Themenschwerpunkte


USA und China: Positiver strategischer Wettbewerb

von Michael Spence
Michael Spence schreibt über die Herausforderungen in der Zusammenarbeit mit China.
Michael Spence, Wirtschaftsnobelpreisträger und Senior Fellow der Denkfabrik Hoover Institution

Mittlerweile ist weithin anerkannt, dass die wirtschaftlichen und technologischen Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und China von einer Kombination aus strategischer Zusammenarbeit und strategischem Wettbewerb geprägt sein werden. Strategische Zusammenarbeit wird in der Regel begrüßt, denn die Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen – vom Klimawandel über Pandemien bis hin zur Regulierung im Bereich der Spitzentechnologien – erfordert das Engagement der beiden größten Volkswirtschaften der Welt. Strategischer Wettbewerb wird jedoch tendenziell als beunruhigende, ja sogar bedrohliche Aussicht betrachtet. Das muss nicht sein.

Die Befürchtungen hinsichtlich des amerikanisch-chinesischen Wettbewerbs, insbesondere im technologischen Bereich, sind Ausdruck einer Überzeugung auf beiden Seiten, dass ein auf nationaler Sicherheit basierender, weitgehender Nullsummen-Ansatz unvermeidlich ist. Diese Annahme steuert die Entscheidungsfindung in eine unkonstruktive, konfrontative Richtung und erhöht die Wahrscheinlichkeit politischer Fehler.

In Wirklichkeit bestehen positive und negative Formen des strategischen Wettbewerbs. Um die Vorzüge des positiven Wettbewerbs – und deren Nutzung – zu verstehen, müssen wir einen Blick darauf werfen, wie Wettbewerb die Innovation in den Volkswirtschaften vorantreibt.

In fortgeschrittenen Volkswirtschaften und Ökonomien mit hohem mittleren Einkommen sind Produkt- und Prozessinnovationen der Motor für Produktivitätssteigerungen – ein entscheidender Faktor für langfristiges BIP-Wachstum. Der öffentliche Sektor spielt durch Investitionen in Humankapital und vorgelagerte wissenschaftliche und technologische Forschung eine Schlüsselrolle bei der Förderung dieser Innovation. Anschließend übernimmt der private Sektor in einem dynamischen Wettbewerbsprozess – von Joseph Schumpeter bekanntermaßen als „schöpferische Zerstörung“ bezeichnet.

Schumpeters Schöpferische Zerstörung

Gemäß der Schumpeter’schen Dynamik erlangen die Unternehmen, die erfolgreiche Innovationen hervorgebracht haben, eine gewisse vorübergehende Marktmacht, die eine Kapitalrendite abwirft. Aber in dem Maße, in dem andere weiter Innovationen hervorbringen, schmälern sie die Vorteile des ursprünglichen Innovators. So wiederholt sich der Kreislauf von Wettbewerb und technologischem Fortschritt.

Dieser Prozess reguliert sich jedoch nicht von selbst, und es besteht die Gefahr, dass die ursprünglichen Innovatoren ihre Marktmacht nutzen, um andere daran zu hindern, sie herauszufordern. Die Innovatoren der ersten Stunde können beispielsweise den Zugang zu Märkten verweigern oder erschweren oder potenzielle Wettbewerber aufkaufen, bevor diese zu groß werden. In manchen Fällen werden wettbewerbsfeindliche, etablierte Unternehmen durch Regierungen mittels Subventionen unterstützt.

Um den Wettbewerb – mit all seinen weitreichenden Vorteilen für Innovation und Wachstum – zu erhalten, müssen die Regierungen eine Reihe von Regeln aufstellen, die wettbewerbswidriges Verhalten verbieten oder die Unternehmen abhalten, so zu agieren. Eingebettet sind diese Regeln in die Kartell- oder Wettbewerbspolitik und in Systeme, die die Grenzen der Rechte am geistigen Eigentum festlegen.

Die USA und China sind führend bei der Weiterentwicklung zahlreicher Technologien, die in der Lage sind, das globale Wachstum anzukurbeln. In welchem Ausmaß sich die beiden Länder engagieren, hängt jedoch vor allem von den Zielen ab, die sie verfolgen.

