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Verunglückt vor Tageseinbruch

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Eine makabre Trauergesellschaft machte sich auf den Weg in die Pekinger Westberge. Beamte der Staatssicherheit eskortierten die kleine Gruppe von Angehörigen, die am 4. Juni im vergangenen Jahr zum Wan’an-Friedhof fuhren. Sie gedachten ihrer Kinder und schmückten deren dortige Gräber mit Blumen. Die Polizei ließ sie nicht aus den Augen.

Die Mutter von Duan Changlong kam im Rollstuhl. Auf seinem Gedenkstein steht: „Er war Student der Chemie an der Universität Tsinghua, Jahrgang 1984. Er wurde am 19. Oktober 1965 geboren und starb am 4. Juni 1989.“ Statt dem Wort „sterben“ wählten die Eltern den schriftsprachlichen Begriff „Yu Nan“ (遇难) für „verunglückt.“ Davor schrieben sie als Zeitpunkt seines Todes „Ling Cheng“ (凌晨 – in der Morgendämmerung): „Verunglückt vor Tagesanbruch.“

Ein Grabstein ist eine der wenigen Erinnerungen an die Opfer des Tiananmen-Massakers am 4. Juni 1989.
„Verunglückt vor Tagesanbruch“ steht auf dem Gedenkstein für den Studenten Duan Changlong, der am 4. Juni 1989 starb. Eines von acht Gräbern für die Opfer des Tiananmen-Massaker, deren Urnen auf dem Pekinger Wan’an Friedhof bestattet liegen.

Duan wurde kurz nach Mitternacht von Kugeln getroffen, als sich Armeeverbände ihren Weg mitten durch die Hauptstadt freischossen, mit dem Ziel, den von demonstrierenden Studenten besetzten Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) zu räumen. Im Unterschied zu vielen Hunderten anderer Opfer in jener Nacht bekam Duan ein Grab. Seine angesehene Familie durfte die Urne bestatten und ihm einen Gedenkstein setzen, so, wie es auch den Verwandten von sieben weiteren Getöteten gelang. Jedes Jahr am 4. Juni besuchen ihre Angehörigen, die sich der selbstorganisierten Hinterbliebenen-Initiative der „Tiananmen-Mütter“ angeschlossen haben, die acht Gräber. 

Ich entdeckte sie in den 1990er-Jahren durch Zufall. Wan’an liegt knapp eine Stunde Autofahrt Richtung Westen am Rande der Xiangshan-Berge. Er ist einer der ältesten und weitläufigsten Pekinger Friedhöfe, indem sich auch die Grabanlage für einen Helden der Revolution befindet, für den 1927 gestorbenen Mitbegründer der chinesischen KP, Li Dazhao. Schulklassen pilgern dorthin, ohne auch nur zu ahnen, wer noch auf dem Friedhof liegt. 

Was den Märtyrern der Demokratiebewegung widerfuhr, konnte von ihren Eltern nur vorsichtig angedeutet werden. Auf dem Gedenkstein für Yuan Li haben sie als Nachruf geschrieben: „Er war keine 30 Jahre alt, als er dieser Welt plötzlich entrissen wurde/Unser Hoffnungsstern ist erloschen/Der Herr des Himmels ist ungerecht/Einen starken Jungen hat er geraubt, aber uns Alte leben lassen/In unglückseligen Zeiten geboren und gestorben/Unsere Herzen zersprungen, aller Frohsinn entflohen.“ 1960 wurde ihr Sohn geboren, in den „unglückseligen Zeiten“ der Hungerkatastrophe nach Maos Kampagne des „Großen Sprung nach vorn“. 

Auch die Eltern von Hao Zhijing schrieben unter sein Todesdatum, den 3. Juni, eine Zeitangabe, wann er genau starb: „Wu Ye“(午夜) – Chinas Wort für Mitternacht. Sie widmen ihm die Zeilen: „30 Jahre lang haben wir dich aufgezogen. Gerade als du deine Kraft für die vier Modernisierungen unseres Landes einsetzen wolltest, bist du gestorben. Warum schlägt am helllichten Tag der Blitz ein?“ 

Wie viele Menschen in der Nacht auf den 4. Juni ums Leben kamen, gilt Peking als Staatsgeheimnis. Anfangs gab das Regime Auskunft: Am 6. Juni 1989 sagte Staatssprecher Yuan Mu, 5.000 Soldaten und 2.000 Zivilpersonen seien verletzt und etwa 300 Menschen getötet worden, darunter 23 Studenten. Ende Juni korrigierte Pekings Oberbürgermeister: Zehn Soldaten und 200 zivile Opfer starben. Darunter seien 36 Studenten gewesen. Danach schwiegen die Behörden.   

Alle Toten wurden rasch eingeäschert. Eltern, die ihr Kind identifizieren konnten, durften die Urne nach Hause bringen. Die einstige Professorin Ding Zilin, deren 17-jähriger Sohn Jiang Jielan erschossen wurde, verwahrt sie in ihrer Wohnung auf einem kleinen Altar. Ding gründete 1990 eine Sammlungsbewegung für Angehörige, die sie die „Tiananmen-Mütter“ nannte. Immer mehr Hinterbliebene meldeten sich bei ihr. 1995 begannen sie allen Verfolgungen und Schikanen der Behörden zum Trotz, jährliche Briefe an die Regierung zu schreiben. Sie verlangten nach einer „unabhängigen und gerechten“ Untersuchung der Ereignisse, nach Aufklärung jedes Todesfalles, nach Entschädigung und gerichtlicher Verfolgung der Verantwortlichen.

Diese Woche veröffentlichten die „Tiananmen-Mütter“ erneut einen offenen Brief: „32 Jahre sind vergangen. Wir sehen keine Bereitschaft bei den offiziellen Stellen, den blutigen Vorfall aufzuklären. Das Massaker vom Juni 1989 bleibt ein Tabu.“ Erneut fragen sie: „Wie viele Menschen wurden getötet, wie viele verletzt?“ Weil alle Informationen dazu blockiert werden, wüssten „viele junge Menschen heute nichts über das Massaker, oder glaubten nicht, dass es dazu kam.“

Die Mütter appellieren an Parteichef Xi Jinping, der gerade pompöse Feiern zum 100. Geburtstag der Partei am 1. Juli vorbereiten lässt, seine Worte zu erfüllen, dass die Partei dem Wohle des Volkes zu dienen habe. „Seit dem Ende der 1990er-Jahre haben wir die Regierung aufgefordert, sich zu einem friedlichen Dialog über alle Fragen der Tragödie des ‚Vierten Juni‘ mit uns zusammenzusetzen, um nach dem Gesetz Lösungen zu finden.“ 122 Hinterbliebene unterzeichneten diesen Brief. Darunter steht ein Hinweis, dass 62 der ursprünglichen Mitglieder inzwischen verstorben sind.

Auf ihrer Webseite haben die „Tiananmen-Mütter“ einen virtuellen Friedhof angelegt. Sie dokumentieren dort die von ihnen mühevoll recherchierten Namen von 202 Opfern des 4. Juni, deren Tod von mindestens zwei Zeugen bestätigt wurde. Die acht Namen der Gräber vom Wan’an Friedhof sind auch darunter.

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