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Sag es auf Chinesisch: 2-4-4-2

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Um die Sprache der Funktionäre in der Volksrepublik zu verstehen, reicht es nicht aus, nur Chinesisch zu können. Man sollte auch mit politischen Formeln und Zahlen vertraut sein. Noch nie seit Maos Zeiten ist die Sprache so ideologisiert, stereotypisiert und mit Parteispeak überfrachtet worden, wie in den zehn Jahren der Herrschaft Xi Jinpings. Das 2022 Standardisierte Wörterbuch für Gegenwartschinesisch  (现代汉语规范词典) erfasst trotz 2000 Seiten und 1000 neu aufgenommenen Begriffen nur wenige Wörter aus der Politsprache. Neue Begriffe, die Xi prägte, sind enthalten. Aber noch nicht sein Name. Der dürfte wohl erst nach dem 20. Parteitag Eingang auch in die Wörterbücher finden.      

Da inzwischen aber fast jeder neunte Chinese entweder Mitglied in der Partei oder im Kommunistischen Jugendverband ist, wird der Parteispeak immer wichtiger. Blogger spotten, wer auf der richtigen Seite stehen will, sollte sich an die Zahlen 2-4-4-2 halten. Sie seien die Zauberchiffre, die auch die Türen zum kommenden 20. Parteitag in Peking öffnen.  

Chinas Partei-Sprache: Sinnlose Zahlen-Parole: Slogan auf Banderole im Vorort von Peking während der politischen Wechselzeit (Aufnahme von 2013). Darauf steht:
Sinnlose Zahlen-Parole: Slogan auf Banderole im Vorort von Peking während der politischen Wechselzeit: (Aufnahme von 2013); Text: „Folgt in der Wechselzeit strikt den 5 Verboten, den 17, die man nicht tun darf und den 5 Bestrafungen.“

Es reicht aber nicht, diese Zahl nur zu murmeln. Man muss sie richtig aufschreiben, so wie der Chefideologe der Kommunistischen Volkszeitung, Ren Zhongping  (任仲平). In seinem aktuellen Kommentar mit Blick auf den Parteitag ruft er dazu auf, sich „noch enger um Xi Jinping zusammenzuschließen“ und dafür tiefschürfend zwei Festlegungen zu treffen, Vier-faches Bewusstsein und Vier-faches Selbstvertrauen zu zeigen und zwei Verteidigungen zu leisten (深刻领悟两个确立“的决定性意义,增强“四个意识“、坚定“四个自信“、做到“两个维护“).   

Die Zahlen-Magie spielt auch auf dem Parteitag eine Rolle

Das Kauderwelsch in Zahlen ist ein neuartiger Loyalitätsschwur auf Xi und wird vermutlich auch im Kommuniqué des Parteitags Einzug finden. Was bedeutet er? Mit zwei Festlegungen“ ist gemeint, dass Xi Kern der Partei ist und sein Denken ihre Leitideologie. „Vierfaches Bewusstsein“ bedeutet, dass sich alle Genossen über die Politik der Partei, die Gesamtlage, die Kernfragen und wie man vor der KP strammsteht, bewusst sein müssen. „Vier Mal Selbstvertrauen“ soll sagen, dass sie voller Selbstvertrauen in den sozialistischen Weg, in die Theorie, in das System und in die Kultur sein müssen. Die zweifache Verteidigung fordert sie auf, zum einen Generalsekretär Xi als Kern der gesamten Partei zu verteidigen und zugleich die Autorität des ZK.   

Das scheint so verquer wie der Name des Kommentators Ren Zhongping. Es gibt ihn nicht. Hinter dem Pseudonym verbirgt sich eine Schreibgruppe der Volkszeitung. Im gleichgeschalteten politischen Klima von Xis China greifen immer mehr Medien zu Decknamen für ihre Kommentare. Eigene Meinung ist weder gewollt noch erwünscht. Erneut sorgten mutige Blogger dafür, dass Dutzende solcher Tarnnamen jetzt aufgedeckt wurden. 

