Themenschwerpunkte


Risiko für Chinas Wirtschaftswunder

Von Stephen S. Roach
Stephen S. Roach, US-amerikanischer Wirtschaftswissenschaftler und Senior Fellow am Jackson Institute for Global Affairs der Yale University sowie Dozent an der Yale School of Management
Stephen S. Roach ist Fakultätsmitglied der Yale Universität

Alle Augen richten sich derzeit auf Chinas dunkle Seite. Das hatten wir schon mehrmals. Von der asiatischen Finanzkrise Ende der 1990er Jahre über die Dotcom-Rezession Anfang der 2000er Jahre bis hin zur globalen Finanzkrise der Jahre 2008/2009 wurde China stets als das nächste Land vor dem Fall dargestellt. Doch Chinas Wirtschaft trotzte den düsteren Prognosen immer wieder mit einer Widerstandskraft, die die meisten Beobachter überraschte.

Ich gehöre zu den wenigen, die nicht überrascht waren, dass sich die Warnungen vergangener Tage als Fehlalarme herausstellten. Sehr wohl beschleicht mich jetzt allerdings das Gefühl, dass es dieses Mal anders ist.

Im Gegensatz zu den meisten anderen bin ich jedoch nicht der Meinung, dass die Evergrande-Gruppe das Problem ist oder gar den entscheidenden Wendepunkt darstellt. Ja, Chinas zweitgrößter Immobilienentwickler steckt in potenziell fatalen Schwierigkeiten. Und ja, der Schuldenüberhang von etwa 300 Milliarden Dollar stellt durchaus ein Risiko für das chinesische Finanzsystem dar und könnte möglicherweise Auswirkungen auf die weltweiten Märkten haben. Doch das Ausmaß dieses Welleneffekts wird wohl weit geringer sein, als die Warnungen derjenigen, die lauthals verkünden, Evergrande sei das chinesische Lehman Brothers, womit sie auch andeuten, ein weiterer „Minsky-Moment“ könnte bevorstehen.

Peking war vorbereitet auf Evergrande

Drei Überlegungen sprechen dagegen. Erstens verfügt die chinesische Regierung über ausreichende Mittel, um den Ausfall von Evergrande-Krediten aufzufangen und potenzielle Auswirkungen auf andere Vermögenswerte und Märkte abzuwehren. Mit etwa 7,5 Billionen Dollar an Ersparnissen im Inland und weiteren drei Billionen Dollar an Devisenreserven sind in China mehr als genug finanzielle Kapazitäten vorhanden, um eine Implosion Evergrandes im schlimmsten Fall aufzufangen. Untermauert wird dieser Punkt durch enorme Liquiditätsspritzen der People’s Bank of China in letzter Zeit.

Zweitens handelt es sich bei Evergrande nicht um eine klassische „Black-Swan-Krise“, sondern vielmehr um eine bewusst herbeigeführte und gewollte Folge chinesischer Politik, die darauf abzielt, Schulden abzubauen, Risiken zu verringern und die Finanzstabilität zu erhalten. Gute Fortschritte machte China in den letzten Jahren insbesondere bei der Eindämmung von Aktivitäten im Schattenbankwesen, wodurch mögliche Ansteckungen anderer Segmente seiner Finanzmärkte begrenzt wurden. Anders als im Falle Lehman und der damit verbundenen verheerenden Kollateralschäden wurde die chinesische Politik vom Problem Evergrande nicht unvorbereitet getroffen.    

Drittens sind die Risiken für die Realwirtschaft, die in eine vorübergehende Schwächephase eingetreten ist, begrenzt. Die Nachfrageseite des chinesischen Immobilienmarktes wird durch die anhaltende Abwanderung von Landarbeitern in die Städte durchaus gut unterstützt. Dies unterscheidet sich deutlich vom Zusammenbruch spekulativer Immobilienblasen in anderen Ländern wie Japan und den Vereinigten Staaten, wo einem Überangebot mangelnde Nachfrage gegenüberstand.

Der Anteil der Stadtbewohner in der chinesischen Bevölkerung ist zwar mittlerweile auf 60 Prozent angestiegen, aber es ist noch viel Luft nach oben, bis die für fortgeschrittenere Volkswirtschaften typische Schwelle von 80 bis 85 Prozent erreicht ist. Ungeachtet der in jüngster Zeit erschienenen Berichte über schrumpfende Städte – die an die Fehlalarme über unzählige Geisterstädte erinnern – bleibt die grundlegende Nachfrage nach Immobilien in den Städten stabil. Das begrenzt auch im Falle einer Evergrande-Pleite die Abwärtsrisiken für die Gesamtwirtschaft.

Umdenken beim Wachstumsmodell

Chinas größte Probleme haben weniger mit Evergrande zu tun als vielmehr mit einem grundlegenden Umdenken hinsichtlich seines Wachstumsmodells. Zunächst befürchtete ich ein hartes Durchgreifen der Regulierungsbehörden als ich Ende Juli schrieb, dass man mit neuen Maßnahmen Chinas Internetplattformen zielgenau ins Visier nehmen wolle und so in einigen der dynamischsten Wirtschaftssektoren die „Animal Spirits“ abzuwürgen drohe – wie etwa in den Bereichen Finanztechnologie, Videospiele, Online-Musik, Fahrdienste, private Nachhilfe sowie Abhol- und Zustelldienste in der Gastronomie und Lifestyle-Dienste.

