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Seid gegrüßt, Genossen!

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Chinas Kommunisten sollen auch nach 100 Jahren stolz auf ihre proletarische Anrede „Genosse“ (同志 tongzhi) sein. So will es ihre Führung. 1921 schrieben sie ins Gründungsstatut: „Wer der Partei beitreten will, loyal ihr Programm und ihre Politik anerkennt und von einem anderen Mitglied empfohlen wird, ist ungeachtet von Geschlecht oder Nationalität unser Genosse.“  Seit Beginn der Reformen aber blätterte der Lack vom Wort Genosse ab. Lokale Parteibonzen ließen sich lieber „Boss“ rufen. Schlimmer noch: Nach der sexuellen Emanzipation in der Gesellschaft kaperte sich die LGBTQ-Bewegung den obsolet gewordenen Begriff. In der Szenesprache wurde aus Genosse eine Anrede zwischen Lovern des gleichen Geschlechts. 2016 eroberte die KP ihr Wort zurück. Seither müssen sich wieder „innerparteilich alle ohne Ausnahmen Genossen nennen.“ 

Einblendung des Filmtitels  誌同志  zhi tongzhi: Der Begriffe "Genosse" war lange von Schwulen gekapert.
Einblendung des Filmtitels 誌同志 zhi tongzhi: Der Begriffe „Genosse“ war lange von Schwulen gekapert.

Nur in der Armee stand die Anrede „Genossen“ immer hoch im Kurs. Dafür sorgte nach der Kulturrevolution Deng Xiaoping. Als Oberbefehlshaber ließ er den 35. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik mit einer Militärparade feiern. Dazu hatten die am 1. Oktober 1984 aufmarschierenden Streitkräfte eine neue Grußformel eingeübt. Deng fuhr in einer Rote-Fahne-Limousine mit offenem Verdeck an ihnen unter den Rufen vorbei: „Genossen – Ich grüße Euch!“ (同志们好!) und „Genossen – Ihr nehmt große Mühen auf Euch!“ (同志们辛苦了!). Die Soldaten brüllten zurück: „Führer: Wir grüßen Dich!“ und „Wir dienen dem Volk!“

Die Armee hat seither das Ritual für ihre Paraden beibehalten, auch unter allen späteren Nachfolgern Dengs bis zum heutigen Partei- und Militärchef Xi Jinping. Inzwischen ist das Wort Genosse wieder ein fester Bestandteil des Parteijargons. Im gerade nach einer dreitägigen ZK-Wirtschaftskonferenz veröffentlichten Kommuniqué steht im Schlussabsatz das Wort gleich fünfmal hintereinander. Xi fordert alle „Genossen der gesamten Partei“ (全党同志),  die „führenden  Genossen“ (领导同志) und  die „verantwortlichen Genossen“ (负责同志) zur Erfüllung der Aufgaben für das Jahr 2022 auf.   

Genosse ist wieder en Vogue. Die beiden Schriftzeichen des Wortes bedeuten „gemeinsames Wollen“. Die Partei hatte ihr Lehnwort, wie das Großwörterbuch Cihai erklärt, von einem mehr als 2.000 Jahre alten Sinnspruch abgeleitet, wonach „gemeinsame Tugenden und gemeinsames Herz zum gemeinsamen Wollen führen.“ (同德则同心,同心则同志). So steht es in den historischen Annalen des Guoyu-Jinyusi (国语·晋语四). Anfangs durften sich nur Parteimitglieder Genossen nennen. Nach 1949, so das Cihai, wurde daraus eine „allgemeine öffentliche Anrede.“ 

