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Zehntausend Jahre soll er leben

Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Allein 22-mal verewigte KP-Chef Xi Jinping sich mit seinem Namen in einer 25 Seiten umfassenden, „historisch“ genannten Resolution. Das am Dienstag veröffentlichte Grundsatzdokument habe er selbst, gemeinsam mit seinem Cheftheoretiker Wang Huning und dem Leiter der ZK-Organisationsabteilung Zhao Leji, entworfen, ließ er erklären. Es sei als Fazit der 100-jährigen Geschichte der Kommunistischen Partei Chinas gedacht, aber auch als ihr „politisches Manifest“ für eine marxistische Runderneuerung und technologische Modernisierung der Volksrepublik und ihrer Reinkarnation bis 2050 als künftige Weltmacht. 

Fünf Jahre, nachdem Xi 2016 zum „Kern“ (核心) der Partei ernannt wurde, sitzt er heute fester als jemals zuvor im Sattel. Er lässt sich wie einst Mao Zedong als Volksführer (人民领袖), Oberkommandierender (军队统帅) oder fast mit den gleichen Worten wie einst Mao als Chinas Steuermann (掌舵者) anreden. Alle Hindernisse scheinen ausgeräumt, damit sich Xi vom Wahlparteitag im Winter 2022 einen Freibrief zur Fortsetzung seiner Herrschaft ausstellen lassen kann. Eine Ehrenbezeichnung fehlt ihm allerdings noch, um mit dem Meister des Personenkults Mao gleichzuziehen. Dass ihn die Nation mit dem Ruf 万岁 hochleben lässt, dem Wunsch nach einem „zehntausend Jahre“ währenden Leben.  

10.000 Jahre für den Kaiser Chinas

Die chinesische Chiffre für Zehntausend (万) ist eigentlich ein Schriftzeichen, das dem Herrscher des Himmels vorbehalten war. Daher durfte der irdische Kaiserpalast in Peking (Gugong) nicht mehr als 9.999 Räume umfassen, mit gerade noch einem halben Raum dazu. So steht es in vielen Reiseführern. Der Legende nach hätte Ming-Kaiser Yongle (永乐 – 1360 bis 1424) seinem Bauherren befohlen, den für ihn neu geplanten Palast mit so vielen Räumen wie nur möglich auszustatten. Doch dann träumte er, dass der Jadeherrscher 玉皇大帝 davon gehört und ihn sofort zum Besuch einbestellt hätte. Er zeigte ihm seinen Himmelspalast mit 10.000 Zimmern und warnte: Ob Yongle mehr Räume als er besitzen wollte? 

Der Personenkult von Mao Zedong in Bildern. Xi Jinpings Personenkult gleicht diesem.
Personenkult um Mao in der Kulturevolution. Auf der Anzeigetafel stehen die vier Anreden: Großer Lehrer, Führer, Oberkommandierender und Steuermann – Vorsitzender Mao lebe Zehntausend Jahre lang. Alle vier Anreden treffen heute auch auf Xi Jinping zu. Nur die Parole „Zehntausend Jahre“ fehlt noch.

Seither soll keiner der 24 Kaiser, die von 1420 an im Gugong bis zum Ende der Qingzeit residierten, bei Erweiterungs- oder Neubauten nach Bränden gewagt haben, die magische Grenze zu übertreffen. Zur Mingzeit wurden rund 8.000 Zimmer in den Hallen und Pavillons gezählt. Nach 1972 kam eine systematische Untersuchung auf 9.371 Zimmer, gemessen nach Chinas Raummaß Jian (间). 

Das Zahlwort 10.000 war kein komplettes Tabu. Als Söhne des Himmels durften sich die menschlichen Kaiser mit Wansui (万岁) als „Zehntausend Jahre-Herrscher“ anreden lassen, oder ewiges Leben „zehntausend Jahre lang“ gewünscht bekommen. Nach der 1979 überarbeiteten Ausgabe der „Wortmeer“-Enzyklopädie Cihai ist „Wansui“ seit der Zeit der Streitenden Reiche (475-221 v.Chr.) in den Annalen verbrieft. Das ging bis zur Regentschaft der Kaiserinwitwe Cixi (1861 -1908). Alte Fotos zeigen sie vor repetitiven Aufschriften sitzen, wie: „Die Heilige Kaiserinmutter der großen Qing lebe 10.000 Jahre, 10.000 Jahre, zehntausend mal zehntausend Jahre.“ (大清国當今聖母皇太后 万岁、万岁、万万岁). Während der Kulturrevolution wurde der gleiche Ausruf auch für Mao gebrüllt. 

Das chinesische Wansui ging als Lehnwort in andere ostasiatische Sprachen ein, angeblich seit dem achten Jahrhundert ins Japanische als banzei oder banzai. Im Koreanischen wurde daraus „manse“, im Vietnamesischen „vạn tue“. Obwohl das Cihai-Wörterbuch „Wansui“ als „feudalistisches Erbe“ brandmarkte, übernahmen es Chinas Kommunisten 1949. Am Tiananmen-Tor hängen seit Gründung der Volksrepublik bis heute die Aufschriften „Zehntausend Jahre für die Volksrepublik China“(中华人民共和国万岁) und als Gegenpart: „Zehntausend Jahre für die große Solidarität unter allen Völkern der Welt.“ (世界人民大团结万岁).

