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Pekings versteckte Kathedrale   

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Katastrophen wie der Ukraine-Krieg verdrängen alle anderen Nachrichten, auch die der alltäglichen Repression in China. So traten am 1. März fast unbemerkt Chinas neue „Maßnahmen zur Verwaltung religiöser Informationsdienste im Internet“ in Kraft, die das in China verbriefte Verfassungsrecht der Glaubensfreiheit noch weiter aushöhlen. Mit rigoroser Überwachung will Parteichef Xi Jinping alle Online-Freiräume für religiösen Content schließen oder einengen. Nur fünf von der Partei sanktionierte, staatstreue Kirchengemeinschaften der Evangelen, Katholiken, Daoisten, Buddhisten und Muslime dürfen ihrem Glauben nachgehen – in einer von der Partei streng kontrollierten Weise.  

Die Kathedrale in Chongli wurde zu Olympia restauriert - dann aber aufgrund von Corona nicht mehr als Vorzeigeobjekt benötigt und geschlossen. Sie zeigt das schwierige Verhältnis Chinas zur Religion.
Ostern 2016: Die mächtige Kathedrale erhebt sich höher als die Hochhäuser von Chongli

Das führt zu immer absurderen Vorfällen. Anlässlich der Olympischen Winterspiele 2022 wollte sich Peking nach außen weltoffen und tolerant präsentieren. Es ließ die Kathedrale einer papsttreuen Diözese restaurieren, die mitten im olympischen Skigebiet liegt. Doch das war nur Kalkül. Als die Covid-19-Pandemie den olympischen Teilnehmern einen Besuch der Kathedrale unmöglich machte, ließen Chinas Behörden die unnütz gewordene Kirche schließen und vor der Öffentlichkeit verstecken.

Ähnliches geschah bei den Sommerspielen 2008. Für alle internationalen Teilnehmer ließ Peking Bibeln drucken. Doch auch das war nur Show. Nach dem Ende der Spiele wurden die Bibeln aus dem Verkehr gezogen.

Noch grotesker: In der alten Kaiserstadt Kaifeng wurden in den vergangenen Jahren alle sichtbaren Relikte der einstigen jüdischen Gemeinde vom Erdboden getilgt. Peking wollte verhindern, dass ihr Anblick die jüdische Religion wiederbeleben könnte. Alle drei Fälle, ebenso wie die furchtbare Unterdrückung der muslimischen Minderheit der Uiguren, spiegeln eine groteske Furcht der Partei wider, die Kontrolle über Glauben und Ethnien zu verlieren.

2008 wurden zu Olympia in China Bibeln ausgegeben, danach aber vernichtet; dies zeigt das schwierige Verhältnis Chinas zu Religion.
Neudruck des Neuen Testaments für die Athleten und Teilnehmer der Olympischen Sommerspiele 2008, inklusive Olympialogo. Nach Ende der Spiele wurde die Heilige Schrift wieder eingezogen.

Die Kathetrale von Chongli wurde für die Olympischen Spiele restauriert

Nur 55 Minuten brauchte die Pekinger Korrespondentin der FAZ, Friedrike Böge, um Ende Dezember im Highspeed-Zug die 250 Kilometer entfernte Station Taiji zu erreichen. Von dort dauert es 20 Minuten im Taxi bis zum Wintersportzentrum Chongli. Einheimische nennen das gleichnamige 60.000-Einwohner-Städtchen in den Bergen Nordwestchinas auch Xiwanzi (崇礼西湾子). So heißt auch die dortige katholische Diözese. Für die Olympischen Spiele 2022 aber ist Chongli der Name des weltbekannten Austragungsorts für alle Skidisziplinen.    

