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China braucht sich nicht zu entschuldigen. Oder doch?

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Das Foto von Willy Brandts Kniefall, aufgenommen am 7. Dezember 1970 vor dem Mahnmal für die Opfer des Aufstands im Warschauer Ghetto, bewegte nicht nur Europa. Die Bitte um Vergebung des Bundeskanzlers berührte damals ebenso die Menschen in China. Vergangenen Dezember, zum 50. Jahrestag der Demuts-Geste Brandts, erinnerten sich noch viele Chinesen online. Kommentare verlangten, dass sich auch Japan so eindeutig wie einst Deutschland zu seiner Kriegsschuld bekennt.

Allerdings wollte keiner der Blogger wissen, ob sich jemals ein chinesischer Führer für Fehler seines Landes entschuldigt oder sie bedauert hat. Nur Ding Zilin, Gründerin der Hinterbliebenenvereinigung „Mütter des Tiananmen“, traute sich, die Pekinger Führung öffentlich zu fragen, wann sie das Massaker des 4. Juni 1989 bereuen würde. Ihre Elterninitiative setzte sich vergeblich Jahr um Jahr für die Rehabilitierung ihrer in der damaligen Nacht getöteten Kinder ein – darunter auch Dings 17-jähriger Sohn. Wahllos hatte die Armee auf Demonstranten und Studenten geschossen. Die Forderung der Mütter, die einst Verantwortlichen für den Schießbefehl anzuklagen, verhallte ungehört, ebenso wie ihr Appell an die heutige Führung, die Tiananmen-Tragödie neu zu bewerten. 

Peking denkt nicht daran. Im Gegenteil: Es will alle Welt zwingen, das Tiananmen-Massaker von 1989 zu vergessen. Hongkong macht das gerade mit. Auf Druck des neuen Nationalen Sicherheitsgesetzes musste sich die „Hongkong Allianz zur Unterstützung patriotischer demokratischer Bewegungen in China“ selbst auflösen, die seit Jahrzehnten die jährlichen Tiananmen-Mahnwachen organisierte. Diese Woche sollte nun die seit 1997 in der Universität von Hongkong (HKU) stehende „Säule der Schande“ demontiert werden. Der dänische Künstler Jens Galschiøt hatte die acht Meter hohe Skulptur geschaffen – gedacht als ständiges Mahnmal an die Opfer von 1989.

Ausschnitt der acht Meter hohen Skulptur "Säule der Schande" zum Gedenken an das Tiananmen-Massaker.
Ausschnitt der acht Meter hohen Skulptur „Säule der Schande“.

Hongkong muss dem Vorbild der Volksrepublik folgen, wo allein die Erwähnung von Tiananmen 1989 tabu ist. Pekings Zensoren gehen im Inland noch einen Schritt weiter. Sie lassen die Kulturrevolution und andere mörderische Verfolgungskampagnen Maos als „in guter Absicht“ begangene Irrtümer neu deuten. China braucht sie daher nicht zu bereuen. Die Schulbücher sind gerade dazu umgeschrieben worden.

Seit die Kommunistische Partei auf ihrem großen Parteitag 2017 den „Beginn eines neuen sozialistischen Zeitalters“ unter den Leitgedanken von Parteichef Xi Jinping ausrufen ließ, kehrt eine alte Tradition zurück. Immer schon war es eine Besonderheit des chinesischen Nationalcharakters, freiwillig weder Fehler einzugestehen noch sie öffentlich zu bereuen, um das Gesicht nicht zu verlieren.

Nach dem Ende der Kulturrevolution hatte die erste Politikergeneration mit politisch-kulturellen Reformen versucht, solche alten Denk- und Verhaltensweisen aufzubrechen, weil sie der Modernisierung Chinas im Weg standen. So förderte der reformorientierte Parteichef Hu Yaobang 1985 die spektakuläre Veröffentlichung eines negativen Psychogramms des chinesischen Nationalcharakters, verfasst von dem auf Taiwan lebenden Historiker und Kulturkritiker Bo Yang (柏杨). Sein Buch „Der hässliche Chinese“ (丑陋的中国人) erschütterte das chinesische Selbstbewusstsein.

Umschlag für Bo Yangs berühmte Kulturkritik: "Der hässliche Chinese", der niemals Fehler eingesteht. Die mit den Karikaturen von Satire-Altmeister Fang Cheng illustrierte Pekinger Ausgabe erschien 2008.
Umschlag für Bo Yangs berühmte Kulturkritik: „Der hässliche Chinese“, der niemals Fehler eingesteht. Die mit den Karikaturen von Satire-Altmeister Fang Cheng illustrierte Pekinger Ausgabe erschien 2008.

Bo Yang schrieb – satirisch überspitzt – den Chinesen ins Stammbuch, kulturell und charakterlich unfähig zu sein, ihre Fehler einzugestehen, geschweige denn sie zu bereuen. Er führt das unter anderem auf einen tief sitzenden Minderwertigkeitskomplex und die ständige Angst zurück, das Gesicht zu verlieren. Das trotz ideologischer Zensur zum Bestseller gewordene Buch löste eine Bo-Yang-Begeisterung in China aus 

Selbst die nationalistische Global Times lobte ihn einst: Augenzwinkernd schrieb sie, dass das Buch “ Der hässliche Chinese und die Krise der chinesischen Kultur“ möglichst nicht an Ausländer weiterempfohlen werden sollte, damit die nicht erkennen, „wie wir Chinesen wirklich sind. Seit seiner Veröffentlichung 1985 hat das Buch eine Debatte über die dunkle Seite im chinesischen Leben provoziert.“

Und 2013 schrieb die Global Times: „Chinesen sind nicht gut darin, Kritik zu akzeptieren. In seinem Buch stellt der taiwanesische Autor Bo Yang heraus, dass die ‚Krankheit‘ der Chinesen in ihrer Angst liegt, das Gesicht zu verlieren und in ihrer Weigerung, ihre Fehler einzugestehen. Wenn sie Kritik hören, ist ihre erste Reaktion nicht darüber nachzudenken, sondern hart zurückzuschlagen.“

Chinas Öffentlichkeit akzeptierte solche Kritik. Heute ist das nach nur wenigen Jahren nicht mehr vorstellbar. Peking sieht sich vom Ausland bedroht, attackiert und verleumdet und lässt nach Innen allen Dissens brutal verfolgen.

