Themenschwerpunkte


Pekings neue Lehrbücher: „Ich bin ein Schüler Xi Jinpings“

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

In Zhuxian, einer Ortschaft bei Kaifeng, versteckt sich eine pittoreske Tempelanlage, die im 15. Jahrhundert zum Ruhm des songzeitlichen Generals Yue Fei (1103-1142) errichtet wurde. Sein Name steht in China traditionell als Inbegriff für patriotisches Verhalten. Als ich 2019 den Platz besuchte, wurde Yue Feis Leben mit einem auf große Schautafeln kopierten Comic aus den 1950er-Jahren ausgestellt. Das Bilderbuch pries den Heerführer, der sich sein früheres Königreich wieder erobern wollte.

Nach der Erklärung des Museums hat die Mutter von Xi Jinping diesen Comic ihrem Sohn einst vorgelesen. Den kleinen Xi hätte besonders die Stelle fasziniert, als Yue Feis Mutter ihrem 24-jährigem Sohn mit einer glühenden Nadel vier Schriftzeichen in den Rücken gravierte: „Jin Zhong Bao Guo“  (精忠报国) –  „Diene Deinem Land mit größter Loyalität“. Xi Jinping selbst erinnerte sich später: „Damals fragte ich meine Mutter: Das tat ihm doch sehr weh! Sie antwortete mir: Ja, aber von da an dachte er immer an sein Land. Seither bewahre ich diese vier Zeichen in meinem Herzen auf, damit sie auch mich ein Leben lang begleiten.“   

General Yue Fei Anekdote Xi Jinping
Figur im Zhuxian-Tempel von General Yue Fei, der sich von seiner Mutter Schriftzeichen mit patriotischer Bedeutung auf den Rücken tätowieren lässt.

Die rührselige Anekdote steht im neuen Schulbuch für die dritte Klasse Grundschule, meldete die britische Financial Times (FT). Xis Geschichten, Gedanken und seine Äußerungen über sozialistische Werte finden zum neuen Schuljahr Eingang in den Unterricht. So soll schon bei den Kleinsten Patriotismus geweckt und alle Auszubildenden gegen westliche Einflüsse immunisiert werden. Gegenüber FP-Reportern empörten sich heimlich einige Eltern: Sie fühlten sich an den Personenkult zu Zeiten Maos erinnert. 

Das „Komitee für nationale Lehrbücher“ unter dem Erziehungsministerium (MOE) hatte die Richtlinien festgelegt, um in das Curriculum für den jeweiligen Ausbildungsgang (von den Grund- und Mittelschulen bis zur Universität) die „Gedanken von Xi“ aufzunehmen. Dessen Theorien seien als offizielle Leitideologie Chinas seit dem 19. Parteitag 2018 in den Parteistatuten und in der Verfassung festgeschrieben. Daher „müssen wir auch die Köpfe der Schüler mit Xis Denken bewaffnen.“ Über anschauliche Beispiele und in lebendiger und konkreter Sprache sollten die jüngsten Schüler indoktriniert werden, China, die Partei und den Sozialismus zu lieben und dass „Generalsekretär Xi Jinping die Partei und das Volk führt.“ Graduierte müssten seine Theorie „studieren und interpretieren können.“ Die Richtlinien würden künftig auf alle Unterrichtssparten ausgeweitet. 

Die Integration von Xi Jinpings Gedanken als direkter Teil der Erziehung ist die Fortsetzung seiner ideologischen Neuausrichtung der Schulausbildung, die er als Parteichef nach seiner Wahl Ende 2012 verlangte. Als Erstes führte er das staatliche Monopol auf zentralisiertes und vereinheitlichtes Lehrmaterial wieder ein. Er ließ die Schulbücher revidieren. Neben verstärkter Lehre in traditioneller Klassik, Dichtkunst und Literatur sollen sie den Schülern vor allem kommunistische Ideale, Liebe für den Kollektivismus und ein „korrektes“ Verständnis der Geschichte und der nationalen Souveränität Chinas einbläuen.   

