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Warum die wissenschaftliche Zusammenarbeit mit China weitergeführt werden sollte

Von Julia Haes und Klaus Mühlhahn
Julia Haes, Gründerin des China-Instituts für die deutsche Wirtschaft, und Klaus Mühlhahn, Sinologe und Präsident der Zeppelin Universität.

Der wissenschaftliche Austausch mit China ist neuerdings unter Verdacht geraten. Forschungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat anlässlich des 50. Jahrestages der wissenschaftlichen Kooperationen mit China zu Wachsamkeit aufgerufen. China sei vom strategischen Partner zum harten Wettbewerber und systemischen Rivalen für Deutschland und die EU geworden. Für DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee geht gar die Ära der partnerschaftlichen Beziehungen zwischen China und Deutschland zu Ende. Politiker und Wissenschaftsmanager in Deutschland sind zunehmend der Auffassung, die Forschungskooperationen seien unfair und würden einseitig China nutzen.

Nach 50 Jahren erfolgreicher Kooperation ist gegenseitiges Misstrauen an die Stelle des Glaubens an den gemeinsamen Nutzen von wissenschaftlicher Zusammenarbeit getreten. Ein seltsames Gebräu aus Isolationismus und Nationalismus breitet sich weltweit aus. Wir leben in einer Zeit der beginnenden Deglobalisierung. Sowohl Deutschland als auch China stellen zunehmend Eigeninteressen über gemeinsame Anliegen und träumen von einer Zukunft mit größerer „Unabhängigkeit“ und „Autonomie“, auch wenn von Abkopplung historisch kein Land je profitiert hat.

Aber was sind die Konsequenzen?

Hinter der neuen Angst vor China steht die Sorge, dass China Deutschland wissenschaftlich überholen wird. Schließlich verfügt China über weit mehr intellektuelles Kapital als jedes andere Land der Erde. Im Jahr 2030 werden 37 Prozent aller Absolventen von Mint-Fächern aus China stammen – verglichen mit 1,4 Prozent aus Deutschland.

Chinas Aufstieg in der Wissenschaft

Die Bedeutung des chinesischen Bildungssystems wird auch am kontinuierlichen Aufstieg der chinesischen Universitäten in den globalen Rankings deutlich. Deutsche Spitzen-Universitäten wie die TU München (Platz 50) liegen schon heute hinter den chinesischen (Qinghua Universität: 17, Peking Universität: 18).

China hat das dynamischste Wissenschaftssystem der Welt. Im angesehenen Nature Index steht die Chinesische Akademie der Wissenschaften (CAS) aktuell auf Platz eins, vor der Harvard University (Platz zwei) und der Max-Planck-Gesellschaft (Platz drei).

Ein weiterer Indikator sind Forschungsartikel, die auf Fachkonferenzen eingereicht werden. Im Bereich der Halbleiterforschung gilt etwa die „International Solid-State Circuits Conference (ISSCC)“ als Indikator für die Intensität der Forschungsbemühungen in den Herkunftsländern. In den letzten Jahren hatten immer die USA die meisten angenommenen Artikel, gefolgt von Südkorea auf Platz zwei und China auf Platz drei. 2022 hatte China erstmals die meisten Beiträge. 198 Arbeiten wurden insgesamt angenommen, davon 59 aus China, 42 aus den USA und 32 aus Südkorea. China war in allen Forschungsbereichen stark vertreten.

Keine Bedrohung, sondern Chance für Deutschland

Chinas Bildungssystem sollte weniger als Bedrohung, sondern vielmehr als Chance begriffen werden. Deutsche Forschungseinrichtungen wurden enorm gestärkt, indem sie chinesische Studierende, Doktoranden und Wissenschaftler rekrutierten. Die deutsche Forschungslandschaft wird ganz wesentlich durch herausragende chinesische Gastwissenschaftler und Partner verstärkt. Wenn Deutschland diese Wissenschaftler und Partnerschaften nun abweist, dann schadet Deutschland vor allem sich selbst. Heute muss jedes Wissenschaftssystem, das nicht offen ist für Talente und Kooperationen aus der ganzen Welt, den Abstieg in die zweite Liga befürchten.

