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Rotes Tuch für Hollywood

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Chinas Zug nach Westen ist abgefahren. Wie oft habe ich in den vergangenen 45 Jahren, in denen ich mit der Volksrepublik zu tun hatte, diesen Satz von deutschen Politikern oder Wirtschaftsführern gehört? Die Gesellschaft hätte sich von den Verführern des kapitalistischen Traums, ob in Mode, Popmusik oder Lifestyle, ihren Fastfoodketten, Softdrinks oder Pkws vereinnahmen lassen. Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Die Partei hat sich die westlichen Krämerseelen untertan gemacht und nach dem Markt süchtig werden lassen. Sie setzt Chinas Nachfragemacht ein, um die US-Softpower nach Art Hollywoods zu unterwandern und „deren Inhalte zu beeinflussen“.

Neuer Buchtitel (Penguin 2022) über die Saga von Hollywood und China. Erich Schwartzel ist Kulturkorrespondent des Wall Street Journal.
Neuer Buchtitel (Penguin 2022) über die Saga von Hollywood und China. Erich Schwartzel ist Kulturkorrespondent des Wall Street Journal.

Ein neues Buch „Roter Teppich – Hollywood und China“, (Red  Carpet, Penguin 2022) beschreibt erstmals, wie es Peking gelungen ist, in der „globalen Schlacht um kulturelle Vorherrschaft“ stark zu punkten. Der Hollywood-Korrespondent des Wall Street Journal (WSJ) und Buchautor, Erich Schwartzel, kommt zum Schluss: „In den vergangenen 20 Jahren hat China seine wirtschaftlichen Hebel zu politischen Hebeln umwandeln können.“ Mit durchschlagendem Erfolg.   

Einen Teil dieser Saga beobachtete ich selbst mit. „Die Zukunft gehört uns. Wir sind 1,3 Milliarden Menschen. Ab 2018 werden wir die Größten im Filmbusiness sein„, brüstete sich Wang Jianlin, (王健林) Chef des Immobilienkonzerns Wanda und Multimilliardär im September 2013 während der Grundsteinlegung für eine neue Kinostadt in Qingdao. Deren Name „Filmhauptstadt des Ostens“  (东方影都) ließ er in meterhohen Schriftzeichen am Hügel des Sonnenberges (朝阳山) vor der Westküste der Hafenstadt aufstellen. Als Gegenpart zum Schriftzug „Hollywood“ an den Beverly Hills, dem weltberühmten Logo für die Softpower der USA

Wang versprach, die technisch modernsten und größten Filmstudios der Welt zu bauen. Ab 2018 würden pro Jahr „mindestens hundert Filme“ produziert werden, darunter 30 internationale Blockbuster, die auch mit Hollywood-Studios gemeinsam produziert würden. Zugleich kündigte er jährliche Filmfestspiele an. Qingdao würde zum chinesischen Cannes. 

Ich gehörte zur Handvoll ausländischer Korrespondenten, die Wang zur Teilnahme am zweitägigen Spektakel einlud. Das Erste, was wir sahen, war ein ungewöhnlich langer roter Teppich. Wang plante einen spektakulären Clou, für den er alle zu sich einfliegen ließ, die in Hollywood Rang und Namen hatten. Noch im Jetlag mussten sie abends für ihn über den Teppich laufen. Ich notierte damals: „Wang hält Hof, lässt 27 Megastars defilieren. Alle sind dabei:  Leonardo DiCaprio, Nicole Kidman, Catherine Zeta-Jones, John Travolta, Kate Beckinsale, Ewan McGregor, Christoph Waltz. Für China kommen Zhang Ziyi, Jet Li bis Tony Leung. Mit von der Partie sind die Studiochefs von Warner Brothers, Universal, Paramount, Sony,  Lions Gate, Harvey Weinstein und der Präsident der „Academy of Motion Picture“, die die Oscars verleiht. WSJ meldet: Wang hätte für die Anreise 50 Millionen US-Dollar gezahlt.   

Wang Jianlin, 2013 Chinas reichster Milliardär und Chef des Wanda-Imperiums, gibt auf einer Pressekonferenz im September in Qingdao den Bau einer Super-Filmstadt (Chinas Hollywood) bekannt.
Wang Jianlin, 2013 Chinas reichster Milliardär und Chef des Wanda-Imperiums, gibt auf einer Pressekonferenz im September in Qingdao den Bau einer Super-Filmstadt (Chinas Hollywood) bekannt. Seine Körperhaltung  ist ein einziges Understatement. Gleich wird er aber aufstehen und ankündigen, drei Milliarden Yuan in die geplante „Filmhauptstadt des Ostens“ zu investieren. Tags darauf bei der Grundsteinlegung erhöht er spontan auf fünf Milliarden.   

