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Sammler verborgener Schätze

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinas Ideologen bestimmen und lenken, was ihre Bürger über die Geschichte der Volksrepublik wissen dürfen und denken sollen. Seit seinem Amtsantritt hat Parteichef Xi Jinping die zuvor drei Jahrzehnte lang geduldete kritische Aufarbeitung der Vergangenheit wieder zurückfahren und als historischen Nihilismus verurteilen lassen. Schulbücher wurden umgeschrieben, Medien und das Internet, Kunst, Kultur und Forschung werden zensiert, vergangene Ereignisse neu gedeutet oder verschwiegen. Dennoch gibt es viele Chinesen, die sich der Kontrolle bislang entzogen haben. Sie verfügen zu Hause über ihr eigenes Archiv mit Belegen und Quellen, was in der Volksrepublik einst wirklich passierte. Es sind Liebhaber von Zeitgeschichte.

Ungewollt half ihnen die KP dabei, ihre Sammlungen zu vervollständigen. Rund 15 Jahre nach Maos Tod begannen Ministerien, Gerichte, Bibliotheken, Verlage, sogar Sicherheitsbehörden ihre als überflüssig empfundenen, in Archiven und „ideologischen Giftschränken“ verwahrten Asservate zu verramschen. Darunter: indizierte Bücher, Manuskripte, Dokumente, Flugblätter. Einst verbotene und verborgene Schätze landeten auf den Flohmärkten der Großstädte. Diese wurden zu Fundgruben für Historiker, Hobby-Forscher und passionierte Sammler. So entstand eine Art unfreiwilliger chinesischer Vergangenheitsbewältigung. 

Postkarten mit Petitionen für den siebenjährigen Jungen Gedhun Choeki Nyima, der vom Dalai Lama 1995 als Reinkarnation des 11. Panchen Lama bestätigt wurde. Peking ließ ihn verschleppen und ersetzte ihn durch einen anderen Jungen als Panchen-Nachfolger.
Aus der Schweiz wurden 1996 massenweise Bittkarten an Chinas Führer Jiang Zemin verschickt, die die Freilassung des Jungen forderten. Sie landeten Jahre später auf Pekinger Flohmärkten.

Die Ansichtskarten aus dem Ausland lagen päckchenweise zwischen anderen Sammlerstücken auf einem Stand des Pekinger Flohmarktes. Sie waren mit Briefmarken aus der Schweiz frankiert und zeigten Fotos eines Jungen aus Tibet. Deutsche und englische Aufschriften forderten: „Freiheit für den jüngsten politischen Gefangenen der Welt“.

Die Solidaritätsschreiben stammten von internationalen Tibet-Initiativen, die in Europa Bürger aufriefen, per Postkarte nach Peking ihre Solidarität mit dem Jungen zu bekunden. Adressat war der damalige Parteichef Jiang Zemin. Er bekam die Postkarten nie zu sehen. Die Polizei bunkerte sie in ihren Archiven. 

Sie warfen China vor, den siebenjährigen Gedhun Choekyi Nyima im Mai 1995 verschleppt zu haben, nur Tage, nachdem ihn der Dalai Lama als Reinkarnation des verstorbenen 10. Panchen Lama anerkannt hatte. Die KP verdammte dessen religiöse Wahl. Sie ließ einen anderen Jungen zum designierten Panchen-Lama-Nachfolger bestimmen und den wahren Nachfolger verschwinden.  

Der Verbleib des heute 35-Jährigen gilt als Staatsgeheimnis. Der von Peking eingesetzte Ersatzlama, den tibetische Gläubige weiter den „falschen Jungen“ nennen, darf zu religiösen Feiertagen Tibets heilige Klöster aufsuchen, wo ihn die Mönche als 11. Panchen Lama verehren müssen.

Gedhuns staatliches Kidnapping (China.Table berichtete) und Pekings Rolle dabei wurde öffentlich immer verschwiegen. 2004 sah ich die Karten erstmals auf einem Pekinger Flohmarkt ausliegen. Er könne viel mehr davon besorgen, sagte der Händler, der offenbar nicht einmal wusste, wer der Junge war, aber mein Interesse bemerkte. 20 Yuan koste so eine Karte. Ab zehn gebe es Rabatt. Zur Herkunft wollte er nichts sagen. Eine von zehn Regeln für Pekings große Flohmärkte, wie den Panjiayuan (潘家园) oder den Tempelmarkt Bao Guosi (报国寺) lautete: „Woher die Sachen stammen, geht die Käufer nichts an“ (古玩交易卖家东西来自何方与买家无关).

