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Sind freie Märkte immer noch besser als Planwirtschaft?

Von Andrew Sheng und Xiao Geng
Xiao Geng zu Markt- und Planwirtschaft.

Im Jahr 1944 behauptete Friedrich A. Hayek, dass die spontane Ordnung der Märkte der vermeintlich dynamikhemmenden totalitären Ordnung kommunistischer oder faschistischer Regime von Natur aus überlegen sei. Die folgenden Jahrzehnte, in denen freie Marktwirtschaften florierten und die zentrale Planwirtschaft der Sowjetunion implodierte, schienen ihm recht zu geben. Dann kam China.

Die Eckdaten des phänomenalen wirtschaftlichen Aufstiegs Chinas sind bekannt: drei Jahrzehnte zweistelliges BIP-Wachstum; rund 700 Millionen Menschen, die aus der Armut geführt wurden; ein Infrastrukturboom; die Entstehung innovativer Tech-Giganten und ein umfassender Plan für weiteres (nachhaltiges) Wachstum und Entwicklung.

Chinas Erfolg hat die Überzeugung untergraben, dass freie Märkte die beste Entwicklungsstrategie für alle darstellen, und zwar so sehr, dass sogar der Internationale Währungsfonds – lange Zeit ein führender Verfechter der Ideologie der freien Marktwirtschaft – seine eigene Orthodoxie überdacht hat. Doch eine zentrale Planung nach chinesischer Art stößt im Westen immer noch auf Verachtung, wo sie von Beobachtern für ihre angebliche Undurchsichtigkeit und ihren repressiven Charakter herabgewürdigt wird.

Aber ist das chinesische System wirklich diametral entgegengesetzt zu dem der, sagen wir, Vereinigten Staaten? Mit einem Wort: nein.

Wirtschaftlicher Aufschwung durch Subventionen

Trotz ihrer lautstarken Unterstützung für freie Märkte sind die Ausgaben der US-Regierung seit 1970 stetig gestiegen. Im Jahr 2019 lagen sie bei 35,7 Prozent des BIP, verglichen mit 34,8 Prozent des BIP in China.

Die Coronakrise hat diesen Trend noch beschleunigt. Tatsächlich verdanken die USA ihre wirtschaftliche Erholung größtenteils massiven staatlichen Interventionen. Darüber hinaus bringt die Regierung von Präsident Joe Biden mit dem American Jobs Plan und dem American Families Plan nun Gesetze voran, die die wirtschaftliche Rolle der Regierung deutlich erweitern würden.

Da sich sowohl China als auch die USA in Richtung einer stärkeren Zentralisierung der Macht über die Wirtschaft bewegen, ist klar, dass gängige Dichotomien wie „Staat versus Markt“ und „Kapitalismus versus Sozialismus“ zu stark vereinfacht sind. Beide Länder stehen vor vielen gleichen Herausforderungen, angefangen bei der Sicherstellung, dass plutokratische Eliten keine Entscheidungen auf Kosten der breiten Masse treffen.

Sowohl der Staat als auch der Markt sind soziale Konstrukte. Wenn sich Märkte basierend auf Eigeninteresse spontan ordnen, wie Hayek beobachtete, kann es sein, dass sich die wachsenden Bürokratien sowohl in sozialistischen als auch in kapitalistischen Ländern nach Eigeninteressen ordnen. Wenn dies zutrifft, ist es unerlässlich, diese Interessen einzuschränken, um dafür zu sorgen, dass der Staat den Schwerpunkt weiterhin auf die Bereitstellung sozialer Güter legt.

Solange die USA an ihrer Identität als System der freien Marktwirtschaft festhalten, werden sie sich schwertun, dieser Herausforderung zu begegnen. Stattdessen könnte das, wovor der scheidende Präsident Dwight Eisenhower in seiner Abschiedsrede warnte – das „Erlangen von ungerechtfertigtem Einfluss“ durch den „militärisch-industriellen Komplex“ – unvermindert weitergehen (auch wenn dieser heute vielleicht in „militärisch-industrieller-technologischer-finanzieller-medialer-Komplex“ umbenannt werden würde).

Vertrauen in US-Institutionen schwindet

Dies könnte zur Erklärung beitragen, warum das Vertrauen in US-Institutionen heute so gering ist. Von den 26 Ländern, die 2020 im Edelman Trust Barometer bewertet wurden, rangierten die USA in Bezug auf das Vertrauen der Bevölkerung in NGOs, Wirtschaft, Regierung und Medien auf Platz 18. Im Jahr 2021 belegen sie Platz 21.

Im Gegensatz dazu genossen chinesische NGOs, Unternehmen, die Regierung und die Medien im Jahr 2020 das höchste Maß an Vertrauen. Während dieses Niveau im Jahr 2021 um zehn Prozentpunkte (von 82 Prozent auf 72 Prozent) sank, bleibt China auf dem zweiten Platz.

