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Quarantäne Updates Shanghai

Von Christian Y. Schmidt
Christian Y. Schmidts neues Buch "Quarantäne Update Shanghai" ist erschienen. Das Foto ist aus der Quarantäne des Autors entstanden.
Der Autor in der Quarantäne

Es ist Sonntag, der 7. November 2021, 14:04 Uhr, auf dem Flughafen Shanghai-Pudong. Der erste Checkpoint: Ein Tisch vom chinesischen Zoll, der offensichtlich mit dem Gesundheitsmonitoring internationaler Flüge beauftragt ist. Verstehe jetzt, warum ich den zusätzlichen Health Declaration Code vom Zoll schon in Frankfurt herunterladen musste, den ich für ein bisschen redundant hielt. Am Checkpoint stehen und sitzen einige Männer, selbstverständlich in Hazmat-Anzügen. In diesem Moment wird mir klar, dass ich in den nächsten zwei Wochen keinen normal gekleideten Menschen mehr zu Gesicht bekommen werde, jedenfalls in meiner unmittelbaren Nähe. Momentane Ausnahme noch: Meine Mitpassagiere, soweit sie sich nicht selbst verpackt haben.

[…]

Montag, den 8. November 2021, Tag 1

10:12 Uhr. Nehme mir die Papiere vor, die ich gestern noch nicht gelesen habe, weil ich zu erschöpft war. Das wichtigste ist offenbar ein DIN-A-4-Blatt mit der Überschrift „Notice“, das zweiseitig bedruckt ist. Auf der ersten werden mehrere Gesetze zitiert, auf die man sich stützt. Dann kommt man zum fettgedruckten Punkt: „All those who have traveled to or lived in severly affected countries within the previous 14 days are required to have the body temperature checked upon the arrival and to take 14-day home quarantine or centralized quarantine observation.“ Anschließend wird erklärt, dass die staatlichen Organe Zwangsmaßnahmen gegen die ergreifen können, die sich nicht an die angeordneten Maßnahmen halten. Zum Schluss wird es noch einmal fettgedruckt und sogar gesperrt: „LAST AND NOT LEAST, DO NOT leave your room without any permission. Otherwise, you will probably get prosecuted and fined, according to the Chinese legislation, for committing the crime of endagering public security.“ Verstanden, wenn ich das Zimmer verlassen, begehe ich ein Verbrechen. 

11:27 Uhr. Immer noch deutlich zu kalt im Zimmer. Versuche, die Rezeption telefonisch zu erreichen, stelle mich aber zu dumm an. Ziehe meinen Mantel an. Kurze Befürchtung, ihn zwei Wochen lang zu tragen. 

11:32 Uhr. Am rechten und am linken Fenster zwei kleine Grashüpfer. Pappen von außen an der Scheibe und bewegen sich nicht. Taufe den linken Pit und den rechten Knorr. Warum, weiß ich nicht. 

11:34 Uhr. Hüpfer bringen mich auf die Idee, die Oberlichter zu überprüfen. Obwohl sie zwei Klinken haben, die sich auch bewegen lassen, kann man sie nicht öffnen. Sie sind offenbar mit Kreuzschlitzschrauben fixiert worden und ich habe keinen Schraubendreher. Notiz an mich selbst: Bei der nächsten Quarantäne an Werkzeug denken.

Mittwoch, 10. November 2021, Tag 3

17:45 Uhr. Abendessen. Als ich die Tür öffne, stinkt es stark nach Chlor. Seetang mit etwas Hackfleisch. Karotten mit Tofu. Grünes Gemüse. Rindfleischgulasch in Sternanissauce. Eierstichsuppe mit Karottenstreifen. Jogurt. Apfel.

18:50 Uhr. Netflix. Doku über „Exodus“, eine klerikale Organisation in den USA, die Homosexualität für heilbar hielt und Propaganda für Konversionstherapien machte. Plötzlich tanzen Schatten über dem Bett. Was ist denn jetzt los? Ist das der berüchtigte Lagerkoller? Werde ich verrückt? Minutenlang suche ich nach der Ursache für die tanzenden Schatten, bis ich eine Motte unter dem Halogenstrahler an der Zimmerdecke ausmache. Nehme die aktuelle Konkret und schlage den illegalen Mitbewohner kurzerhand tot. Titel des Heftes: „Ist das noch Sozialismus? China und die Linke.“

Donnerstag, 11. November 2021, Tag 4

15:41 Uhr. Entdecke verschiedene Geräte in dem Shared-Verzeichnis auf meinem MacBook. Sie heißen: hp-pc, kuo-yuan, pe112sa, r9900015747, Kailun MacBook Pro, MacBookPro (2) und dirksmobile. Wer, verdammt noch mal, ist Dirk? Gibt es andere Sprachen als das Deutsche, in denen Dirk ein Name ist? Dirk, je länger ich über den Namen nachdenke, desto lächerlicher erscheint er mir. Dirk. Wie kann man nur so heißen? Ist das nicht auch der echte Vorname von Tex Rubinowitz? Ich googele. Dirk ist angeblich eine Kurzform von Theoderich. Der legendäre König der Ostgoten ist hier in Quarantäne? König Dirk? Aufhören, sofort mit dem Scheiß aufhören, sonst bekomme ich tatsächlich einen Quarantänekoller. 

Samstag, 13. November 2021, 6. Tag

16:49 Uhr. Ein Apfelstück bleibt in der Speiseröhre stecken. Bekomme nicht einmal mehr Wasser runter. Sehr unangenehm. Wenn das jetzt so bleibt? Muss ich eventuell sterben?