Journalistin Böge zog es aber nicht zum Kunstschnee. Sie war unterwegs, um der Geschichte der imposanten Kathedrale von Chongli nachzuspüren. Mit ihren Doppeltürmen wurde sie einst zum Wahrzeichen der vor 200 Jahren gegründeten Diözese. 1923 bis 1926 erbaut, bot der katholische Prachtbau bis zu 2000 Gläubigen Platz. Die Stadtbau-Historiker Luo Wei and Lu Haiping (罗微, 吕海平) bewerteten die Kathedrale 2019  (塞北天主教圣地西湾子教堂建堂始末) als wichtigstes, chinesisches Kirchengebäude der „Kongregation vom Unbefleckten Herzen Mariae“. So nannten sich die Missionare des belgischen Scheut-Ordens, die Mitte des 19. Jahrhunderts die Evangelisierung von Xiwanzi  begannen und es zum Zentrum des katholischen Glaubens in Nordchina machten. Doch im Dezember 1946 zerbombten Maos Soldaten der „Achte-Route-Armee“ 八路军 im Bürgerkrieg mit der Kuomintang die Kathedrale und brannten sie nieder.  

Die Diözese Xiwanzi aber ist bis heute eine Bastion der papsttreuen Untergrundkirche geblieben. Trotzdem schien das atheistische Peking zur Förderung der Winterspiele 2022 bereit, über seinen Schatten zu springen. Es unterstützte den von der Gemeinde privat begonnenen Wiederaufbau der Kathedrale. Als Peking die Ausschreibung für die Spiele 2015 gewann, wurde das gesamte Bauwerk originalgetreu restauriert, ebenso wie der während der Kulturrevolution verwüstete Missionarsfriedhof. Chinas Olympiaplaner rechneten sich aus, dass sich schließlich alle nach Chongli kommenden Wintersportler für einen Besuch interessieren würden. Peking würde punkten.

China und Religion: 2016 wurde ein Album für die Kathedrale in Chongli, einem Austragungsort von Olympia, gedruckt.
Im Jahr 2016 waren die Plakate schon gedruckt, mit denen anlässlich der Olympischen Winterspiele 2022 für die renovierte Kathedrale von Chongli als Wahrzeichen der integrierten Kultur geworben werden sollte

Doch dann sorgte Covid-19 dafür, dass alles anders kam. Die Winterspiele konnten nur in einer abgesperrten, isolierten Blase ausgetragen werden. Die Kathedrale lag außerhalb davon, und so verlor Peking das Interesse. Journalistin Böge fand die Kathedrale „wegen Corona und Olympia bis auf Weiteres geschlossen.“  Von den Gläubigen erfuhr sie: „Seit Oktober dürfen in der Kirche keine Gottesdienste mehr abgehalten werden„.   

Es ist daher heute sehr still um die Kathedrale. Als Korrespondent hatte ich 2016 erstmals vom Wiederaufbau gehört. Befreundete Katholiken schenkten mir einen zu Ostern 2016 offiziell gedruckten, 74 Seiten starken Farbfoto-Band unter dem chinesisch-englischen Titel „Church Album“. Darin sind Werbeplakate aufgenommen, die das Logo der Pekinger Winterspiele 2022 mit der Kathedrale als neuem Wahrzeichen von Chongli zeigen. Für das Vorwort des Bildbandes schreibt der Priester Paul Zhang (张保禄): „Mit den Spielen 2022 wird Xiwanzi zur Plattform der Wiederbegegnung der östlichen und westlichen Kultur.“  随着2022年冬奥会的到来,西湾子将再度成为中西文化交汇的平台. Sein frommer Wunsch sollte sich nicht erfüllen.

Neues Testament als „Olympia 2008-Ausgabe“

Schon 2008 gab sich Peking bei den erstmalig an China vergebenen Olympischen Sommerspielen den Anschein, die Religionsfreiheit hochzuhalten. Es beauftragte das Nationalkomitee der protestantischen Staatskirche „Drei-Selbst-Patriotische Bewegung“, eine chinesisch-englische Ausgabe des Neuen Testaments speziell als „Olympia 2008-Ausgabe“ zu drucken. Jeder Athlet fand sie in der Schrankschublade seines Zimmers im Olympischen Dorf vor, mit den Adressen, Telefonnummern und Sonntagsgottesdiensten von 13 protestantischen Kirchen in der Hauptstadt. Peking hatte sogar im Olympischen Dorf fünf Andachtsräume für Christen, Buddhisten, Muslime, Juden und Hindus einrichten lassen.