Suche nach der Meinung des Autoren.
Suche nach der Meinung des Autoren „Hast Du den Standpunkt des Verfassers gefunden? Antwort: „Ich bin schon auf Seite 15 und habe sie noch nicht entdeckt!“ Kritische Karikatur aus dem Jahre 1978 vom Altmeister der chinesischen Satire Hua Junwu an der Gleichschaltung der Medien.

Pseudonyme wurden in Chinas sozialistischer Gesellschaft auch früher verwendet. Heute fällt auf, wie häufig sie auftauchen, ebenso wie politisierte Zahlen. Schon Mao liebte einprägsame Chiffren. Als er Anfang der fünfziger Jahre Hunderttausende Kapitalisten bis zu Kleinunternehmern und korrupte Funktionäre als Konterrevolutionäre brutal verfolgen ließ, nannte er es seine „Drei Anti“ (三反) und „Fünf Anti“ (五反) Kampagnen. Seine Massen-Mobilisierung zur Jagd auf Spatzen, Fliegen und Ungeziefer hieß „Ausrottung der Vier Übel“ (除四害), seine sozialistische Erziehungskampagne „Vier Reinigungen“ (四清), seine kulturrevolutionären Exzesse gegen oppositionelle Intellektuelle wurde Kampf gegen „die stinkende Nummer 9“ (臭老九) genannt. Die acht Menschengruppen davor waren andere Gegner auf Maos Abschusslisten. 

Immerhin trauten sich nach Maos Tod zu Anfang der chinesischen Reformpolitik noch viele Intellektuelle und Künstler, Kritik an der rasch wieder beginnenden Gleichschaltung der Medien durch die Parteiaufseher zu üben, die als Erstes die Meinungsvielfalt unterdrückten. Das habe ihn so geärgert, sagte mir einst der renommierte Pekinger Satiriker Hua Junwu, dass er 1978 ein chinesisches Ehepaar zeichnete, wie es in einem riesigen Manusskript herumkrabbelt und vergebens nach dem Standpunkt des Verfassers sucht. Damals konnten solche Karikaturen noch in großen Parteizeitungen erscheinen.   

Chinas liberale Aufbruchsphase ist längst vorbei. Unter Xi haben stereotype Propagandafloskeln und Zahlenformeln in China wieder Oberhand gewonnene, seine Reden sind voll davon. In zwei gerade zur Einstimmung auf den 20. Parteitag in der Zeitschrift Qiushi veröffentlichten Aufsätzen verwendet er Begriffe  wie „Zehn, auf die wir bestehen“ (十个坚持), „Zwei Großlagen und Fünf in Eins Arrangement“ (两个大局,统筹五位一体), oder „Strategie der vier Umfassenden“ (四个全面战略布局). Er warnt vor „16 konkreten Risiken in 8 Bereichen“ (8个方面16个具体风险), ohne sie zu nennen

Solch sinnlose Zahlenreihen stehen als politische Botschaften auch entlang der Straßen. 2013 fotografierte ich einen besonders absurden Slogan in einem Pekinger Vorort. Auf dem roten Banner stand: „Folgt in der Zeit des Führungswechsels strikt den 5 Verboten, den 17, die man nicht tun darf, und haltet an den 5 Bestrafungen fest.“   

Chinas Partei-Sprache: Im neuen
Im neuen „Wörterbuch der Standardisierten chinesischen Gegenwartssprache“ (Ausgabe 2022) sind 1.000 neue Worte und Begriffe aufgenommen, darunter auch Sprachprägungen von Xi Jinping, aber nicht sein Name.

Nur mühsam, mithilfe von Online-Suchsystemen wie Baidu (Chinas Google), lässt sich der Parteispeak entziffern. Chinas drei große Nachschlagewerke für die heutige Sprache, „Xinhua-Wörterbuch“ (新华字典),  Modernes Chinesisch“ (现代汉语词典) und Standardisiertes Modernes Chinesisch“ (现代汉语规范词典) helfen kaum weiter, obwohl sie ständig aktualisiert werden und inzwischen auch digital genutzt werden können. Das weitverbreitete, in allen Schulen genutzte Xinhua-Wörterbuch, das bis heute mehr als 600 Millionen Mal verkauft wurde, erschien 2020 in seiner jüngsten Fassung, mit einer Vielzahl neuer Wörter. Dazu ein QR-Code auf jeder Seite, über den Nutzer die korrekte Schreibweise, Aussprache, Herkunft und Beispielsätze der Zeichen lernen.

