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Vom Zauber der Namen auf dem Weg ins All

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Fünf Wochen bis Ende Februar ließ Chinas Raumfahrtbehörde (CNSA) die Öffentlichkeit über einen passenden Namen für ihren Mars-Rover abstimmen. Das Vehikel wartet noch an Bord der Landefähre von Chinas Marsmission Tianwen (天问 Frage den Himmel) auf seinen Einsatz. Mitte Mai soll es auf dem Mars fahren.

Der Rover wird nun Zhu Rong heißen nach dem altchinesischen Gott des Feuers. Im 1936 in Shanghai erschienenen Buch „Chinese Religion“ ist der Heilige als Mischwesen beschrieben, mit dem Körper eines Tieres, rotem Gesicht, rotem Bart und roter Kleidung. Eines seiner drei Augen sitzt auf der Stirn. Er reitet einen Drachen. Der Himmel schickte ihn zu Strafaktionen los. Bei seiner epochalen Schlacht gegen den Gott des Wassers wurde die tragende Säule des Universums zerstört. Die Welt stürzte mit in das entstehende Chaos.

In der Wahl von Zhu Rong als Namenspatron für Chinas künftigen Marsrover sieht Hongkongs South China Morning Post eine Anspielung auf die sich verschärfenden „Spannungen“, die zwischen der Volksrepublik und den USA nun auch bis ins Weltall reichen. Laut Xinhua widersprach der Vizechef der CNSA-Raumfahrtbehörde Wu Yuanhua. Die beiden Zeichen im Namen des Feuergotts deuteten auf sein wirkliches Wesen. „Zhu“ stehe für Glückwunsch und „Rong“ für „sich harmonisch einfügen.“ Das gelte auch für Chinas Raumfahrt. Sie verfolge die „Vision, das Weltall friedlich zu nutzen und eine Gemeinschaft für die gemeinsame Zukunft der Menschheit aufzubauen.“

Mit seinem ersten Mars-Rover und dem Start seines Kernmodul-Schiffs Tianhe (天和) „Himmlische Harmonie“ hat Peking bei der Bevölkerung patriotischen Stolz geweckt. Tianhe wird der Grundbaustein für die aus drei Modulen zusammengebaute, erste chinesische Raumstation, die Tiangong (Himmelspalast) heißt. Bis 2022 soll sie bezugsfertig sein. Nach dem Ende der russischen Mir-Raumstation (1986 bis März 2001) und dem 2024 erwarteten Abbruch der seit zwei Jahrzehnten von 16 Nationen genutzten Internationalen Raumstation (ISS) schlägt die Stunde für die Volksrepublik. Sie wird dann die einzige Nation sein, die einen Außenposten im All unterhält. Kein anderes Projekt unterstreicht besser Chinas Ehrgeiz, sich zur Welt- und All-Macht aufzuschwingen, als der forcierte Ausbau seines Himmelstempels.

Chinesische Raumfahrt liegt noch zurück

Dabei liegt die Volksrepublik technologisch ein halbes Jahrhundert hinter den USA zurück. Ihre Station im All ist gerade groß genug, um drei Raumfahrer zu beherbergen. Als Peking Ende April noch zu Gange war, sein Tianhe-Kernmodul ins All zu bringen, meldete die ISS einen Belegungsrekord mit elf Astronauten, die gleichzeitig an Bord arbeiteten.

Während Chinas Marsrover auf seine Landung warten muss, ließ der seit Wochen operierende neue US-Rover in einer technischen Premiere einen Mini-Helikopter über den Mars fliegen. Fünf US-Rover, die die USA früher auf dem roten Planeten absetzten, sind dort heute noch im Betrieb. Ihre Namen aber sind weithin unbekannt: Sojourner, Opportunity, Spirit, Curiosity und Perseverance. Das weltweite Interesse an der NASA war größer, als ihre Raumfahrtmissionen auf den Namen von Göttern der griechischen und römischen Sagenwelt getauft wurden: Mercury, Apollo, Ares oder Artemis. 

Die sozialistische Volksrepublik und ihre kommunistische Partei setzten von Anfang an zur Eroberung der himmlischen Sphäre auf den Zauber ihrer altchinesischen Heiligen und Mythen. Auf der irdischen Welt wurden sie lange Zeit als Aberglaube denunziert. Peking hat sie alle rehabilitiert als Teil der nationalen Kultur und Quelle des Patriotismus.

Vor 18 Jahren umrundete Chinas Taikonaut Yang Liwei 2003 einen Tag lang die Erde in der ersten bemannten Raumfahrtmission. Seine Kapsel hieß „Shenzhou“ (Himmlisches Schiff). Von da an bediente sich Peking bei Göttern, legendären Tierwesen oder beim konfuzianischen Kodex. Das Parteiblatt Global Times nennt es: „Chinas Romantik bei der Namensgebung für seine Raumfahrtmissionen“.

Der Westen schaue nur auf die technologischen Fortschritte der Volksrepublik. Ihm entginge so, wo chinesische Softpower wirklich wirkt, bei der Ausbildung einer chinesischen Weltall-Kultur. Peking habe damit seine nationalen Grenzen überschritten, erkennt die Doktorandin Molly Silk, die an der Universität Manchester über Chinas Raumfahrtpolitik forscht.

Jahrzehnte konnte die NASA alles monopolisieren, was mit Raumfahrt zu tun hatte. Ihr Name und Logo wurden Synonym für die Erschließung des Weltalls und dessen Vermarktung. China fordere mit seiner eigenen Weltall-Kultur die Vormachtstellung der USA heraus und stelle in Frage, wie die Welt die Weltraumforschung und Führung durch die USA künftig wahrnimmt.

Peking meldet mehr als nur seinen Anspruch auf Teilhabe an der Weltraumerschließung an. Es will die Richtung bestimmen. Für die Global Times ist die Sache klar: „Ein großes Land wie China ist dazu bestimmt, Raum und Meer zu erobern. Wir können nicht über Chinas Aufstieg sprechen, wenn das Land in Highend-Bereichen wie der Luft- und Raumfahrtindustrie keine Durchbrüche erzielt.“

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