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Qiushi – Sprachrohr des Xi-ismus

Von Johnny Erling
Johnny Erling

Es war am 1. Oktober 2019. Kurz vor meiner Ausreise aus China verschaffte ich mir noch einen Eindruck vom omnipotenten Staats- und Parteichef Xi Jinping. Als Oberbefehlshaber der Armee nahm er zum 70. Gründungstag der Volksrepublik eine riesige Armeeparade im Herzen von Beijing ab. Die Waffenschau protzte mit nuklear bestückbaren DF-41- Interkontinentalraketen. Von der Brüstung des Tiananmen-Tores hatte Xi zuvor gerufen, was tags darauf für Schlagzeilen in aller Welt sorgte: „Es gibt keine Macht, die die Fundamente dieser großen Nation erschüttern kann. Niemand kann unser Volk und die Nation am Voranschreiten hindern.“  

Doch am selben Tag erschien das halbmonatlich herausgegebene ZK-Theoriemagazin „Qiushi“ (Suche nach der Wahrheit) mit einer Ansprache von Xi, die ganz anders klang. Vorsicht: Der wahre Feind komme von innen. „Ich meine, nur wir selbst könnten uns besiegen. Niemand anderes kann das.“ 

Seine bis dato unveröffentlichte Rede stammte vom 5. Januar 2018. Er hatte sein neues Zentralkomitee zusammengerufen, nachdem er vom Parteitag für weitere fünf Jahre als Parteichef bestätigt worden war. Zudem hatte er es geschafft, sein „Xi-Jinping-Denken“ als neue Leitideologie in den Parteistatuten zu verankern. Eigentlich hätte Xi triumphieren müssen. Stattdessen warnte er seine Genossen eindringlich, auf der Hut vor dem Niedergang zu sein. Er zählte ihnen fast ein Dutzend Beispiele aus der Geschichte auf, wie Chinas mächtige Herrscherhäuser vom Qin-Kaiser bis zur späten Qing-Dynastie aus Selbstverschulden kollabierten. Kläglich ging auch die glorreiche Sowjetunion unter und ihre Kommunistische Partei an Schwindsucht ein, weil sie ihre sozialistischen Ideale und Werte verraten hatten. „Herrscher verloren ihre zentrale Autorität und das Land, die Fähigkeit, zentralisiert und vereint zu handeln.“  Dass Xi diese Rede ausgerechnet am Tag der 70-Jahres-Feiern veröffentlichen ließ, zeigt die andere Seite der Medaille seiner Macht zwischen Auftrumpfen nach außen und Krisenangst nach Innen

Im Qiushi Xi übersetzt im Original lesen     

Solche Einsichten gewinnt man dank Qiushi. Welche Reden und Aufsätze des Parteichefs das Magazin druckt, wobei manche Texte erstmals veröffentlicht werden,  hängt nicht davon ab, von wann sie stammen. Sobald sie erscheinen, sind sie News. CCTV, Xinhua und alle Staatsmedien kündigen sie als „wichtige“ Reden an. Hinter der Auswahl steckt Kalkül. Chinas Führung setzt damit ein Problem als aktuelles Thema für das Land. Zwischen den Zeilen verbergen sich „Breaking News“ für Eingeweihte. In den Übergangswochen des USA-Präsidentenwechsels druckte Qiushi auffallend viele Reden Xis zur Globalisierung, Reformen und Marktwirtschaft nach, die er in Davos, vor den Vereinten Nationen, oder in China über den Schutz des Geistigen Eigentums hielt, ein durchsichtiger Wink nach Washington, wie sehr er auf einen Neuanfang in den Beziehungen setzt.    

Der Relaunch der Parteizeitschrift im Vierfarbendruck mit Xi als Starschreiber jeder Ausgabe unterstreicht seine neue Rolle als ideologischer Vordenker der KP Chinas. Der japanische Nikkei-Büroleiter in Beijing, Tetsushi Takahhashi, schrieb: „Das Magazin hat sich von einem Sprachrohr der Partei zum ‚Sprachrohr des Xiismus‘ verwandelt“.  

Von Xis Amtsantritt 2013 an wurden bis Februar 2021 seine Texte siebzigmal in der Qiushi abgedruckt. Seit ihrem Relaunch 2019 sind sie Aufmacher jeder Ausgabe, fand das „China Media Project“ von David Bandursky in der Studie „Xi Jinping, der Schlagzeilen-Kolumnist“ heraus. Kein chinesischer Führer seit Mao hat einen solch überbordenden Personenkult um sich entfacht.   

Vergangenen Montag, den 15. Februar, erschien die Qiushi trotz Frühlingsfest erneut mit einem Text von Xi, diesmal zum Thema Armutsbekämpfung. Die bis dahin unveröffentlichte Rede hatte er am 29. und 30. Dezember 2012 gehalten. Damals nannte er eine Zahl von 120 Millionen Chinesen, die unter extremer Armut lebten. Als Elendsgrenze setzte Beijing ein Einkommen unter 2300 Yuan pro Jahr an, niedriger als sonst wo in der Welt. Doch das schmälert Xis Erfolg nicht. In seiner Neujahrsansprache für 2021 feierte er sich für die nun vollständige Überwindung extremer Armut in China.   

Wirklich vollständig?  In seiner Rede von 2012 gesteht Xi Probleme ein, von denen er 2011 dank der Enthüllungen von „Medien“ erfuhr. Er kritisiert, dass bei der Armutsbekämpfung Durchschnittswerte genannt würden. Die aber „vertuschen die Ungleichheiten“ (平均数会掩盖差距). Dann erregt er sich darüber, wie bei der Armutsfeststellung der Staat betrogen wird. Er sei  „unzufrieden und sogar wütend“, dass Hilfsgelder unterschlagen oder zweckentfremdet würden. „Das ist ein Verbrechen“. Manche der Leser werden sich fragen, ob es heute anders ist. 

Die Texte in der Qiushi lassen sich dank Google-Translate in verständliches Englisch übertragen. Man braucht also nicht mehr Sinologe zu sein, um in der ZK-Zeitschrift, deren chinesischer Name so passend „Suche nach der Wahrheit“ bedeutet, zwischen den Zeilen nach genau dieser zu suchen.

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