16:53 Uhr. Bin mir recht sicher, dass ich sterben muss. Google, was ich tun soll. Bekomme nur Quatsch-Tipps zu lesen („Brot essen“). 

17:02 Uhr. Würge über der Kloschüssel das Apfelstück bröckchenweise wieder raus. Sieht sehr, äh, ungesund aus, weil von ordentlich Schleim und Speichel begleitet. Gut, dass es im Zimmer keine Überwachungskamera gibt. Würde jemand beobachten, was ich hier treibe, würden sie mich sofort herausholen und in eine Klinik stecken. 

Freitag, 19. November 2021, Tag 12

0:10 Uhr. Öffne die Tür wieder. Sehe, dass das Zimmer, das mir genau gegenüberliegt, erstmals geöffnet ist. Wohnt da Personal mit uns in der Corona-Bubble? Ein Hazmati bringt Plastiktüten. Darin: Zwei Röhrchen, mehrere Latexhandschuhe und Teststäbchen in Verpackung. Er legt alles auf mein Tischchen. 

0:15 Uhr. Lautes Klopfen. Es geht los. Ein Hazmati, wie immer im doppelten Schutzanzug. Er zieht sich das Paar Latexhandschuhe vom Tischchen an, und zwar über die Latexhandschuhe, die er sowieso schon trägt. Wieder wird mit dem ersten Stäbchen zunächst im Rachen ein Abstrich gemacht. Das zweite ist für die Nase. „Relax“, sagt der Hazmati. Als er fertig ist, bedeutet er mir, im Türrahmen stehenzubleiben. 

0:17 Uhr. Dem Mann folgt eine Frau. Sie wiederholt genau die gleiche Prozedur, inklusive „Relax“. Der einzige Unterschied: Bei ihr brennt das Stäbchen auf der Nasenschleimhaut. Interessant. Das waren jetzt offenbar zwei PCR-Tests hintereinander, alles im Quarantäne-Paket eingeschlossen. 

Samstag, 20. November 2021, Tag 13

11:27 Uhr. Klopfen. Ein Brief liegt auf dem Tischchen. Er enthält Anweisungen für die Entlassung und ist mit „Dear Friend“ überschrieben. „We sincerely thank you for your support and understanding and thank you for your contribution and sacrifice to the epidemic prevention and control in the past 14 days.“

Dann folgen fünf Punkte:

1) Bevor Sie das Zimmer verlassen, bitte den ganzen Müll in schwarze Plastiksäcke packen.

2) Die Route, auf der Sie das Hotel verlassen, ist dieselbe, auf der Sie gekommen sind. Bitte warten Sie geduldig, bis der Doktor sie aufruft. Verlassen Sie den Raum nicht vorher.

3) Wenn Sie gehen, lassen Sie die Tür geöffnet.

4) Geben Sie ihre Zimmerkarte dem Doktor oder legen Sie sie in den Desinfektionseimer im Erdgeschoss. Halten Sie ihren Pass bereit. Der Doktor wird ihnen ihre Entlassungspapiere, ihr Testergebnis und ihre Rechnung geben. Bewahren Sie alles gut auf.

5) Ihr Gesundheitscode wird wahrscheinlich nicht sofort grün werden, deshalb brauchen Sie auf jeden Fall Ihr Entlassungszertifikat und Ihr Testergebnis für Ihre Fahrt.

Once again, thank you for sour support and understanding. All the best! Holiday Inn Express Epidemic Prevention Team.

Sonntag, 21. November 2021, Tag 14

14:30 Uhr. Rufe meine Frau an. Sie ist gerade aus dem Taxi gestiegen und steht vor dem Hotel. Versteht nicht, wo ich bin. Versuche es, ihr zu erklären. 

14:31 Uhr. Yingxin biegt mit einem blauen Rollkoffer um die Ecke. Stürmt auf mich zu. Ist sie es wirklich? Bin ICH wirklich? Bin ich nicht in Zimmer 5038 gestorben? Letzte Woche oder so?

14:33 Uhr. Wir liegen uns in den Armen. Doch, das ist wirklich, so etwas fühlt man nicht als Gespenst. Ich schlucke, Yingxin weint ein bisschen. Küssen können wir uns nicht, weil wir beide Masken tragen. Es ist genau 648 Tage her, dass wir uns nicht mehr berührt haben. 1 Jahr, 9 Monate, 1 Woche, 2 Tage.

Das Umschlagbild von "Quarantäne Updates Shanghai"
Das Umschlagbild von „Quarantäne Updates Shanghai“

Christian Y. Schmidt ist Buchautor und Kolumnist. Er lebt in Peking. Zu seinen früheren China-Büchern gehören „Allein unter 1,3 Milliarden“, „Bliefe von dlüben“, „Im Jahr des Tigerochsen“ und „Im Jahr des Hasendrachen“. Im Jahr 2018 erschien sein Roman „Der letzte Huelsenbeck“ bei Rowohlt. Bis Mitte der 90er-Jahre war er Redakteur der Zeitschrift Titanic. „Quarantäne Updates Shanghai. Ein Feldforschungsbericht“ erschien 2022 im Hybriden-Verlag und lässt sich auch dort bestellen.

Im ersten Pandemie-Jahr 2020 scheiterte Christian Y. Schmidt an der Rückreise aus Deutschland und konnte 20 Monate lang nicht zu seiner Frau in Peking zurückkehren. Nachdem er im November 2021 endlich zurück nach China fliegen konnte, steckten ihn die Behörden erst einmal in die Hotelquarantäne. Das vorliegende Buch entstand in dieser Zeit.

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