Dies spiegelt wahrscheinlich die Tatsache wider, dass China seine Fähigkeit bewiesen hat, politische Ziele in konkrete Projekte und Programme zu übersetzen, mit sichtbaren Vorteilen für die gesamte Bevölkerung, nicht nur für die Eliten. Laut einer aktuellen Studie, die auf Umfragedaten aus den Jahren 2003 bis 2016 basiert, „haben Chinas ärmere Einwohner das Gefühl, dass die Regierung bei der Bereitstellung der grundlegenden Gesundheitsversorgung, Sozialhilfe und anderen öffentlichen Diensten zunehmend effektiver ist“.

Für den deutschen Politikwissenschaftler Sebastian Heilmann macht Chinas „unorthodoxe“ Politikgestaltung – zusammen mit der Widerstandsfähigkeit der Kommunistischen Partei – das Land zu einem „roten Schwan“: eine „abweichende und unvorhergesehene“ Herausforderung für das westliche Entwicklungsmodell. Aus unserer Sicht ist China keineswegs eine Abweichung, und sein Erfolg sollte nicht schockieren.

Bürokratie hindert Pekings Reformen

China hat sich die zentrale Planung zunutze gemacht, um einen adaptiven und experimentellen Politikgestaltungsprozess zu verfolgen, bei dem die institutionellen Strukturen ständig auf den neuesten Stand gebracht werden, um neue Ideen und bewährte Praktiken widerzuspiegeln, die an lokale Bedingungen angepasst sind. Wie die Wirtschaftswissenschaftlerin Jiang Xiaojuan kürzlich betonte, ist der „Wille an der Spitze“ für den Fortschritt entscheidend, da er Stillstand bei komplexen Themen wie dem Klimawandel verhindert, wo Eigeninteressen leicht den Fortschritt blockieren können.

Das bedeutet aber nicht, dass die Politikgestaltung in China nicht kooperativ ist. Im Gegenteil: Bevor sie eine wichtige politische Entscheidung trifft, berät sich Chinas politische Führung mit Thinktanks und Akademikern, um theoretische Erkenntnisse zu gewinnen, und besucht lokale Gemeinden, um sich über die Situation vor Ort zu informieren. Anschließend starten sie Pilotprogramme, um praktische Umsetzungsprobleme aufzudecken und zu lösen und so Reformen und Programme zu entwickeln, die an weitere Kontexte angepasst werden können.

Sicherlich ist Chinas Ansatz nicht immun gegen Rent-Seeking oder die Zementierung von Sonderprivilegien. Die gezielte Anwendung von Maßnahmen und Programmen kann Fragmentierung, Verschwendung und übermäßigen Wettbewerb zur Folge haben – all das kann Chinas Bestreben untergraben, eine offene, komplexe und lebendige Marktwirtschaft aufzubauen.

Zudem kann sich, wie Jieun Kim und Kevin J. O’Brien gezeigt haben, die Bürokratie aktiv dem Fortschritt widersetzen. So fürchten lokale Beamte beispielsweise, dass größere Transparenz ihre operative Flexibilität und ihre Aufstiegschancen untergraben könnte. Das Gleiche kann aber auch passieren, wenn bestimmte Marktakteure zu viel Einfluss gewinnen. Die Überwindung solcher Herausforderungen erfordert Agilität, Kreativität und politischen Willen.

Kombinationen entwickeln

Sind freie Märkte einer Planwirtschaft also immer noch überlegen? Nun, das dürfte die falsche Frage sein.

Institutionelle Arrangements sind komplexe Systeme, die durch Geschichte, Geografie und Kultur geprägt sind. Das Ziel sollte nicht darin bestehen, einen allgemeingültigen Ansatz zu finden, sondern die Kombination von Merkmalen zu entwickeln, die das größtmögliche Wohl für die größte Anzahl von Menschen mit dem richtigen System der gegenseitigen Kontrolle in einem bestimmten Land bringen würde.

In diesem Zusammenhang hat Chinas System des politischen Experimentierens, der Implementierung und der Institutionalisierung von „Reform-Algorithmen“ zur Unterstützung der ständigen Anpassung in einem sich ständig verändernden Umfeld die Entwicklung des Landes entscheidend verändert. Den Beweis liefern die Ergebnisse.

Andrew Sheng ist Distinguished Fellow am Asia Global Institute an der Universität Hongkong und Mitglied des UNEP Advisory Council on Sustainable Finance. Xiao Geng, Vorsitzender der Hong Kong Institution for International Finance, ist Professor und Direktor des Research Institute of Maritime Silk-Road an der HSBC Business School der Universität Peking. Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

Copyright: Project Syndicate, 2021.
www.project-syndicate.org

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