Von September 2014 mühten sich 140 Fachleute, die neuen Schulbücher zu verfassen. Im Chinesisch-Lehrbuch, das zum Schulanfang 2018 im September an Millionen Erstklässler verteilt wurde, zeigt die Eingangs-Zeichnung eine große Kinderschar der 56-chinesischen Nationalitäten. Die Schüler sollen nun suchen, ob sie sich als Hanchinesen, Tibeter oder Mongolen erkennen. Auf dem Bild stehen die Minoritäten-Kinder vor der roten Staatsfahne am Pekinger Tiananmen-Tor und rufen unisono: „Ich bin ein Chinese.“ Das ist die erste Lektion für die sechsjährigen Leser. Als Nächstes lernen sie danach das „Lied zum Schulanfang singen: „Ich liebe das Lernen, ich liebe die Arbeit. Wenn ich erwachsen bin, will ich dem Vaterland dienen.“    

Schulbuch China 2018
Seite des Schulbuchs „Chinesische Sprache“ von 2018 für die erste Klasse: Kinder in den Trachten der 56 nationalen Minderheiten Chinas. Alle rufen: „Ich bin ein Chinese“

Xi Jinping brachte die Schulbücher wieder auf Linie. Mit einem Strich machte er alle vorhergehenden Reformen zunichte. Von Anfang 2000 hatten mehr als 70 Akademien und Verlage 167 experimentierfreudige moderne Lehrbücher für 22 Schulfächer als Ergänzung zum Pflicht-Lehrstoffs entwickelt. Peking erlaubte in der damaligen Aufbruchs-Atmosphäre sie als Pilotprojekte zu nutzen. China war der Welthandelsorganisation (WTO) beigetreten. Sein Volkskongress verankerte das Recht auf Eigentum und den Schutz der Menschenrechte erstmals in der Verfassung.   

Das schlug sich im Curriculum und in Reform-Schulbüchern nieder wie in der 2006 erschienenen sechsbändigen Pekinger Reihe „Neue Bürger“ (新公民) für Schüler ab der dritten Klasse. Es beginnt mit „Erkenne Dich selbst“ und der Aufforderung: „Schau in den Spiegel. Wen siehst Du da? Dich selbst! So wie es in der ganzen Welt keine zwei Blätter gibt, die sich gleichen, bist auch Du auf dieser Welt einzigartig. Kannst Du Dich ausstehen? Stell Dich vor Deinen Spiegel und sage: Ich mag mich!“    

China Reformschulbuch
Erste Leseseite des Pekinger Reformschulbuchs „Neue Bürger“ von 2006: „Blick in den Spiegel. Erkenne Dich selbst.“

100 namhafte Erzieher, Historiker, Sozial- und Naturwissenschaftler erarbeiteten die modernen Lehrstoffe für den Pekinger Universitätsverlag. Absicht war, Chinas Schüler auf eine globalisierte Welt vorzubereiten, bei der es auf Eigeninitiative, kritische Nachfrage, Selbstbewusstsein und Fähigkeit zur Innovation ankommt. Jeder Schüler sei mehr als nur ein austauschbares Schräubchen im sozialistischen Getriebe, wie der Mustersoldat Lei Feng, den heute Parteichef Xi Jinping wieder als Idealfigur anpreisen lässt. Die heutigen Schulbücher verlangen die Einordnung des Einzelnen unter das Kollektiv und die Demonstration von Sekundärtugenden wie Fleiß, Gehorsam und zivilisiertes Benehmen.

Die Partei messe der sozialistischen Orientierung im Erziehungsbereich „hohe Priorität“ zu, ließ Xi auf der Tagung seines Politbüros diesen Dienstag verkünden. Mit seiner jüngsten Reform der Schulbücher hat er die Jugend von der einst kritischen Reformfrage „Wer bin ich?“ abgebracht. Jetzt sollen die Antworten lauten: „Ich bin ein Chinese“ und „Ich bin ein Schüler Xi Jinpings.“ 

Mehr zum Thema

    Quarantäne Updates Shanghai
    Mit mehr Transparenz zu mehr Impfungen
    Globale Lieferketten neu denken
    China kämpft um Wachstum