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Qincheng – Chinas verrufenes Gefängnis

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Im Norden Pekings, rund 35 Kilometer von der City entfernt, versteckt sich Qincheng, das berüchtigte Sondergefängnis des Landes. Alle Parteiführer von Mao Zedong bis Xi Jinping ließen seit 1960 dort ihre politischen Gegner verschwinden. Kein Journalist durfte hinter seine Mauern blicken. Auch Chinas Justiz bleibt außen vor. Qincheng untersteht nur dem Ministerium für Staatssicherheit. Es erinnert daran, dass auch in China die Revolution ihre Kinder frisst.

Pekinger erzählten sich einst über die geheimnisvolle Haftanstalt für Prominente den politischen Witz: „Warum bist Du hier?“ fragt ein Häftling im Hof den Anderen: „Weil ich gegen Jiang Qing (Mao Zedongs Ehegattin) war. Und du?“ „Weil ich sie unterstützt habe.“ Eine neben ihnen stehende Frau mischt sich ein: „Und ich bin hier, weil ich Jiang Qing bin.“

An dem Witz ist nur ein Detail falsch: Alle Häftlinge in Qincheng sitzen in Einzelhaft. Sie können sich nicht einmal beim Hofgang treffen. Der US-Amerikaner Sidney Rittenberg erlebte es mit. Als einzigen Ausländer sperrten ihn die Kulturrevolutionäre für neun Jahre in Qincheng ein. Erst November 1977 kam er frei. Im Sommer hörte er noch mit an, wie eine Frau aus einer Zelle Lobrufe auf den Vorsitzenden Mao anstimmte. Er erkannte die Stimme. Es war Jiang Qing.

Die Mao-Witwe war nach dem Tod ihres Mannes im Oktober 1976 in einem Pekinger Palastputsch verhaftet worden. Während Mao als Gallionsfigur bis heute unantastbar blieb, wurde alle seine Verbrechen seiner Frau angelastet. Im April 1977 wurde sie in Qincheng eingesperrt und in einem Schauprozess 1981 zum Tode verurteilt. Die Strafe wurde später in lebenslange Haft in Qincheng umgewandelt. Jiang Qing nahm sich am 14. Mai 1991 selbst das Leben.

Enthüllungsgeschichte zum Qincheng Gefängnis im Parteimagazin "Global People" 2009.
Im Jahr 2009 erschien erstmals eine Enthüllungsgeschichte über Qincheng, Chinas geheimnisvollstes Gefängnis als Titelstory des Parteimagazins „Global People“. Das mittlere Foto zeigt das Eingangstor.

Rittenberg kannte sie gut. Mao und seine Frau hatten den linksradikalen ausländischen Kulturrevolutionär als ihren Aktivisten benutzt, ließen ihn aufsteigen. Dann fiel er umso tiefer. In seiner Biografie „The Man who stayed behind “ (Simon & Schuster) beschreibt er, wie ihn Maos Häscher um Mitternacht festnahmen. Der Haftbefehl war „unterschrieben von allen 16 Mitgliedern des Proletarischen Hauptquartiers, darunter Mao, Zhou Enlai und Jiang Qing.“

Als 1968 in Qincheng eingelieferter Gefangener Nummer 32 wurde aus Rittenberg der Häftling 6832. Maos einstiger Russisch-Dolmetscher Yan Mingfu saß da schon ein halbes Jahr hinter Gittern unter der Nummer 67124 als 124ster Eingelieferter 1967. Als Spion für Moskau beschuldigt blieb Yan bis 1975 eingesperrt. Zwei Jahrzehnte später konnte ich ihn in Peking interviewen. Da war er Minister.

Er erzählte, dass nur wenige Meter von seiner Zelle entfernt auch sein Vater Yan Baohuang als Häftling 67100 gefangen saß. Yan wusste das nicht. Einmal hörte er nachts jemanden so husten, wie er es von seinem Vater kannte. Erst nach seiner Entlassung erfuhr Yan, dass es wirklich sein Vater war, der alsbald starb. Seine Asche wurde achtlos weggeworfen. Der Minister weinte, als er mir von der Grausamkeit in Qincheng erzählte.

Die Haft überleben hieß den Verstand nicht zu verlieren

Vater und Sohn wurde von Mao und Jiang Qing, denen sie Jahrzehnte treu und gedient hatten, unmenschlich mitgespielt, so wie ungezählten Anderen. In der Hochzeit des kulturrevolutionären Chaos waren unter den 502 Gefangenen die Hälfte Weggefährten Maos, erinnerte sich dessen ehemaliger Sekretär Li Rui. Wegen kritischer Worte machte er sich den überall Gegner witternden Diktator früh zum Feind und wurde schließlich acht Jahre in Isolationshaft in Qincheng gesteckt.