Mit einer neuen Haltung zur Religion hatte das nichts zu tun. Sofort nach den Spielen ließen die Behörden die Bibeln wieder einziehen und einstampfen. Ein kirchlicher Mitarbeiter ließ mir heimlich ein Exemplar zukommen. Hoffnungsvoll hatte damals der Bischof und Präsident des China Christian Council K.H. Ting (丁 光 訓) in das Neue Testament gepinselt: „Die Bibel vereinigt uns.“  

2008 wurden zu Olympia in China Bibeln ausgegeben, danach aber vernichtet; dies zeigt das schwierige Verhältnis Chinas zu Religion.
Widmung für die Olympiabibel 2008 von Bischof K.H. Ting: „Die Bibel vereinigt uns“

Chinas Furcht, die Kontrolle zu verlieren, hat die kommunistische Führung seit 2008 immer kompromissloser gegen alle nicht staatlich anerkannten Glaubensgruppen, Sekten und Hauskirchen vorgehen lassen. Peking machte nicht einmal Halt vor den gerade mal 200 Mitgliedern einer mosaischen Gemeinde, deren Vorfahren vor tausend Jahren über die Seidenstraße von Indien, Irak oder Persien eingewandert waren. Die jüdischen Weber und Händler ließen sich in der einst Song-zeitlichen Kaiserstadt Kaifeng am Gelben Fluss mit kaiserlichem Privileg nieder. Doch die Volksrepublik China erkannte die jüdische Religion nie als eigenständigen Glauben innerhalb Chinas an.

Auch Jüd:innen müssen Repessionen fürchten. Chinas Verhältnis zu Religion ist schwierig - wie sich erneut zu Olympia 2022 zeigte.
Auf dem Dachboden ihrer Wohnung versteckt die Jüdin Guo Yan in Kaifeng Modelle der früheren Synagoge und einer Thorasänfte, die ihr Vater gebaut hat. Guo glaubt, dass ihre Vorfahren vor 1000 Jahren aus Indien nach Kaifeng kamen

Auslöser für die heute absurde Verfolgung der Nachfahren wurde ein Passahfest, das jüdische Familien aus Kaifeng und umgebenden Dörfer im Frühjahr 2015 in einem Hotel feierten. Die New York Times schrieb einen Bericht darüber, dessen Übersetzung Funktionäre in Peking alarmierte. Dabei lasen sie Harmloses über wieder aufgelebte alte jüdische Traditionen und Bräuche. Auch über Pläne, ein jüdisches Kulturzentrum mit Museum und den Wiederaufbau der 1851 zuletzt zerstörten Synagoge zu fördern. Weil jüdische NGOs aus den USA und Israel mit von der Partie waren und sich unter den Gästen des Festes auch sympathisierende lokale chinesische Funktionäre befanden, setzte Peking das Thema sogar auf die Tagesordnung einer Sitzung des Politbüros unter Leitung Xi Jinpings. Es ging um potenzielle Gefahren, die der Partei vom Wildwuchs der Religionen drohten.

Solche Ängste führten dazu, dass Sicherheitsbehörden in Kaifeng alle 70 Teilnehmer:innen des Passahfestes verhörten, berichteten mir damals Betroffene. Alle wurden verwarnt, religiöse Feste nur noch privat und Zuhause zu feiern. Zugleich verlangten die Behörden von Kaifeng, alle sichtbaren Zeugnisse jüdischer Kultur und Religion auf den Straßen und in der Stadt verschwinden zu lassen. Ein historischer Brunnen, der einst zur von den Fluten zerstörten Synagoge gehört hatte, wurde zugeschüttet. Zwei noch erhaltene Gedenksteine mit Inschriften zur Entwicklung der jüdischen Gemeinde aus den Jahren 1489 bis 1663 wurden weggeschafft. Selbst eine erst 2008 von der Stadt aufgestellte Gedenktafel wurde entfernt. Sie hatte an die erste, im Jahr 1163 errichtete Synagoge von Kaifeng erinnert.

Dass eine vor 1000 Jahren nach China eingewanderte, heute so kleine Gemeinde so starke Reaktionen in Peking auslösen kann, gehört zu den Grotesken kommunistischer Politik, so wie auch Pekings Umgang mit der versteckten Kathedrale in Chongli. 

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