Themenschwerpunkte


Persönliche Kontakte für Mittelstand unerlässlich

von Julia Güsten
Julia Güsten ist Miteigentümerin und Geschäftsführerin von Sharehouse in Nanjing.

Entscheidungen zu einem Engagement in China sind beim deutschen Mittelstand in der Regel Chefsache. Gerade kleineren Unternehmen fehlen Spezialisten, die Analysen über den Markt, geeignete Standorte und kompetente Partner zur Verfügung stellen. Wird ein Lieferant von seinem Kunden ‚genötigt‘, ihm als Zulieferer nach China zu folgen, hat das Vorteile.

Die Standortwahl fällt leicht, und man startet mit einem existierenden Geschäftsvolumen. Aber wie findet man sonst den idealen Ort für die eigene Investition in einem Land, welches in etwa die Größe von Europa hat und auch heute noch durch seine Sprache, kulturellen Unterschiede und Entfernung für viele in Europa schwer zugänglich ist?

Mittelstand muss sich mit Randgebieten begnügen

Versprochen wird viel von Wirtschaftszonen, die um ausländische Investitionen werben. Gehalten werden diese Versprechen nicht immer, insbesondere wenn es sich um „kleine“ Investitionen handelt. In China gilt man mit bis zu 300 Mitarbeitern noch als kleines Unternehmen. Mittlere Unternehmen haben zwischen 250 und 2000 Mitarbeiter. Entsprechend sind für den Mittelstand bestimmte Standardwerkhallen vollkommen überdimensioniert für einen schrittweisen Markteinstieg.

Viel zu oft kühlt der Enthusiasmus eines Wirtschaftsstandortes rapide ab, sobald klar wird, dass potenzielle Investoren nicht gleich in Millionenhöhe investieren wollen. Attraktive Standorte nahe Ballungszentren bleiben so den großen Konzernen vorbehalten. Kleine Investitionen werden in Randgebiete und ins Landesinnere verdrängt.

Arbeitnehmer zieht es zu bekannten Firmen

Damit verstärkt sich ein weiterer Wettbewerbsnachteil, den kleine Unternehmen im Markt haben: deren Attraktivität als Arbeitgeber. In den jährlichen Umfragen der Deutschen Außenhandelskammer in China gehören Suche und Bindung von qualifiziertem Personal seit Jahren zu den größten Herausforderungen im operativen Geschäft.

Chinesische Arbeitnehmer zieht es zu international bekannten Namen. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie von dem Hidden Champion aus dem Schwarzwald oder dem international erfolgreichen Familienunternehmen aus der Oberpfalz Kenntnis haben, ist gering. Entsprechend hoch ist der Aufwand, den ein solches Unternehmen betreiben muss, um gute Mitarbeiter zu gewinnen und diese dann nachhaltig an sich zu binden. Modernes Personalmanagement, Flexibilität und Kreativität sind notwendig, um der zunehmenden Bedeutung von Work-Life-Balance bei chinesischen Arbeitnehmern gerecht zu werden.

Corona verhinderte Schulungen für Chinesen in Deutschland

Beispiele, weshalb der Weg nach China für den Mittelstand über die offensichtlichen Barrieren hinaus beschwerlich ist, lassen sich fortführen. Drei Jahre Einschränkungen wegen Covid haben diese noch verstärkt. Der so dringend notwendige Austausch auf geschäftlicher und technischer Ebene konnte nur noch über den Bildschirm erfolgen. Unternehmen, die zu Beginn der Corona-Krise bereits etabliert waren, konnten immerhin auf dem bereits bestehenden Vertrauen zu ihren Angestellten vor Ort aufbauen.

Für manche lokale Mitarbeiter entpuppte sich die Situation sogar als Chance, sich zu emanzipieren und mehr Verantwortung zu übernehmen. Aber für gerade gestartete Unternehmungen in China bedeuteten die Reisebeschränkungen, dass sie nie die Chance hatten, ihr Personal nach Deutschland zu Schulungen zu holen und sie mit ihrer Firmenkultur vertraut zu machen.

Realistische Erwartungen sichern Erfolg einer Investition

Ebenso wenig konnte technisches Servicepersonal nach China entsandt werden. Wer vor Ort ausländische Führungskräfte hatte, musste darum bangen oder hinnehmen, dass diese nach fast drei Jahren Beschränkungen das Land verlassen. Ganz aktuell lässt die plötzliche Abkehr von der Null-Covid-Politik darauf hoffen, dass der auf allen Ebenen so dringend benötigte menschliche Austausch im kommenden Jahr wieder stattfinden kann.

Und trotzdem haben sich mehr als 5.000 deutsche Unternehmen in China erfolgreich angesiedelt. Hilfreich ist dafür sicherlich ein breites Netz von Dienstleistern vor Ort, Außenhandelskammern, German Centres und Ländervertretungen. Auch private Dienstleister haben sich darauf spezialisiert, den Mittelstand beim Markteintritt in China zu unterstützen. Das Erfolgsgeheimnis liegt vielleicht aber genau in der Tatsache begründet, dass beim Mittelstand diese Entscheidungen Chefsache sind. Gute Vorbereitung, eine realistische Erwartungshaltung und eine schrittweise Herangehensweise sichern den nachhaltigen Erfolg ihrer Investitionen.

Julia Güsten ist geschäftsführende Gesellschafterin der Sharehouse (Nanjing) Co., Ltd. Sie lebt seit 1994 in China. Vor der Gründung von Sharehouse war sie unter anderem 17 Jahre lang in Nanjing als Repräsentantin des Landes Baden-Württemberg und Geschäftsführerin von Baden-Württemberg International tätig. Sharehouse bietet eine Anlaufstelle für Unternehmen, die in China eine kleine Niederlassung einrichten wollen.  

Dieser Beitrag entsteht im Rahmen der Veranstaltungsreihe ,,Global China Conversations“ des Kiel Institut für Weltwirtschaft (IfW). Am Donnerstag, 15. Dezember 2022 (11.00 Uhr MEZ) diskutieren Güsten und Claudia Gläser von der Gläser GmbH über das Thema: „Deutscher Mittelstand im chinesischen Markt: Was sind die aktuellen Chancen und Herausforderungen?“. China.Table ist der Medienpartner der Veranstaltungsreihe.

Mehr zum Thema

    Neujahrsfest unter Pandemie-Bedingungen
    Risiken gemeinsamer Forschung
    Korrektur
    Neujahrs-Hase aus der Hölle