„Fast 30 starben, 20 wurden zu Krüppeln geschlagen, über 60 wurden wahnsinnig“, enthüllte er in der Mai-Ausgabe 2015 der Zeitschrift „Yanhuang Chunjiu“. Li Rui überlebte und blieb bei Verstand, weil er mit Jodtinktur heimlich 400 Gedichte verfasste. Er schrieb, dass Mao schon 1955 verlangt hatte, ihm ein
besonderes Gefängnis für seine vermeintlichen Gegner zu bauen.

Als groteske Fußnote der kulturrevolutionären Geschichte notiert Li Rui, dass der für Mao den Gefängnisbau überwachende, frühere Pekinger Vizebürgermeister Feng Qiqing 1968 als „bourgeoiser Reaktionär“ verhaftet und auch in Qincheng bis 1975 eingesperrt wurde. Mit Hilfe sowjetischer Experten, designmäßig angelehnt an Stalins Suchanowka-Gefängnis, wurden vier dreistöckige, alphabetisch unterteilte Haftgebäude mit eigenen Verhörräumen und einer fünf Meter hohen Umgebungsmauer erbaut.

1960 wurde das neue Gefängnis in Dienst genommen. 2009 druckte die vom Verlag der Volkszeitung herausgegebene Zeitschrift „Global People“ erstmals einen 12-seitigen Enthüllungsbericht über Qincheng als Titelstory. Eigentlich hätte das Gefängnis als Nummer 157 zu den mit Moskau vereinbarten 156 Hilfsprojekten für China gehören sollen. Wegen der Geheimhaltung unterblieb das.

Global People stellte die Insassen seit 1960 vor. Den Anfang machten Hunderte hochrangiger Kuomintang-Militärs, Kriegsverbrecher und Spione in den 60er Jahren. Dann folgten die Verlierer aus den innerparteilichen Machtkämpfen. Zuerst landeten die prominentesten Opfer von Maos Kampagnen wie der Anti-Rechtsbewegung 1957 und seiner Kulturrevolution im Qincheng-Knast, dann nach Maos Tod die angeblichen Verschwörer der „Lin Biao-Clique“ und der  „Viererbande um die Mao-Witwe“. In den neunziger Jahren wurden auch prominente Dissidenten wie Wei Jingsheng bis zum 4. Juni-Studentenführer Wang Dan interniert, ebenso wie die Parteichefs und Politbüromitglieder aus Shanghai und Peking. Schon zu Zeiten der Kulturrevolution musste das Gefängnis um sechs neue Gebäude erweitert werden.

Unter Xi wird Qincheng zum Käfig für Tiger

Den ersten allumfassenden Report über Qincheng verfasste der Journalist Yuan Ling, der rund 100 ehemalige Insasssen interviewte und für sein chinesisches Buch über das Gefängnis (袁凌:秦城监狱) mehr als zehn Jahre recherchierte. Yuan Ling nennt Qincheng das Ergebnis einer „gemeinsamen Geburt des sowjetischen Systems mit Chinas autoritativen System der volksdemokratischen Diktatur.“ (它是苏维埃体制与人民民主专政权威的共同产儿.) In Festlandchina fand er keinen Herausgeber; in Hongkong traute sich nur eine kleine Druckerei, es 2016 zu verlegen.

Denn seit Amtsantritt Xi Jinpings Ende 2012 hat Qincheng eine neue Verwendung gefunden. Der Volksmund nennt es „Käfig für Tiger“, weil sich Dutzende einst berühmte Parteipolitiker, Provinzgouverneure, Volkskongress-Führer, Militärs oder Großkonzern- und Bankchefs aus dem ganzen Land ein Stelldichein hinter Gittern geben. Xi hat sie alle über Nacht festnehmen, entmachten und später dann formal wegen horrender Korruption verurteilen lassen. Danach landeten sie in Qincheng. Illustre Namen sind darunter, wie Chongqings Parteichef Bo Xilai, Ex-Sicherheitszar Zhou Yongkang, Topgeneräle wie Guo Boxiong, oder KP-Chefberater wie Ling Jihua.

Aktuelle Berichte über das Gefängnis sind tabu. Bekannt wurde nur, dass die gefallene Ex-Elite heute in komfortableren, größeren Einzelzellen untergebracht ist und besser versorgt wird als früher. Doch Qincheng, auf das Chinas Justiz keinen Zugriff hat, bleibt ein Platz , wo die Revolution ihre eigenen Kinder frisst. Es ist wieder so geheimnisvoll und intransparent, wie es einst war.

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