Wie bei den führenden innovativen Unternehmen einer Volkswirtschaft könnte das primäre Ziel in technologischer Vorherrschaft bestehen, also der Schaffung und Aufrechterhaltung eines klaren und dauerhaften technologischen Vorsprungs. Um das zu erreichen, würde ein Staat versuchen, einerseits die Innovation im Land zu beschleunigen und andererseits den größten Konkurrenten zu behindern, indem man ihm beispielsweise den Zugang zu Informationen, Humankapital, anderen wichtigen Vorleistungen oder externen Märkten verwehrt.

Dieses Szenario stellt ein Beispiel für schlechten strategischen Wettbewerb dar. In beiden Ländern – und tatsächlich in der gesamten Weltwirtschaft – wird so der technologische Fortschritt geschwächt, nicht zuletzt durch die größenmäßige Begrenzung des gesamten zugänglichen Marktes. Angesichts der Unwahrscheinlichkeit einer langfristigen technologischen Vorherrschaft könnten Länder ein stärker praxisorientiertes und potenziell vorteilhafteres Ziel anpeilen. Für die USA besteht es darin, nicht ins Hintertreffen zu geraten; für China, den Aufholprozess in Bereichen abzuschließen, wo man derzeit hinterherhinkt. In diesem Szenario konkurrieren sowohl China als auch die USA, indem sie massiv in die wissenschaftlichen und technologischen Grundlagen ihrer Volkswirtschaften investieren.

Diversifizierung an sich ist dabei keine wettbewerbsfeindliche Politik. Chinas Strategien Made in China 2025 sowie die Initiative des dualen Kreislaufs sehen vor, die technologische Leistungsfähigkeit Chinas zu stärken und gleichzeitig die Abhängigkeit von ausländischen Technologien, Vorleistungen und sogar der Nachfrage zu verringern. Auch das amerikanische Gesetz zur Investition in Innovation durch Forschung und Entwicklung und zur Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit (der America Competes Act) aus dem Jahr 2022 zielt darauf ab, die wissenschaftlichen und technologischen Fähigkeiten des Landes zu verbessern und – nicht zuletzt durch die Verringerung der Abhängigkeit von Importen aus China – seine Lieferketten zu stärken. Obwohl die Gesetzesvorlage noch nicht in ihrer endgültigen Form vorliegt, können die darin enthaltenen Bestimmungen weitgehend mit gutem strategischen Wettbewerb in Einklang gebracht werden.

Guter Wettbewerb in nationaler Sicherheit und Militär sind unmöglich

Der einzige Bereich, in dem guter Wettbewerb unmöglich ist, ist die nationale Sicherheit. Obwohl in Konflikten viele Technologien zum Einsatz kommen können, gilt es, maßgebliche und hauptsächlich für militärische und sicherheitspolitische Zwecke verwendete Technologien von dem ansonsten relativ offenen globalen Technologiewettbewerb abzugrenzen.

Derzeit besteht die Gefahr darin, dass zu viele Technologien als relevant für die nationale Sicherheit eingestuft werden und somit Nullsummenregeln unterliegen. Dieser Ansatz hätte die gleichen Auswirkungen wie das fehlgeleitete Streben nach technologischer Vorherrschaft sowie deren Aufrechterhaltung und würde die wirtschaftlichen Vorteile des Wettbewerbs untergraben.

Idealerweise sollten die Länder anstreben, eine Führungsposition im Bereich Innovation zu erreichen oder sie zu verteidigen, ohne den Versuch zu unternehmen, andere daran zu hindern, sie herauszufordern. Angesichts des beträchtlichen weltwirtschaftlichen Gegenwinds – darunter Bevölkerungsalterung, hohe Staatsverschuldung, zunehmende geopolitische Spannungen und Konflikte sowie angebotsseitige Störungen – und der steigenden Investitionen zur Bewältigung der Herausforderungen in den Bereichen Umwelt und Chancengleichheit benötigt die Welt mehr denn je eine positive Form des strategischen Wettbewerbs.

Michael Spence ist Wirtschaftsnobelpreisträger, Professor Emeritus der Stanford University und Senior Fellow an der Hoover Institution. Übersetzung: Helga Klinger-Groier

Copyright: Project Syndicate, 2022.
www.project-syndicate.org

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