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Scholz-Besuch: Ein transkultureller Drahtseilakt

Von Ulrich Sollmann
Porträtfoto von Ulrich Sollmann im Anzug.
Psychologe Ulrich Sollmann lehrt an der Shanghai University of Political Science.

Zu einem schlechteren Zeitpunkt könnte der Kanzler gar nicht nach China fahren, betont Friedrich Merz lautstark und doch mit gepresster Stimme. Er wirft dabei dem Kanzler Respektlosigkeit auf ganzer Linie vor. Merz schmeißt jedoch, selbst im komfortablen Glashaus sitzend, respektlos mit Steinen. Er steht weder in der politischen Verantwortung, noch muss er sich in der politischen transkulturellen Kommunikation bewähren. Letztere ist gerade zur Zeit der aktuellen, sich verschärfenden Polarisierung nicht nur von Nöten, sondern eine rare Kunst. Eine Kunst, die gerade in China wachsam und oftmals schweigend, wohlweislich beobachtet wird. 

Scholz kann gar nicht, so könnte man einwerfen, einen besseren Zeitpunkt finden, um nach China zu fahren. Ist er doch der erste westliche Regierungschef, der nach langer Zeit China besucht: nach Corona, nach dem Beginn des Ukraine-Kriegs, nach der explodierenden Inflation, nach dem Parteitag, nach der erneuten Wahl Xi Jinpings und kurz vor dem anstehenden Treffen der G-20-Länder. 

Der Kanzlerbesuch scheint somit eine gewisse Vorreiter- oder Wegbereiter-Funktion zu haben. Er erzeugt, so könnte man vermuten, einen verlängerten neuen geopolitischen ersten Eindruck. Ein solcher Eindruck wirkt weniger durch die Einzelheiten der erörterten oder verschwiegenen politischen Sachinhalte oder Positionen. Diese werden sowieso hinter verschlossenen Türen verhandelt. Ein solcher erster Eindruck lebt vornehmlich von der psychosozialen Induktion von Emotionalität. Entweder findet man den Auftritt der Beteiligten in einem solchen Moment „gut“ oder „schlecht“. Man mag die Art und Weise, wie sich Scholz und Xi begrüßen werden, oder man spürt ein emotionales Unbehagen.

Dieses emotionale Geschehen prägt die Beziehungschemie der Beteiligten. In diesem Fall zwischen Olaf Scholz und Xi Jinping. Ebenso zwischen den Medien und den politischen Akteuren. Die mediale Berichterstattung prägt dann die Beziehungschemie zwischen Politik und Gesellschaft. Und bestenfalls die, welche sich zwischen den Kulturen China und Deutschland entwickelt.

Der Kanzler als Türöffner

Die geopolitische Lage erfordert eine neu zu überdenkende China-Strategie. Hierüber rauchen gewiss die Köpfe vieler, ob im Kanzleramt, oder in den Ministerien. Eine solche Strategie lebt aber auch von der Art und Weise, wie sie kommuniziert und umgesetzt wird. Der Besuch des Kanzlers in China hat daher unter anderem die Funktion eines kommunikativen Türöffners. Es wird abzuwarten sein, wie es Scholz gelingt, so zu kommunizieren, dass Xi seine Ohren und seine kulturellen Sinne öffnet. Ist dies doch die notwendige kommunikative Voraussetzung bei dem anstehen transkulturellen Drahtseilakt. 

Es wird in diesem Zusammenhang viel über die Unterschiede der politischen Systeme gesprochen, oder gar vom Wettstreit oder von der Rivalität der Systeme. Das macht Sinn. Es geht aber auch um den Unterschied zwischen den Kulturen, um den gelebten kommunikativen Respekt vor dem Andern, dem Fremden, trotz aller Unterschiedlichkeit und Diskrepanz.

Einige sprechen von interkulturellen Aspekten, andere von multikulturellen Unterschieden. Es wird hingegen zu wenig von der transkulturellen Kommunikation gesprochen. Um letztere geht es aber. Ich will es einen simplen Vergleich bringen. Stellen Sie sich vor, Sie würden eine neue Sprache lernen. Sie brauchen Vokabeln. Sie machen sich vertraut mit der Grammatik und den idiomatischen Regelwerken der Sprache. Dann beginnt das sprachliche Abenteuer. Sie springen in das kalte Wasser der gelebten Kommunikation und erleben sich selbst sowie ihr Gegenüber auch als emotional kommunizierende Menschen

Ich vergleiche den Erwerb von Vokabeln mit der interkulturellen Kommunikation, den des Erwerbs der Grammatik mit der multikulturellen Perspektive und die gelebte Kommunikation vor Ort als transkulturell, praktisch gelebte Kommunikation. 

Scholz tut also gut daran, sich mit allen drei Perspektiven vertraut zu machen. Welches sind die relevanten kulturellen Grundvoraussetzungen im Sinn von kulturellen Vokabeln, die gerade jetzt Bedeutung haben? Welches sind die relevanten kulturellen Kommunikationsmuster und Regeln, die es zu respektieren gilt. (Merz scheint in dieser Hinsicht noch seine Lernfähigkeit unter Beweis stellen zu müssen.) Und wird Scholz sich erfolgreich, das heißt anschlussfähig wie ein Fisch im kommunikativen (Wild-)Wasser bewegen können?

Wie wird er sich politisch und persönlich treu bleiben können und gleichzeitig emotional, relational anschlussfähig wirken? Er könnte konkret Türöffner in China sein. Er könnte möglicherweise hierdurch ein Narrativ für das G-20-Treffen initiieren, zudem gleichzeitig geopolitisch ein neues Rollenmodell verkörpern.

Transkulturell in China erfolgreich zu sein, könnte daher auch für Scholz heißen:

  • Sich inter-, multi- und transkulturell hinreichend zu üben, 
  • klare eigene Positionen zu entwickeln, die sich eher durch ihre Eigenständigkeit als durch „in Abgrenzung zur anderen“ auszeichnet,
  • zu wissen und zu spüren, dass nicht nur der Fremde fremd ist, sondern auch ich, mir selbst gegenüber, fremd bin, (Akzeptanz von eigenen blinden Flecken),
  • transkulturell resonanzfähig zu bleiben, ohne chinesischer als ein Chinese wirken zu wollen.

Dann ist politische Strategie nicht nur eine gute Strategie, sondern erweist sich auch in der jeweiligen Situation als eine Strategie, die gut genug ist.

Ulrich Sollmann ist Psychotherapeut, Politikberater und Gastprofessor an der Shanghai University of Political Science. Er ist Autor des Buches: Begegnungen im Reich der Mitte. Mit psychologischem Blick in China unterwegs (Psychosozial Verlag, 2018).

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