Die Hollywoodstars kannten, bevor sie einjetteten, nicht mal den Namen Qingdao. John Travolta spreizt seine Finger, als Journalisten ihn fragen, was er von der (noch nicht existenten) Kooperation zwischen Hollywood und Chinas Filmindustrie hält. Er sagt wenig überzeugend, er sei „begeistert.“ Christoph Waltz antwortet schlagfertig, wie er sich auf einem Läufer fühlt, der nirgendwo hinführt: „Der rote Teppich ist hier ein bisschen röter als sonst.“  

Die Studiobosse hatten ihre Stars zum Mitfahren überredet. Sie glaubten, dass Wang ihnen Zugang zum Filmgeschäft mit China verschaffen würde. Das Zauberwort hieß Kinoeinnahmen (Box Office Income). 2012 stieg die Volksrepublik mit 2,7 Milliarden US-Dollar Umsatz ihrer Kinokassen zur zweitstärksten Kinomacht nach den USA auf.  Noch attraktiver wurde der neue Markt, nachdem Peking seine Importquoten für US-Filme von 20 pro Jahr auf 34 erhöht hatte. Zudem konnten die Studios vom Erlös ihrer Filme an den Kinokassen statt bislang 13 Prozent ein Viertel der Einnahmen erhalten.  

Hollywood wurde 2012 auf Wang aufmerksam, als er für 2,5 Milliarden US-Dollar die AMC-Gruppe kaufte, einen der größten Kinobetreiber der USA. Wang hatte zuvor sein Immobilienbusiness um das neue Standbein „Unterhaltung“ erweitert und investierte in Film– und Kulturgeschäfte. Er kaufte chinesische Kinoketten. Mit AMC gehörte ihm plötzlich jedes zehnte Kino in der Welt und ein Drittel aller IMAX-Filmtheater.  

Nach seiner Milliardeninvestition in das Qingdao-Filmstadt-Projekt schien Wangs weiterer Aufstieg unaufhaltsam. 2016 übernahm er für 3,5 Milliarden Dollar das Hollywood-Filmstudio „Legendary Entertainment“, das Blockbuster wie Batman produziert hatte. Er kaufte sich weitere Kinoketten und baute in China ein halbes Dutzend großer Themen- und Vergnügungsparks, um Disney Konkurrenz zu machen.   

Der Aufstieg Wangs endete abrupt 2017. Er trennte sich von allen Auslandsbeteiligungen und inländischen Kultur-, Freizeit- und Erlebnisparks. Er verkaufte sie, darunter auch seine Filmstadt Qingdao, für umgerechnet sechs Milliarden Euro an den Immobilienkonzern Sunac. Wang habe nicht einmal ein Zehntel seiner Gesamtinvestitionen zurückerhalten, schrieb die finanzpolitische Zeitschrift „Caijing“.   

Christoph Waltz war 2013 in Qingdao zum Startschuss des Hollywoods Chinas vor Ort.
Christoph Waltz beantwortet die Frage, wie es sich auf einem Roten Teppich ziellos im Kreis läuft, mit: „Der rote Teppich ist hier ein bisschen röter als sonst“.

Peking hatte ihn gestoppt. Er war bei Parteichef Xi Jinping in Ungnade gefallen. Dabei hatte er lange auf Fußballfan Xi bauen können, für den er die Rolle eines Sportlobbyisten bei der Fifa spielte und sich 2015 für 46 Millionen Dollar einen 20-prozentigen Anteil an der spanischen Mannschaft „Atlético de Madrid“ kaufte. Auch seine Absicht, mit einer chinesischen Filmstadt die kulturelle Vorherrschaft Hollywoods zu brechen, waren in Xis Sinn. Doch Wang hatte mehr als 20 Milliarden US-Dollar in seine Auslandprojekte und noch mehr in Kulturparks investiert. So wie Wang stürzte eine Gruppe weiterer chinesischer Milliardäre ab, die weltweit Prestigeprojekte gekauft hatten. Xi misstraute ihnen. Zudem witterte er Kapitalflucht.

Im Buch „Red Carpet“ widmet Autor Erich Schwartzel dem „Aufstieg und Fall des reichsten Mannes Chinas“ ein eigenes Kapitel. Er enthüllt, dass Xi 2017 „persönlich Chinas staatseigenen Banken verbot, Wanda Kredite für weitere Auslandserwerbungen zu geben.“  Parteimitglied Wang verstand die Warnung, verkaufte und kehrte zum früheren Immobilien-Kerngeschäft zurück. So überlebte er wirtschaftlich den Tiefschlag. Seit 2020 investiert er wieder, aber „low key“ in die Nordost-Metropole Changchun, in ein kombiniertes Kino-, Immobilien-, Tourismus- und Sportprojekt.   