Nach den Reformen kamen Anreden wie „Dame“ oder „Herr“ auf

Das ging so lange gut, bis die Bürger dank Pekings Reformpolitik die Nase voll vom gleichmacherischen Namen hatten. Er passte nicht mehr zur angestrebten „zivilisierten Gesellschaft“ und auch nicht zur erhofften konfuzianischen Höflichkeit im Umgang miteinander. 2010 spiegelten die „Dienstleistungs-Standards“ der Pekinger Verkehrsbetriebe das neue Denken wider. Danach sollten Busreisende mit „Herr“, „Dame“ oder neutral mit „Fahrgast“ (乘客) angesprochen werden. Jugendliche und Kinder hätten ein Anrecht, „kleine Freunde oder Mitschüler“ gerufen zu werden. Nur Rentner dürften Genossen genannt werden – aber nur,  wenn es nicht anders geht. Süffisant schrieb die Pekinger Morgenzeitung Chenbao: Alle Älteren sollten entweder „Alter Meister oder Alter Lehrer“ gerufen werden und „erst dann Alter Genosse“. (老师傅“、“老先生“,然后才是 „老同志). Die damalige „Global Times“ titelte: „Don’t call passengers comrade.“ 

Für orthodoxe Kommunisten kam es noch schlimmer: Viele KP-Mitglieder verbaten es sich, Genosse genannt zu werden. Sie wollten mit ihrem Namen und Titel angesprochen werden. Lokale KP-Sekretäre ließen sich von ihren Untergebenen als „Großer Boss“ (大老板) oder „Chef Nummer 1“ (老大) schmeicheln. 

Die Marxisten rotierten und erst recht, als der wichtigste Solidarbegriff der Partei zu einem Modewort im Alltag umfunktioniert wurde. Chinas Schwulen- und Lesbenszene übernahm von der Gay-Community auf Taiwan und in Hongkong die Anrede „Genosse und Genossin“ als Codeworte für ihre gleichgeschlechtlichen Freundschaften. Das taten sie ganz offen. Seit 1997 war Homosexualität in der Volksrepublik nicht mehr strafbar und wurde ab 2001 von der Stigmatisierung befreit, eine „mentale Störung“ zu sein. 2008 drehte Filmemacher Cui Zi’en (崔子恩) einen preisgekrönten, bis heute auf Youku in China verfügbaren Dokumentarfilm „Queer China, ‚Comrade‘ China“ (誌同志) über die sexuelle Emanzipation unter den „Genossen“ in der Volksrepublik. Wie selbstbewusst die Bewegung auftrat, zeigte sich, als ihre Aktivisten 2012 lautstark protestierten, weil sich Chinas neu erschienenes „Modern Chinese Dictionary“ nicht traute, die zweite Bedeutung des Wortes Genosse zu erklären.

Xi lässt in der Sprache ideologisch aufräumen

Es dauerte aber noch bis 2014, bevor die KP unter Parteichef Xi antrat, um sich die ideologischen Positionen zurückzuerobern und wieder aufzubauen, die ein von ihnen als „kultureller Nihilismus“ gebrandmarkter Zeitgeist zerstört hatte. Die Parteiführungen in Guangdong und Ningbo waren die ersten, die ihren Mitgliedern verboten, sich und ihre Vorgesetzten  „Kumpel„,  „Chef“ oder „Boss“ zu nennen. Xi setzte schließlich durch, dass sich „innerparteilich alle wieder ohne Ausnahme als Genossen anreden müssen“ (党内一律称同志), wie das KP-Nachrichtenportal Ende 2016 enthüllte.

Die Hoffnung, dass sich durch die Rehabilitierung und Neubelebung des Begriffs Genosse die Dinge wieder umkehren und von ihrer „Unordnung ins rechte Lot gerückt“ werden können, stützt sich auf konfuzianisches Gedankengut. Konfuzius hatte einst seinem Schüler Zilu  (子路) die Frage beantwortet, was man zuerst tun müsse, um einen Staat zu regieren und die Herrschaft über ihn herzustellen: „Stell den Sinn der Begriffe wieder richtig (必也正名乎). Wenn die Begriffe nicht richtig sind, stimmen auch die Worte nicht; wenn die aber nicht stimmen, kommen keine Taten zustande… Der Edle ist in der Lage, die Begriffe zu bestimmen und seine Worte zu Taten werden zu lassen (名不正,則 言不順;言不順,則事不成;事不成…。君子于其 言,無所茍而已矣).“

Nach dieser Weisheit lässt Xi ideologisch aufräumen, zuerst in der Partei. Alle ihre Mitglieder sollen sich in Reih und Glied aufstellen, um – ebenso wie die Armee bei den großen Militärparaden – von ihm wieder als gute „Genossen“ begrüßt werden zu können. 

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