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Das Lied vom Fluss Liangjiahe

von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Hinter den neun Kurven des Liuyang-Flusses, liegt tief in der Bauernprovinz Hunan der Heimatkreis, aus dem Mao Zedong kam. Von dort aus machte er sich auf den Weg, um „sein Volk zu befreien“. Das seit 70 Jahren gesungene Lied auf den Großen Vorsitzenden und seinen Fluss „Liuyanghe“ ist zum Evergreen unter den Revolutionsschlagern geworden, die Millionen Chinesen auch heute noch mit trällern. Derweilen folgt der neue Vorsitzende Xi Jinping Maos Fußstapfen. In der kopierfreudigen Volksrepublik erschien eine Hymne auf ihn und auf seinen Fluss „Liangjiahe“ in Shaanxi, von dem aus er zu seiner politischen Karriere aufbrach. Der klangvoll rezitierte Gedichtzyklus ist das jüngste Highlight im immer groteskeren chinesischen Personenkult zu Xi Jinping. Doch dagegen regt sich innerparteilicher Widerstand.

Personenkult Xi Jinping: Das Lied von Liangjiahe
Unmittelbar nach dem 6. ZK-Plenum kam jetzt die ultimative Lobeshymne auf Xi Jinping „Das Lied von Liangjiahe“ landesweit auf den Markt.

„Auferstanden, Reich geworden, Stark werdend“ (站起来,富起来, 强起来). Mit den drei Begriffen startet der Refrain für die „Ballade von Liangjiahe“ ( 梁家河组歌). Sie stammen aus dem Mund von Parteichef Xi und sind in der Volksrepublik zu geflügelten Worten geworden. Von bekannten Künstlern melodisch vorgetragen (朗诵) geht der Schüttelreim des Refrains so weiter: „Du kommst aus Liangjiahe, steuerst China in eine neue Ära, vergisst nie, wie alles begann, bleibst der Mission treu und führst das Projekt des chinesischen Sozialismus in der neuen Zeit weiter!. (站起来,富起来,强起来. 你从梁家河走来,领航中国走进新时代。不忘初心,牢记使命,新时代中国特色社会主义继往开来!)

Patriotische Ballade über die Taten des jungen Xi

Das hört sich fast schon so an, wie in dem vom Dichter Xu Shuhua (徐叔华) 1950 verfassten Loblied „Liuyanghe“ (浏阳河) über „Vorsitzenden Mao als rote Sonne in unserem Herzen“. Die neue Revolutionsballade über Xi erzählt in neun Strophen seinen Werdegang, nachdem die Wirren der Kulturrevolution den 15-Jährigen im Januar 1969 aufs Land verschlagen haben. Sieben Jahre schuftet er im Dorf Liangjiahe am gleichnamigen Fluss mit und unter den dortigen Bauern, bevor er nach Peking zurück darf, um politisch aufzusteigen.

Personenkult um Xi Jinping: Hier beim Besuch des Dorfes Liangjiahe.
Xi im Jahr 2018 im Dorf Liangjiahe, dem Ort seiner Heldentaten als Jugendlicher

Im fünften Vers preist das Poem den jungen Xi, der wegen der Kulturrevolution seine Mittelschulausbildung abbrechen musste, als genialen Autodidakten. Nach täglich schwerem Tagewerk hält er sich die „halbe Nacht“ wach, um im „Licht einer Ölfunzel“ in seiner „dunklen Wohnhöhle“ neben klassischen chinesischen Romanen auch Weltliteratur zu lesen, von Goethes Faust (浮士德) bis Shakespeare König Lear (李尔王). Natürlich verschlingt er die marxistischen Klassiker, besonders das Kapital (资本论) von Karl Marx. Das habe ihn so fasziniert und erleuchtet, schrieb Chinas Nachrichtenagentur „Xinhua“ in einer Endlos-Eloge auf Xi, für deren englische Übersetzung China Daily sieben Teile brauchte. Xi habe Marxens Kapital damals „dreimal gelesen. Seine Reflexionen über den Text füllten 18 Notizbücher“.