Die Funktionärssprache aber bleibt ein Jargon für Eingeweihte. Acht Jahre arbeiteten 20 Sprachwissenschaftler an der Aktualisierung des Standardisierten Wörterbuchs für Modernes Chinesisch“. Die Neuauflage 2022  erschien mit tausend neuen Worten und Begriffen.

Darunter sind knapp zwei Dutzend Sprachschöpfungen aufgenommen, die auf Xi Jinping zurückgehen, etwa seine Seidenstraßen-Initiative, genannt „Belt and Road“ (一带一路). In der Erklärung dazu steht als Hinweis nur, dass dieses heute weltumspannende Projekt „zuerst von China vorgeschlagen wurde“. Der Name Xi taucht nicht auf, wie er auch im ganzen Wörterbuch fehlt, anders als im Wörterbuch stehende Mao Zedong-Denken oder Deng Xiaoping-Theorie. Die Xi-Gedanken, die täglich allerorten in China zitiert werden, sind als lexikalischer Begriff noch nicht verewigt, obwohl Xi 2018 dafür die Parteistatuten und die Verfassung ändern ließ.  

Sein namentlicher Einzug ins Wörterbuch dürfte wohl nach dem 20. Parteitag geschehen, wenn er noch höhere Weihen erhält. So lange stehen im Wörterbuch auch die von Xi geprägten Worte wie „Chinas Traum“ (中国梦)  oder Chinas „Neue Normalität“ (新常态) ohne seinen  Namen. Das gilt für ebenfalls neu aufgenommene Ausdrücke, die auf Xi zurückgehen, wie das auf „Made in China 2025“ zielende  „Überholen in der Kurve“ (弯道超车), oder das seinen autoritären Herrschaftsstil kennzeichnende „top-level design“ (顶层设计).   

Die meisten Neuzugänge im standardisierten Wörterbuch spiegeln Chinas Wandel seit 2014 wider, wie die Teilhabe Wirtschaft“ (共享经济), Kohlenstoff-Scheitel“ (碳达峰), „Klimaneutralität“ (碳中和),  „Feinstaub“ (细颗粒物),  „mobiles Bezahlen“ (移动支付), oder Internetbegriffe wie „WeChat“ (微信),  Gruppenchat“ (群聊) „Cloud computing“ (云计算), und Smartphone-Selfie“ (自拍).

Noch können sich Chinas Lexika ihrer Politisierung durch den Parteispeak entziehen. Das war nicht immer so. Jede politische Bewegung hat sich im Xinhua-Wörterbuch widergespiegelt, sagte mir einst der damalige EU-Botschafter in Peking, Endymion Wilkinson, ein bekannter Sinologe und Historiker. So mussten etwa in der während der Kulturrevolution 1971 erschienenen Ausgabe des Xinhua-Wörterbuchs 46 Zitate des Vorsitzenden Mao aufgenommen werden. Fast 2000 Einträge erhielten eine neue kulturrevolutionäre Bedeutung. Nach dem Tod Maos 1976 dauerte es 35 Jahre, bis 2011 ein fachlich ausgewiesenes Wörterbuch erscheinen konnte, mit auf Chinesisch übersetzten Wörtern für  futures trading“, white collar“, sex education“ oder generation gap“. Damals feierte die amtliche China Daily die Rückkehr der entpolitisierten Alltagssprache mit einem Wortwitz in ihrer Überschrift: „Better read than Red“.

Längst steht in China die ideologische Umkehr auf der Tagesordnung. Es dürfte nicht mehr allzu lange dauern, bis man in künftigen Wörterbüchern die Bedeutung  von 2-4-4-2 nachschlagen kann.

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