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Verletzte Gefühle und alte Freunde

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling aus dem Jahre 2017

Das Klima zwischen den USA und China als unterkühlt zu bezeichnen, ist ein klassisches Understatement. Derzeit sehen fast neun von zehn US-Bürgern (89 Prozent) in der Volksrepublik eine unfreundliche Wettbewerberin und Feindin, aber keine Partnerin. Das fand eine repräsentative Online-Umfrage des Washingtoner Instituts für Meinungsforschung Pew Research Center heraus, die zeitgleich mit der Eröffnung des Volkskongresses erschien. Pew nutzte bei seiner Befragung auch einen „Temperaturmesser“. Für 67 Prozent hätten sich ihre China-Gefühle „abgekühlt“, während es 2018 erst 46 Prozent waren. Fast jeder vierte Bürger (24 Prozent) gab eisige null Grad an, fast dreimal mehr als es 2018 waren.  

Der emotionale Temperartursturz wirkt wie eine Retourkutsche, auf die von Peking regelmäßig gegenüber dem Ausland gemachten Vorwürfe, die „Gefühle des chinesischen Volkes verletzt zu haben.“ (伤害中国人民的感情). Mit dieser Formel drischt es auf Staaten, Unternehmen, Einzelpersonen oder Institutionen aller Art ein, von denen sich Chinas Regierung auf die Füße getreten fühlt. Es sei, wie der „Economist“ meinte, ein Schachzug der Partei, um sich im Ausland einmischen zu können. Dabei wird das chinesische Volk nicht befragt, ob es sich beleidigt fühlt. Pekings Außenministerium und seine Parteimedien entscheiden stellvertretend, wann, wie, wo und von wem seine „Gefühle“ verletzt werden.

„Verletzte Gefühle des chinesischen Volkes“ wird zum Polit-Slogan

1959 druckte die Volkszeitung erstmals die Formel als Warnung an Neu-Delhi, weil indische Truppen im Himalaya chinesisch beanspruchtes Terrain überschritten hätten. David Bandursky vom China Media Project untersuchte 143 Beispiele, wo die Volkszeitung zwischen 1959 und 2015 das Label, „die Gefühle des chinesischen Volkes verletzt zu haben“ dem Ausland aufklebte. 51-mal wurde Japan verwarnt, 35-mal die USA. „Nach 1978 an wurde der Slogan zum festen Bestandteil des politischen Diskurses der Partei.“  

Seit Peking außenpolitisch offensiver seine Interessen vertritt und dazu die Wirtschaftsmuskeln spielen lässt, passiert es immer öfter, dass sich die Gebrandmarkten aus Angst vor Sanktionen zur öffentlichen Entschuldigung genötigt fühlen. 2018 leistete der Autokonzern Mercedes Benz bei der chinesischen Botschaft in Berlin Abbitte, nachdem er in einem Werbespot den (nur in China politisch geächteten) Dalai Lama zitiert hatte. Der italienischen Luxusmarke Dolce&Gabbana (D&G) wurde ein witzig gemeintes Video zum Verhängnis, das eine mit Stäbchen Pizza essende Chinesin zeigte. Peking empfand den Spot zutiefst diskriminierend. D&G musste Modenschauen absagen, seine China-Umsätze fielen. Die nationalistische „Global Times“ triumphierte: „Fakten zeigen, dass die Verletzung der nationalen Gefühle des chinesischen Volkes vom Markt bestraft wird und die 1,3 Milliarden Menschen des Landes entscheiden.“

Mercedes, Dolce&Gabbana und Ronald Reagan

Am pauschalen Vorwurf änderte sich seit 60 Jahren nichts. Nur die Zahl der an verletzten Gefühlen leidenden Chinesen musste nach jedem Volkszählung aktualisiert werden. 1959 waren es 670 Millionen Menschen. Im August 1980 warf Xinhua dem damaligen US-Präsidenten Ronald Reagan vor, er habe „die Gefühle von einer Milliarden Menschen tief verletzt“, weil er ein Verbindungsbüro der US-Regierung auf Taiwan einrichten wollte. Wer im Ausland kritisch über Chinas drei T-Tabus (Taiwan, Tibet und Tiananmen) spricht, verletzt automatisch die Gefühle des chinesischen Volkes. 

Im Jahr 2000 waren 1,2 Milliarden Menschen beleidigt, nachdem Schweden seinen Literatur-Nobelpreises an den in Frankreich lebenden Dissidenten Gao Xingjian verlieh. 2012 verletzte laut Xinhua Japan die Gefühle von 1,3 Milliarden Chinesen, als sich im September 2012 Chinas Inselstreit mit Japan zuspitzte, wem die Diaoyu (Senkaku)-Inseln im ostchinesischen Meer gehören.

Eigener Wikipedia-Eintrag

Auf der Liste der Gefühlsverletzer stehen oder standen Hollywoodstars von Richard Gere bis Brad Pitt (wegen Tibet), Sänger aus Taiwan und K-Pop-Bands wie BTS aus Südkorea, die nordamerikanische Basketballliga (NBA), Hotelketten oder Fluggesellschaften. Wikipedia trug entsprechende Beispiele aus aller Welt zusammen. Die Bertelsmann-Stiftung erklärte auf einem Schaubild, wie Chinas Regierung ihren Vorwurf zu „einem mächtigen Werkzeug machte, um ausländische Institutionen zu zwingen, sich Pekings ideologischen Postulaten zu unterwerfen.“. 

Im September 2007 traf die Pekinger Empfindlichkeit Kanzlerin Angela Merkel, als sie in Berlin den Dalai Lama traf und „die Gefühle des chinesischen Volkes und die beiderseitigen Beziehungen verletzte und schwerwiegend unterminierte“. Weil Frau Merkel danach aber jedes Jahr China besuchte und nie wieder den Dalai Lama traf, wurde sie wieder zur „lao pengyou“, der „altehrwürdigen Freundin des chinesischen Volkes“ (中国人民的老朋友).

Merkel ist „altehrwürdige Freundin des Volkes“

Lao pengyou zu sein ist der Gegenpart zum Gefühle-Trampler. Politiker und Wirtschaftsführer, die mindestens dreimal China besuchten, haben Anspruch darauf. Die Ausnahme von der Regel war Henry Kissinger, der alle Führer Chinas von Mao Zedong bis Xi Jinping traf. Weil Peking ihn brauchte, nannten ihn Mao und sein Premier Zhou Enlai schon bei ihrem zweiten Treffen „alten Freund.“ Kissinger notierte in seinem Buch „China“: Peking „schmeichelt den Besuchern, indem es sie als ‚alte Freunde‘ begrüßt. Wodurch man es ihnen schwer macht, zu widersprechen und in Konfrontation zu gehen.“   

Freundschaft, so Kissinger werde nicht als „persönliche Eigenschaft“ gesehen, sondern alslangfristige kulturelle, nationale oder historische Bande“ geknüpft. Chinas Führung hätte sich im Umgang mit Fremden „ein wenig von der traditionellen Behandlung der Barbaren bewahrt.“  

Im Umkehrschluss bedeutet es, dass die so tief verletzten Gefühle des chinesischen Volkes im Nu verheilen, sobald der angebliche Verursacher Peking wieder nützlich erscheint. Oder gar nicht erst aufkommen, wenn sich alle zusammentun, um dem kalkulierten Druck zu widerstehen.  

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