Das deutsche Wissenschaftssystem ist weniger durch China bedroht, sondern eher durch hausgemachte Probleme wie Unterfinanzierung, Investitionsmangel und mangelnde Agilität. Exzellenz und internationale Spitzenforschung werden gestärkt durch Kooperation, aber auch durch den internationalen Wettbewerb um Talente, Mittel und Zitations-Indizes.

Trotzdem haben einige deutsche Universitäten ihre Kooperationen mit China auf den Prüfstand gestellt. Die Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf sowie die Universität Hamburg haben entschieden, die Zusammenarbeit mit ihren Konfuzius-Instituten einzustellen. Aber die selbstgerechten deutschen Wissenschaftspolitiker und Universitätsverwaltungen wissen nicht – oder wollen es nicht wissen – wie sehr sich Rektoren und Präsidenten vieler chinesischer Universitäten dafür einsetzen, sowohl internationale Kooperationen als auch die Studierenden vor politischem Druck zu schützen. Die Proteste gegen die Covid-Politik im Dezember 2022 begann in den Universitäten genau deshalb, weil dort von mutigen Leitungen über die Jahre ein wertvolles Maß an Freiheit bewahrt werden konnte.

Cambridge zeigt, wie Zusammenarbeit gelingt

Im November 2022 veröffentlichte das MIT in Cambridge umfangreiche Richtlinien für den Umgang mit chinesischen Universitäten und Forschungseinrichtungen, aus dem deutsche Institutionen viel lernen können. Die Kommission, die die Richtlinie erarbeitete, verweist explizit darauf, dass eine Abkoppelung von chinesischen Partnern die Position des MIT als Spitzen-Universität gefährden und dem wissenschaftlichen Fortschritt schaden würde. Dementsprechend soll die Kooperation mit chinesischen Partnern explizit weitergeführt und ausgeweitet werden. Projektleiter und Gutachtergremien erhalten klare Handlungsempfehlungen, was bei Kooperationsprojekten zu beachten ist und unter welchen Umständen solche Projekte abzulehnen sind.

Die Richtlinien zeigen, dass ein kritischer, aber dennoch konstruktiver Umgang mit chinesischen Partnern möglich ist. Und sie beweisen auch Mut und Entschlossenheit einer Hochschulleitung, sich in einem chinakritischen Klima nicht an Spekulationen und Anschuldigungen zu beteiligen oder einzuknicken, sondern sich ein eigenes, auf Evidenz und Expertise basierendes Urteil zu bilden.

Auch deutschen Universitäten stünde ein solches Vorgehen gut zu Gesicht. Deutsche Universitäten genießen in China einen ausgezeichneten Ruf, und die allermeisten zurückgekehrten Studierenden oder Wissenschaftler fühlen eine lebenslange Verbundenheit zu Deutschland.

Die chinesischen Hochschulen haben das Land in Wissenschaft und Technik an die Weltspitze geführt. Sie haben zahllose politische Kampagnen in der sozialistischen Volksrepublik China überlebt, und immer wieder aktiv ihren Freiraum als wissenschaftliche Institutionen verteidigt – oft unter schwierigen Umständen. Sie haben Eingriffe wie die aktuellen Beschränkungen unter Xi Jinping kommen und gehen sehen. Sie müssen langfristig denken. Das sollten wir auch.

Indem wir unsere Verbindungen zu chinesischen Universitäten abbrechen, schaden wir am meisten den Wissenschaftlern, die die Werte einer offenen und freien Wissenschaft teilen und sich dafür unter Inkaufnahme persönlicher Nachteile einsetzen. Die direkte Zusammenarbeit und Kommunikation mit Studierenden und Wissenschaftlern vor Ort in China trägt dazu bei, die allgegenwärtige Rhetorik und Propaganda der Regierung zu durchbrechen, alternative Perspektiven zu bieten und diskursive Räume zu etablieren.

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