Die plötzlich auftauchenden Postkarten beantworteten die Frage, was mit den vielen Tausend Amnesty-Petitionen geschah, die alljährlich aus Europa an Chinas Führer geschickt wurden. Sie wurden nicht vernichtet, sondern behördlich aufbewahrt.

Doch als Pekinger Ministerien, Institute und Gerichte um das Jahr 2000 Neubauten planten und umzogen, entrümpelten sie ihre überquellenden Asservatenkammern und ihre Staatsarchive. Säckeweise trennten sich Behörden von nutzlosen Beständen an vergilbten Dokumenten. Von verbotenen, einst kulturrevolutionären Karikaturen gegen innerparteilichen Feinde Maos, bis hin zu beschlagnahmten regimekritischen Schriften. Selbst intern klassifizierte alte Parteibeschlüsse, einstige Haftbefehle und Urteile, handgeschriebene Selbstkritiken oder Denunziationsschreiben wurden entsorgt. Eigentlich hätten sie geschreddert gehört. Clevere Flohmarkt-Händler mit Beziehungen nutzten die grassierende Korruption, amtliches Desinteresse und fehlende Kontrollen aus, um sie den Behörden oft zum Preis des Papiergewichts abzukaufen.

Propaganda-Flugblätter, die auf die taiwanische Insel Qinmen abgeworfen wurden: „Wer überleben will, muss kapitulieren“, steht auf dem Blatt. Die Rückseite wirbt, dass Chinas Armee taiwanesische Überläufer human behandele. Pekinger Behörden verwahrten Belege der Flugblätter und verhökerten sie offenbar später auf den Flohmärkten.
Die Karikatur zeigt Mao, der mit seiner Volkskommunen-Politik gescheitert ist, sein Präsidentenamt aufgab und dessen Funktionäre von den Bauern verjagt werden. Auf der Rückseite des Blattes stehen Aufrufe, Mao zu stürzen. Solche Flugblätter stammen vermutlich aus Pekinger Polizei-Archiven und wurden später auf Flohmärkten verkauft.

Alles, was unbrauchbar erschien, wurde offenbar ausgemustert. Darunter fielen stapelweise aufgehobene Flugblätter aus dem Propagandakrieg zwischen der Volksrepublik und Taiwan. Ab dem Ende der 1950er-Jahre ließ Peking die taiwanesische Insel Qinmen bombardieren und beschoss sie immer wieder auch mit Propagandagranaten voller Flugblätter. Offenbar behielten Pekinger Ministerien Belege zurück. Diese landeten auf den Flohmärkten, zusammen mit den von Taiwan über China abgeworfenen Flugblättern. Staatstreue Festland-Bürger sammelten sie auf und lieferten sie ab. Ich sah die Blätter vereint auf einem Stand liegen: Die einen riefen Taiwans Inselbewohner zur Kapitulation auf, die anderen Chinas Bauern zum Umsturz des Mao-Regimes.

Das Angebot war neu und traf auf Nachfrage: Nur zaghaft hatten sich private Flohmärkte, die mit Gründung der Volksrepublik verboten worden waren, nach Maos Tod wieder gegründet. Zuerst boten sie Ramsch und alte Fahrradteile, Werkzeug und Nähmaschinen an. Um 1980 tauchte der erste Pekinger Vogel- und Blumenmarkt auf.

Dann war bald kein Halten mehr. Die städtische Gesellschaft wurde wohlhabender, Kontrollen nahmen ab. Chinesen erwärmten sich wieder für ihr traditionelles Hobby, Antiquitäten, Rollbilder, Porzellan, Perlen oder Jade zu sammeln. Antik- und Kunstmärkte boomten. 

Neben der Leidenschaft für wertvolle Antiquitäten, die sich immer öfter als Fakes entpuppten, begannen sich Liebhaber erstmals auch für Objekte der eigenen Zeitgeschichte zu interessieren. Sie sammelte alles von Mao-Schriften und Devotionalien, Plakaten und Buttons, Kunst und Kitsch der Kulturrevolution, über Chinas System der Rationierungen bis hin zu privaten Tagebüchern und Familienbriefen.