So war es im Juli. Mittlerweile hat die chinesische Regierung nachgelegt, wobei sich Präsident Xi Jinping mit voller Kraft für eine Kampagne unter dem Titel „gemeinsamer Wohlstand“ einsetzt, die darauf abzielt, die Ungleichheiten bei Einkommen und Vermögen zu beseitigen. Darüber hinaus wurde auch der Umfang der Regulierungen erweitert und zwar nicht nur, um Kryptowährungen zu verbieten, sondern auch um diese Regulierungen zu einem Instrument des Social Engineerings zu machen. So fügte die Regierung nun etwa E-Zigaretten, Alkoholkonsum in Unternehmen und die Fankultur rund um Prominente zu ihrer stetig länger werdenden Liste schlechter sozialer Angewohnheiten hinzu.

Finanzmarktreformen werden von den Behörden bekräftigt

All das verstärkt meine bereits vor zwei Monaten geäußerten Bedenken. Die neue Doppelausrichtung der chinesischen Politik – nämlich Umverteilung und Neuregulierung – trifft genau das Zentrum der marktwirtschaftlichen „Reform und Öffnung“-Strategie, die das Fundament des chinesischen Wachstumswunders seit den Tagen Deng Xiaopings in den 1980er Jahren bildete. Die neue Politik wird die für die Dynamik des chinesischen Privatsektors so wichtigen unternehmerischen Aktivitäten dämpfen und das wiederum wird nachhaltige Folgen für die nächste, innovationsgetriebene Phase der chinesischen Wirtschaftsentwicklung haben. Ohne Animal Spirits ist das Thema einheimische Innovation erledigt.

Da Evergrande nach dieser Zeitenwende in der chinesischen Politik in Schwierigkeiten geriet, haben die Finanzmärkte verständlicherweise heftig reagiert. Die Regierung hat sich beeilt, dem entgegenzutreten. Vizepremier Liu He, führender Architekt der chinesischen Wirtschaftsstrategie und ein wahrhaft herausragender makroökonomischer Denker, bekräftigte umgehend die unerschütterliche Unterstützung der Privatwirtschaft durch die Regierung. Auch die Kapitalmarktaufsichtsbehörden haben eine weitere „Öffnung“ durch neue Konnektivitätsinitiativen zwischen Onshore- und Offshore-Märkten betont. Andere Regulierungsbehörden bekräftigten wiederum Chinas felsenfeste Entschlossenheit, auf Kurs zu bleiben. Vielleicht gelobt man doch etwas zu viel?

Doch wer könnte schon etwas gegen gemeinsamen Wohlstand haben? Die 3,5 Billionen Dollar schwere Wiederaufbau-Agenda „Build Back Better“ von US-Präsident Joe Biden verfolgt viele der gleichen Ziele. Ungleichheit zu bekämpfen und gleichzeitig eine soziale Agenda zu konzipieren, ist für jedes Land eine riesige Herausforderung. Das ist nicht nur in Washington Gegenstand intensiver Debatten, sondern hat auch entscheidenden Einfluss auf die Aussichten Chinas.

Risiko einer Rückwärtsentwicklung des Wirtschaftswunders

Das Problem in China besteht darin, dass sein neuer Ansatz den stärksten wirtschaftlichen Trends der letzten vier Jahrzehnte zuwiderläuft: nämlich der unternehmerischen Aktivität, der blühenden Start-up-Kultur, der Dynamik des Privatsektors und der Innovation. Derzeit vernehme ich aus China Verweigerung – isolierte Argumente, in denen jedes Thema separat behandelt wird. Über Umverteilung wird getrennt von den Auswirkungen der neuen Regulierungen diskutiert.

Und auch bei der Verteidigung der Regulierungsmaßnahmen selbst verfolgt man einen isolierten Ansatz – fallspezifisch werden Argumente für eine stärkere Aufsicht der Internetplattformen, den Abbau sozialer Ängste unter gestressten jungen Menschen und die Gewährleistung der Datensicherheit angeführt.

Als Makroökonom wurde mir beigebracht, stets die kombinierten Auswirkungen wichtiger Entwicklungen zu berücksichtigen. Evergrande wird vorübergehen. Der gemeinsame Wohlstand bleibt. Rigorose Regulierungen in Verbindung mit einem Vorstoß zur Umverteilung von Einkommen und Wohlstand führen zu einer Rückwärtsentwicklung des chinesischen Wirtschaftswunders. Gelingt es der chinesischen Führung nicht, einen großen Zusammenhang herzustellen, riskiert man eine gefährliche Fehlkalkulation.  

Stephen S. Roach ist Fakultätsmitglied der Yale University, ehemaliger Vorsitzender von Morgan Stanley Asia und Verfasser von Unbalanced: The Codependency of America and China. Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier.

Copyright: Project Syndicate, 2021.
www.project-syndicate.org

Mehr zum Thema

    Der Anteil des Staates am wirtschaftlichen Erfolg
    Im Vergleich war Jiang gar nicht schlecht
    Der eisernen Faust der Partei die Stirn bieten
    Scheinehen in der LGBT-Community