Die Phase der Toleranz war nur kurzlebig, erlaubte aber, dass ehemalige Rotgardisten ihre Vergangenheit ernsthaft aufzuarbeiten begannen. Sie gestanden Verbrechen, die sie während der Kulturrevolution begingen, bekannten sich zu Schuld und Verantwortung. 2014 erschien noch eine Aufsehen erregende Essaysammlung. Unter dem Titel. „Wir bereuen“ (我们忏悔) meldeten sich irregeführte einstige Rotgardisten zu Wort, ebenso wie bekannte Intellektuelle mit kritischen Analysen. Wiederholt nutzten sie den Begriff „daoqian“ (道歉), der in Chinesisch stärkste Ausdruck für tiefe Reue.

2014 erschien die Aufsatzsammlung "Wir bereuen" im renommierten Pekinger Citic-Verlag, mit den Beichten ehemaliger Rotgardisten und Analysen bekannter kritischer Intellektueller. Auf der Banderole steht: "Reue zeigen rettet meine Seele. Toleranz zu zeigen rettet die Menschlichkeit des Anderen". Ein solches Buch könnte heute nicht mehr erscheinen.
2014 erschien die Aufsatzsammlung „Wir bereuen“ im renommierten Pekinger Citic-Verlag, mit den Beichten ehemaliger Rotgardisten und Analysen bekannter kritischer Intellektueller. Auf der Banderole steht: „Reue zeigen rettet meine Seele. Toleranz zu zeigen rettet die Menschlichkeit des Anderen“. Ein solches Buch könnte heute nicht mehr erscheinen.

Solche Versuche zur Vergangenheitsbewältigung passen nicht zur Agenda der heutigen chinesischen Führung, die auf ihrem Weg zur Weltmacht weder Selbstzweifel, noch das Eingestehen von Fehlern erlaubt. Statt objektive Geschichtsschreibung steht patriotische Propaganda auf ihrer Tagesordnung. 

Am früheren Enthüllungsreporter Luo Changping (罗昌平) statuierte Peking gerade ein Exempel. Vergangene Woche wurde der 40-Jährige festgenommen, nachdem er einen Mikroblog über den im Koreakrieg (1950-1953) spielenden patriotischen Kriegsfilm „Die Schlacht am Changjin See“ gepostet hatte. Der neue Blockbuster-Actionfilm, der alle Kinokassenrekorde gebrochen hat, ist eine Heldensaga im Kampf China gegen die USA.

Luos Verbrechen bestand darin, eine der Schlüsselszenen spöttisch zu kommentieren. Chinesische Soldaten erfrieren in Kompaniestärke bei extremen Minus-Temperaturen zu „Eisskulpturen“. Luo nennt sie in einem Wortspiel Sandfiguren (im Sinne von Dummköpfen), die den „weisen Befehlen“ ihrer Kommandeure blind folgen. Ohnehin gebe es nur wenige Chinesen, die heute noch danach fragten, ob der Krieg einst gerechtfertigt war.

Luo hätte Helden beleidigt, denunzierte ihn das Staatsfernsehen namentlich. Die Global Times schrieb schrill, er hätte „spirituellen Verrat“ an den Werten der chinesischen Nation begangen, „blasphemisch“ das Opfer der Soldaten geschmäht und die „Volksrepublik beleidigt.“ Luo könnte nach dem im Februar erlassenen neue Gesetz zum Schutz der Helden und Märtyrer nun zu bis zu drei Jahren Haft verurteilt werden

„Warum können wir Chinesen keine Fehler zugeben?“ (我们为什么不认错) fragte der Chinesischprofessor Yi Zhongtian (易中天) 2012 in einem literarischen Aufsatz. Er suchte nach Antworten in der feudalen kaiserlichen Ordnung, der klassischen Kultur und nach dem Zusammenhang mit dem Gesichtsverlust. Eine entscheidende Rolle spielte die Kulturrevolution, weil sie das gesamte Volk auf Mammutsitzungen zwang, „tief das eigene Ich und den Revisionismus zu kritisieren“ (斗私批修). Die unablässigen moralisch motivierten, absurden Selbstbezichtigungen und Selbstkasteiungen „waren die einzige Zeit, wo Chinesen sich für alles kritisieren und alles eingestehen konnten, ohne dabei wirklich ihr Gesicht zu verlieren.“

Doch die Angst, Fehler einzugestehen, sitze vielen noch im Nacken, warnt Yi. Sie nicht aufzuarbeiten und zu überwinden könnte eine erneute Kulturrevolution begünstigen.

Karikatur von Fang Cheng zum Thema: Chinesen und ihre Angst, das Gesicht zu verlieren. Satirische Illustration in der Pekinger Ausgabe von Bo Yangs "Der hässliche Chinese".
Karikatur von Fang Cheng zum Thema: Chinesen und ihre Angst, das Gesicht zu verlieren. Satirische Illustration in der Pekinger Ausgabe von Bo Yangs „Der hässliche Chinese“.

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