unterstützt, weil sie zur Überwindung von Koordinations- und Kommunikationsproblemen beitrug. Die App WeChat beispielsweise verbindet komplexe Netzwerke und Organisationen und erleichtert damit die zeitgerechte Umsetzung riesiger, komplexer Projekte.

Ein weiteres bemerkenswertes Merkmal chinesischer Politik besteht in der Tendenz, das kollektive Überleben über individuelle Interessen zu stellen. Anders als etwa die Vereinigten Staaten verfügt China über umfassende Erfahrungen mit systemischem Verfall und Zusammenbruch. Die chinesische Führung weiß sehr wohl, welches Maß an Instabilität auf derartige Entwicklungen folgen kann – und wie schwierig der Wiederaufbau ist. Daher setzt sie sich für den Erhalt, die Entwicklung und die Stärkung bestehender Systeme ein, auch wenn dies für den Einzelnen kurzfristige Kosten mit sich bringt.

Aber auch hier besteht die Gefahr reduktionistischen Denkens. Vordergründig lässt sich Chinas Ansatz mit dem anderer Länder vergleichen, wenn man dazu eine aus Ich-Ich- sowie Wir-Wir-Denkweisen bestehende Zwei-mal-zwei-Matrix verwendet. Die USA – insbesondere unter dem ehemaligen Präsidenten Donald Trump – verkörpern seit langem den Ich-Ich-Ansatz, im Rahmen dessen das kollektive Wohl hinter die individuellen Rechte und Freiheiten zurücktritt.

Wenn die neue Covid-19-Strategie als Hinweis interpretiert werden darf, könnte die Biden-Administration die USA in Richtung eines Ich-Wir-Ansatzes stoßen – der zwar immer noch die individuellen Rechte in den Vordergrund stellt, aber dennoch ein Auge auf das kollektive Wohl hat – wobei gesagt werden muss, dass diese Vorgehensweise ohne Zweifel auf heftigen Widerstand stoßen wird. Das Musterbeispiel für diese Kategorie sind Europas Sozialdemokratien.

Wir-Wir statt Ich-Wir-Denkweise

Die asiatischen Länder wiederum fallen zum Großteil in die Wir-Ich-Kategorie, die das Kollektiv in den Vordergrund stellt, aber trotzdem Wert auf individuelle Rechte legt. Chinas Schwerpunkt auf kollektivem Wohlergehen ist jedoch ausgeprägt genug, um das Land – zusammen mit Kuba – in das Wir-Wir-Lager einzuordnen. Nichtsdestotrotz werden in beiden Ländern die Forderungen nach individuellen Rechten lauter.

Fest steht, dass die sich vertiefende internationale Integration es externen Kräften ermöglichte, das chinesische Denken zu beeinflussen, ebenso wie China zunehmend den Rest der Welt prägt. Leider werden solche dynamischen Rückkopplungsschleifen oft als Nullsummenspiel behandelt, wobei die Länder nicht nur an vertrauten Ansätzen und Perspektiven festhalten, sondern auch versuchen, anderen ihre Methoden aufzuzwingen.

Genau das gedenkt Biden auch zu tun, nämlich mit seinem Plan, ein Konzert der Demokratien aufzubauen, um China als Teil eines „extremen Wettbewerbs“ zwischen den beiden Mächten einzudämmen. Dadurch werden alle schlechter gestellt. Denn wie die Covid-19-Pandemie gezeigt hat, ist globale Zusammenarbeit unerlässlich, um grenzüberschreitende Herausforderungen wie Terrorismus, Migration, Ungleichheit und Klimawandel zu bewältigen. Wenn Länder sich gegenseitig bekriegen, werden diese Herausforderungen nur noch größer.

Vorerst bringt China sein eigenes Haus in Ordnung, wie etwa durch die Umsetzung seiner „Strategie der dualen Kreisläufe“, die darauf abzielt, Chinas Resilienz in den Bereichen Lieferketten und Markt durch das Hauptaugenmerk auf den „internen Kreislauf“ zu stärken. Allerdings schließt diese Strategie Zusammenarbeit nicht aus. Im Gegenteil, China begrüßt die stärkere Zusammenarbeit bei gemeinsamen Herausforderungen, solange dies keine Kompromisse hinsichtlich seiner grundlegenden Überzeugungen oder Systeme bedeutet.

Gemeinsames Narrativ muss her

Ist der Westen zur Kooperation bereit – ohne Versuche, China zur Überschreitung roter Linien wie Regimewechsel zu zwingen – wird die Ausarbeitung eines neuen globalen Gesellschaftsvertrags unerlässlich sein. Das bedeutet zunächst einmal Reformen multilateraler Institutionen wie der Vereinten Nationen, des Internationalen Währungsfonds, der Weltbank, der Welthandelsorganisation und der Weltgesundheitsorganisation.

Durch die Einbeziehung aller Stakeholder kann dieser Prozess die Entwicklung eines gemeinsamen Narrativs fördern, im Rahmen dessen jedes Land seine Rolle innerhalb des globalen Kollektivs festlegt. In einem derartigen Szenario würden die USA und China ihren Teil zum Schutz der globalen Gemeingüter beitragen, anstatt um die globale Vorherrschaft zu konkurrieren.

Xiao Geng ist Präsident der Hong Kong Institution for International Finance sowie Professor und Direktor des Institute of Maritime Silk-Road an der HSBC Business School der Universität Peking.

Mitautor ist Andrew Sheng, Distinguished Fellow am Asia Global Institute der Universität Hongkong und Mitglied des Beirats für nachhaltige Finanzen des Umweltprogramms der Vereinten Nationen. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2021.
www.project-syndicate.org

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