Auch alte Fotos waren begehrt. Ich fand einmal Aufnahmen von Mao, der am 30. Oktober 1975 Bundeskanzler Helmut Schmidt und Frau Loki in seiner Residenz Zhongnanhai empfing. Die Originalabzüge waren offenbar ausgemustert worden, weil der deutsche Ehrengast mit Frau Loki auf einer Bank im Vorzimmer wartete, während Mao steht und gerade den Schmidt begleitenden damaligen deutschen Botschafter Rolf Friedemann Pauls begrüßt. Als ich Helmut Schmidt später in Peking traf, schenkte ich ihm eines der Fotos.

Originalabzug eines Fotos von Mao, der am 30.10.1975 Kanzler Helmut Schmidt empfing. Mao begrüßt den deutschen Botschafter Rolf Pauls, während Schmidt und Frau Loki noch warten. Die Aufnahme wurde nie veröffentlicht, weil die Schmidts noch sitzen, während Mao steht.

Manche Sammler spezialisierten sich auf die Auswirkungen der politischen Kampagnen Maos auf China, von der Landreform, dem Großen Sprung nach vorn, bis zur Kulturrevolution. Sie fanden auf den Flohmärkten neue Dokumente über Hungersnöte, nie gemeldete Natur- und Flutkatastrophen und brutale Verfolgung. Oder auch Rotgardistenzeitungen, die etwa den Funktionär Xi Zhongxun verdammten, den Vater von Xi Jinping. Selbst interne Dokumente und Fotos über das Tianan’men Massaker des 4. Juni 1989 wurden angeboten. 

Die Partei verlor die Kontrolle über ihr Narrativ zur Geschichte. Flohmärkte wurden so über Nacht Chinas einzige Plätze, die offen politische Geheimnisse preisgaben und auch noch die Beweise dafür lieferten. Für Peking war es eine rechtliche Grauzone.

Die Pandemie ruinierte die Flohmärkte

Während Museen zur Geschichte der Kulturrevolution erneut dicht machen müssen, das Außenministerium den Zugang zu seinen einst geöffneten historischen Archiven wieder einschränken ließ, konnten Sammler und Forscher auf den Flohmärkten Pekings bis kurz vor der Pandemie weiter fündig werden. Das galt auch für Dutzende chinesischer Metropolen, in denen überall Sammlermärkte entstanden, von Shanghai (上海城隍庙 古玩市场), über Chengdu (成都送仙桥古玩艺术城), Wuhan (武汉文物市场) bis Xi’an (西安古玩城) und Dalian (大连古文化市场).

Pekings Panjiayuan-Markt durfte sich schon 2004 einer der zehn größten Kulturmärkte des Landes nennen, er beherbergte bis zu 4.000 Händler. An Wochenenden kamen bis zu 100.000 Besucher, darunter Tausende ausländische Touristen. Der Flohmarkt wurde zu einem Markenzeichen der Hauptstadt, so wie die Große Mauer oder die Pekingente.

Wie alle Antikmärkte geriet auch der Panjiayuan durch Covid-19 an den „Rand des Zusammenbruchs“. Die Auswirkungen des wirtschaftlichen Slowdowns in China, die Folgen des Handelskrieges und die neue Epidemie, die zum Stillstand im Tourismus führten, trafen den Markt gleich dreifach schlimm

Händler suchten online Auswege aus der Misere. Im November 2020 gründete sich die „Panjiayuan Douyin E-Commerce Livestream Basis“ (潘家园电商直播基地), ein staatliches Kultur-Unternehmen, das ein neues Handelszentrum für Kulturgüter bauen ließ. Panjiayuans Antikhändler zogen in online geschaltete kleine Verkaufsräume um. Von dort aus vermarkten sie ihre Angebote per Live-Stream, unterstützt von Douyin, der chinesischen Mutter von Tiktok. Die staatliche Kulturbehörde wirbt mit dem „One-Stop Service“ um Kunden, denen sie Qualitätskontrolle, Echtheitsprüfung, Verpackung bis Logistik anbietet. Anfang 2022 hatten sich 561 Panjiayuan-Händler mit ihrem Business eingemietet und registrieren lassen. Bis Ende Oktober waren es 1.060 Händler, die 30 Arten „genehmigter Kulturgüter“ feilbieten dürfen – darunter Jadeartikel, Juwelen, Perlen oder Mahagoni-Holz.

Mit einem Flohmarkt hat das wenig zu tun. Zeitgeschichte ist auch nicht mehr dabei. Der Partei kann es nur Recht sein. 

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