Tiananmen-Tor mit den Aufschriften "Zehntausend Jahre für die Volksrepublik China" und "Zehntausend Jahre für die große Solidarität unter allen Völkern der Welt"
Auf dem Tiananmen-Tor hängen zu beiden Seiten des Eingangs-Tores zum Kaiserpalast die Aufschriften „Zehntausend Jahre für die Volksrepublik China““(links) und rechts als Gegenpart der Spruch: „Zehntausend Jahre für die große Solidarität unter allen Völkern der Welt.“ Beide Parolen hängen unverändert seit Gründung der Volksrepublik.

10.000 Jahre unter Mao Zedong

Diktator Mao beanspruchte, was den alten Kaisern zustand, von seiner Residenz in Zhongnanhai bis zum Anruf Wansui. Auf offiziellen Kundgebungen ließ er sich von Vorbeimarschierenden am 1. Mai-Feiertag 1950 mit dem Ruf: „Mao Zedong lebe zehntausend Jahre lang“ grüßen. 2010 machte die mutige Pekinger Monatszeitschrift für marxistische Aufklärung „Yanhuang Chunjiu“ (炎黄春秋) bekannt, dass Mao eigenhändig dafür gesorgt hatte. Sie stieß eine brisante Debatte über seinen Personenkult an. Zugrunde lag die Erinnerung von Chen Youqun, der 1950 als politischer Sekretär für einen hochrangigen Funktionär Chinas arbeitete. Erst Jahre nach dem Tode Maos enthüllte Chen, dass Mao bei den Vorbereitungen für die 1. Mai-Kundgebung 1950 die Liste der vorgeschlagenen „Arbeiterparolen“ um den Slogan erweitert hatte: „Es lebe Genosse Mao zehntausend Jahre lang.“ 

In der vom Magazin dazu geführten Debatte widersprach zuerst die Geschichtsforscherin Zhang Suhua. Sie hätte im Parteiarchiv den fünfseitigen Originalentwurf mit 35 Losungen für den 1. Mai 1950 gefunden, ohne eine erkennbare Änderung durch Mao. Andere kritische Parteiintellektuelle verwarfen ihren Einwand, darunter Li Rui, ein ehemaliger Sekretär Maos, der später beim Diktator in Ungnade fiel und zum Dissidenten wurde. In der Julinummer der Yanhuang Chunjiu schrieb Li Rui, dass Mao schon vorab dafür gesorgt hatte, dass sein Slogan in den Entwurf einging. „Damals schon brauchte er viele öffentliche Stimmen, die ihn hochleben ließen.“

Xi Jinpings Personenkult: „Steuermann“ des modernen Marxismus

Das ist beim heutigen Volkstribun Xi Jinping nicht anders. Die Debatte von 2010 (deren Beiträge heute im Internet gelöscht sind, nachdem vermutlich auf Anweisung Xis die des „Nihilismus“ bezichtigte Zeitschrift Yanhuang Chunjiu 2016 politisch mundtot gemacht und von regimekonformen Historikern übernommen wurde) wäre heute besonders brisant.

Nach Maos Tod 1976 wurde sein Personenkult kritisiert, wurden über Nacht alle Wansui-Rufe geächtet, die zum Lob eines einzelnen Führers gedacht waren. Sie könnten nach dem großen Wahlparteitag im Herbst 2022 wieder aufleben, der Xis weitere Herrschaft bestätigen soll. Seit der Veröffentlichung der neuen Resolution in dieser Woche preisen Chinas staatliche Medien Xi als „würdigen Kern“ der Partei, als Führer des Volkes oder Oberkommandierender. Sie nennen ihn sogar Steuermann „掌舵者“. Der chinesische Ausdruck dafür weicht sprachlich kaum von der gleichen kulturrevolutionären Bezeichnung für Mao „舵手“ ab. Das Lied vom Steuermann Mao können noch heute Millionen Chinesen singen. „大海航行靠舵手“.

Marxismus-Leninismus und Mao Zedong
China ließ neben Mao auch Marx-Engels-Lenin und Stalin hochleben. Auf dem Poster steht. „Das Denken des Marxismus-Leninismus und Mao Zedongs lebe zehntausend Jahre lang.“

In eigener Sache trägt Xi in der Resolution noch dicker auf. Er lässt dort sein Denken als „Marxismus des 21. Jahrhunderts und Essenz der chinesischen Kultur und ihres Geistes“ preisen. Nur bei Wansui hält er sich noch zurück: Als er bei einer Inspektionsreise von einem Zuschauer aus der Menge im Kreis Gaotai in Nordwestchinas Gansu mit einem lauten „Vorsitzender Xi lebe zehntausend Jahre“ angerufen wurde, wirkten Xi und seine Leibwächter höchst irritiert. Die im Internet geteilten Handyaufnahmen wurden von der Zensur zumindest in China komplett gelöscht. Die Zeit war noch nicht reif.

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