Zehn (sic.) Anmerkungen des neuen Gedichtes auf Xi erklären, worauf der Dichter Cheng Guanjun alles anspielt „Große Kanonen“ seien handgerollte grobe Tabakblätter, die Xi gegen seine Müdigkeit raucht; das „Herz der Mutter und ein kleiner Beutel für Nadel und Faden“ (娘的心。小小针线包) bezieht sich auf eine Anekdote. Danach „gab Mutter Qixin ihrem Sohn einen Stoffbeutel mit Nähzeug mit, als er aufs Land ging, auf dem sie die Worte ‚Herz der Mutter‘ aufgestickt hatte.“ Weitere anrührende Erinnerungen an Xis Mutter und ihrem Verhältnis zum Sohn unter dem Titel „Das Versprechen, das sich zwei Generationen von Kommunisten gaben“ verbreiten zugleich großer Parteimedien Chinas.

Mit Personenkult zur absoluten Macht

Die Elogen in Versform sind eine Ouvertüre für das große Konzert, das der 20. Parteitag Ende 2022 für Xi zur Zementierung seiner absoluten Macht aufspielen soll. Hinter dem inszenierten Personenkult steckt eine Menge Kalkül. So ist Cheng Guanjun als Verfasser des Lobgedichts auf Xi kein Freizeit- oder Hobbydichter, sondern ein Autor, der für die wichtigsten Parteizeitungen schreibt. Er ist auch Experte für Parteigeschichte und leitender Theoretiker an der Pekinger Parteihochschule des ZK. Vor seiner jüngsten Xi-Hymne schrieb er bereits ein ähnliches Gedicht: „Du kommst aus Liangjiahe“. Es fand Eingang in das vom ZK herausgegebene Xi-Schulungsmaterial „Starkes China“ (中宣部“学习强国“) und wurde von allen Parteimedien verbreitet. Sein Liedergedicht wird derzeit von professionellen Rezitations-Künstlern über Rundfunk und Bühnen aufgeführt.

Innerparteilich scheint Xis Personenkult aber auf Widerstand zu stoßen. Ein indirekter Hinweis darauf versteckt sich in einem umfangreichen programmatischen Manifest des Zentralkomitees, das die Publikationsabteilung des ZK am 26. August unter dem Titel veröffentlichte: „Die Kommunistische Partei Chinas: Ihre Mission und geleisteten Beiträge.“ Das Dokument war offenbar so wichtig, dass die englischsprachige Zeitung „China Daily“ es auf mehr als einem halben Dutzend ihrer Seiten vollständig übersetzte.

In einem speziellen Absatz heißt es darin: „Personenkult ist etwas, was die KPCh seit ihrer Gründung entschieden bekämpft hat. Die Statuten der Partei schreiben ausdrücklich vor, dass die Partei alle Formen des Personenkults verbietet. Die Aufrechterhaltung des Führungskerns der KPCh beinhaltet in keiner Weise die Schaffung irgendeiner Art von Personenkult. Der Kern der Parteiführung übt niemals unbegrenzte Macht aus oder greift beliebig in Entscheidungen ein.“

Nur zehn Wochen später erschien Mitte November die auf einer Plenarsitzung des Zentralkomitees verabschiedete „Historische Resolution“ der Partei, als ultimative Grundsatzerklärung zu ihrer Geschichte und den Maximen ihrer Entwicklung. KP-Chef Xi, der sich als „Kern der Partei“ bezeichnen lässt, führte den Vorsitz über die Versammlung, leitete die dreiköpfige Redaktionsgruppe für den Entwurf der Resolution und erläuterte ihn. Personenkult wird darin mit keinem Wort mehr erwähnt. Xi Jinping erklärte nicht, warum das so ist.  

Dafür preist die Resolution das von Xi ausgerufene und von seinem Denken geleitete „neue Zeitalter des Sozialismus mit chinesischen Besonderheiten als gegenwärtiger chinesischer Marxismus, als Marxismus des 21. Jahrhunderts und als Essenz aus der chinesischen Kultur und des chinesischen Geistes“. Das ist in Prosa geschrieben. Es liest sich aber wie eine weitere Hymne von Parteidichtern auf ihren Chef.

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