Die Filmstadt Qingdao öffnete 2018 unter ihrem neuen Besitzer ebenfalls „low key“. In ihren modernen Studios sind bislang nur wenige mit Hollwood gemeinsam gedrehte Blockbuster produziert worden, wie „Pacific Rim 2″《环太平洋:雷霆再起》oder „Große Mauer“《长城). Qingdao wird vor allem von inländischen Fernsehproduktionen genutzt.

Den Wettbewerb gegen den Einfluss der Softpower der USA führt Peking mit den vertrauten Methoden wirtschaftlicher Erpressung und Drohungen. „Red Carpet“ schildert, wie Chinas Einfluss auf Hollywood und den Disney-Konzern wächst. Beide Giganten knicken vor Pekings Zensoren immer wieder ein, aus Angst, den Markt mit dem seit 2020 höchsten Box-Office-Absatz der Welt zu verlieren.  

John Travolta muss Schaustehen: Auf Chinesisch hat ihn ein Reporter gefragt, was er von der Zusammenarbeit Chinas mit Hollywood halte. Nachdem übersetzt ist, spreizt er hilflos seine Finger und sagt: "Ich bin begeistert." 
John Travolta muss Schaustehen: Auf Chinesisch hat ihn ein Reporter gefragt, was er von der Zusammenarbeit Chinas mit Hollywood halte. Nachdem übersetzt ist, spreizt er hilflos seine Finger und sagt: „Ich bin begeistert.“   

In seinem Kapitel „Zensur“ zählt Schwartzel Dutzende Beispiele auf, wie China seine wirtschaftliche Macht als politischen Hebel nutzt, um Filme und Drehbücher zu verändern, die angeblich die Volksrepublik herabwürdigen oder ihrem System schaden würden. Die Lektüre ist empfehlenswert. Denn das Thema chinesischer Einflussnahme ist in Europa und Deutschland ebenso aktuell wie in den USA. 

Dort hat Peking Hollywood, dessen Filme China erst seit 1994 einzuführen erlaubt, den Schneid abgekauft. Keine Frage scheint Peking zu gering, um nicht Anstoß zu nehmen. Chinas Zensur protestierte etwa gegen eine Verfolgungsszene im 2006 gedrehten Film „Mission Impossible III“. Als Tom Cruise durch Shanghais Straßen hetzt, erhascht die Kamera ein Bild von der zum Trocknen aufgehängte Wäsche zwischen den engen Wohnblöcken. Das passte nicht zum Stadtbild vom modernen Shanghai. Paramount Pictures schnitt die Szene heraus.  

Weniger komisch ist die Forderung der Aufpasser, aus der neuen Folge der Alien-Komödie „Man in Black 3“ alle Szenen zu streichen, wo Will Smith und Tommy Lee Jones ihre Hightech-Eraser zücken, um die Erinnerung von Augenzeugen zu löschen. Das könnte als Anspielung auf Chinas Kontrolle missverstanden werden.    

uch Leonardo DiCaprio war eingeladen. Der Gesichtsausdruck: Skeptisch bis amüsiert über das Event zum Startschuss des Hollywood Chinas.
Auch Leonardo DiCaprio war eingeladen. Der Gesichtsausdruck: Skeptisch bis amüsiert.

Zensoren würden Hollywood immer dann zur Änderung zwingen, sobald sie sensible Details vermuten, ob es dabei um Tibet, Tiananmen oder Chinas Anspruch auf das Südchinesische Meer geht. Tabu seien auch Sexszenen, selbst bei James Bond. Aus dem Fantasy-Film „Pixel“ aus dem Jahr 2015 flog die Szene raus, in der Videospielfiguren Chinas Große Mauer zerstören. Stattdessen löst sich das Taj Mahal auf. Vorzensur und vorauseilender Gehorsam greifen bei den US-Filmstudios um sich.

Dabei hatte Hollywood Parteimitglied Wang, als er 2012 die Kinokette AMC kaufte und seinen Konzern umbaute, bewundert, wie marktwirtschaftlich ein kommunistischer Unternehmer handeln würde. Schwartzel schreibt: „Es brauchte nur ein paar Monate zwischen 2016 und 2017, damit Hollywood lernte, wer in China wirklich das Sagen hat.“  

Diese Erkenntnis im Fall Wang aus dem Jar 2017 sprach sich von Hollywood nicht bis zur Wallstreet weiter. 2020 schockte es die dortigen Börsenmakler, als Parteichef Xi unter den ihm zu kapitalistisch und politisch zu übermütig handelnden Hightech-Überfliegern Chinas aufräumte. Er stutzte die Alibabas und Tencents scheinbar aus heiterem Himmel zusammen. Eigentlich hätte es die Wallstreet kommen sehen müssen.  

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