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USA-China: Plädoyer für mehr Diplomatie

Von Gerhard Hinterhäuser
Gerhard Hinterhäuser zur Diplomatie zwischen China und den USA.

Einen Ratschlag, den Henry Kissinger Joe Biden mit auf den Weg gegeben hat, ist es, alles zu tun, um einen Krieg mit China zu vermeiden. Dieser würde eine Katastrophe vom Ausmaß des ersten Weltkrieges bedeuten. Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit eines militärischen Konflikts zwischen den USA und China und welche Rolle soll Europa einnehmen?

Als Präsident Nixon und Henry Kissinger Anfang der 1970er Jahre vor dem Hintergrund des Kalten Krieges die Annäherung an China betrieben, stand das Land vor dem Abgrund: der Anteil am globalen Bruttosozialprodukt lag bei unter 5 Prozent, im Welthandel war China ein Zwerg, es war international vollkommen abgeschottet und technologisch ein hoffnungslos rückständiger Fall.

Peking will ins Zentrum der Weltbühne

Die von Deng Xiaoping 1978 initiierten Reformen machten das Land binnen einer Generation zur weltweit zweitgrößten Wirtschaftsmacht. Heute ist das von Präsident Xi Jinping ausgegebene Ziel, die USA bis 2049 ein- wenn nicht gar zu überholen, China seinen gerechtfertigten Platz im Zentrum der Weltbühne zu geben und die Erneuerung des chinesischen Traums zu verwirklichen.

Mit der wirtschaftlichen Entwicklung ging ein Erstarken der militärischen Kraft einher, das China zu geostrategischen Initiativen veranlasst hat, die aus chinesischer Sicht vollkommen legitim sind, von den USA jedoch als Bedrohung seines Status angesehen werden. Peking beansprucht weite Teile des südchinesischen Meeres, hat eine Militärbasis in Dschibuti aufgebaut, die zwar noch klein ist, aber als Basis für eine weitere Expansion gilt und es hat mit der Belt and Road Initiative Abhängigkeiten erzeugt, aufgrund derer die eigene Vision der Welt unterstützt wird.

Die heutige Auseinandersetzung zwischen den USA und China spiegelt laut dem Historiker Graham Allison viele geschichtliche Konflikte zwischen Großmächten wider. Allison hat über die letzten 500 Jahre 16 Fälle untersucht, in denen eine neu aufstrebende Macht den Status Quo einer existierenden Macht in Frage stellte. In zwölf dieser Fälle kam es zum Krieg und in nur vier Fällen konnte ein solcher vermieden werden.

China sieht sich als die zweitgrößte und in absehbarer Zeit sogar als größte Wirtschaftsmacht der Welt berechtigt eine Neuausrichtung der internationalen Ordnung zu fordern, die seinen Kerninteressen Rechnung trägt. Es ist in einen Wettbewerb der Systeme getreten und will die eigene Gesellschaftsordnung einbringen. Gleichzeitig sucht es Revanche für die Erniedrigung, die dem Land durch die Kolonisierung im 19. Jahrhundert zugefügt wurde und es ist mangelndem Respekt gegenüber in einem Maße sensibel, das vielfach Erstaunen hervorruft.

Die USA werfen China Undankbarkeit für die Unterstützung beim wirtschaftlichen Aufbau vor und behaupten, dass Peking die Weltordnung verändern will, um autoritäre Ziele und seinen Hegemonieanspruch zu verwirklichen. Außerdem investiere China große Summen in die Entwicklung erstklassiger Streitkräfte, um die USA zu übertreffen. Somit stelle es eine erhebliche Bedrohung für Frieden und Freiheit in der Welt dar.

Allisons Forschung zeigt: So unwahrscheinlich und unerwünscht ein militärischer Konflikt auch sein mag und so katastrophal seine absehbaren Konsequenzen – dies konnte in der Vergangenheit einen Krieg nicht verhindern und das dürfte auch heute noch gelten. Voraussetzung für einen militärischen Konflikt sind nicht die Intentionen der aufkommenden Macht. Es ist die potentielle Bedrohung für die etablierte Macht und die Unvereinbarkeit dieser Bedrohung mit dem Status Quo. Es braucht für den Ausbruch eines Krieges keine ‚großen Anlässe‘. Meinungsverschiedenheiten auf Nebenschauplätzen sind oft genug eskaliert und in einen Krieg gemündet.

Kriegsgefahr mit Diplomatie eindämmen

Zu den wichtigen geostrategischen Herausforderungen unserer Zeit gehört der Druck, den das Aufkommen einer Nation mit einer Jahrtausende alten Zivilisation und einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen auf die etablierte internationale Ordnung ausübt. Noch nie ist ein Land so schnell in so viele Dimensionen der Macht vorgestoßen und zwingt mit seiner schieren Größe der Welt ein neues Gleichgewicht auf. Dabei ist davon auszugehen, dass das Reich der Mitte das Selbstverständnis und die Ambition hat, nicht nur in Asien, sondern auch weltweit die führende Nation zu sein und die USA in dieser Rolle zu ersetzen.

Aus historischer Sicht ist ein militärischer Konflikt zwischen beiden Mächten nicht nur möglich, sondern sogar wahrscheinlicher als ein friedlicher Ausgang. Es wird im laufenden Jahrzehnt von entscheidender Bedeutung sein wie die USA und China das Spanungsverhältnis zwischen Wettbewerb und Kooperation ausleben. Ein Unterschied zur Historie sind die globalen Probleme unserer Zeit. Die daraus resultierenden Interdependenzen und das Vertrauen, das bei der gemeinsamen Suche nach Lösungen entstehen sollte, sind positive Faktoren. Eine Schlüsselrolle bei der Vermeidung eines Krieges kommt den Kommunikationslinien zwischen den Regierungen beider Länder zu. Hier muss Präsident Biden für belastbare Strukturen sorgen. Europa muss es vermeiden, zum Spielball der Mächte zu werden. Es steht unzweideutig an der Seite der USA und würde in einen Krieg mit hineingezogen. Die Rolle Europas besteht darin, auf der Grundlage einer erhöhten Wettbewerbsfähigkeit seinen gebührlichen Platz zwischen den USA und China einzunehmen, seine guten Beziehungen zum Reich der Mitte einzubringen und als Vermittler zwischen den Kontrahenten zu agieren.

Dr. Gerhard Hinterhäuser ist Partner bei der Unternehmensberatungsgesellschaft Bingmann Pflüger International. Er lebt in Asien und Deutschland und war von 2006 bis 2014 Mitglied der Geschäftsführung der staatseigenen Firma PICC Asset Management Co. Ltd. in Shanghai.

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