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Tiger schlagen, Fliegen klatschen, Füchse jagen

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Peking protestierte heftig, als der sich von Wuhan aus verbreitende Erreger anfangs „das chinesische Virus“ genannt wurde. Die Bezeichnung stigmatisiere die Bürger der Volksrepublik. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) taufte den Erreger dann Sars-CoV-2. Inzwischen deklinierte sie gar das griechische Alphabet, um die geografische Herkunft aller Mutationen zu verschleiern. Statt britische, brasilianische, südafrikanische oder indische Variante muss es nun politisch korrekt heißen: Alpha, Beta, Gamma und Delta. China ist das recht. Es hat seinen Willen bekommen: Nichts im Namen des Virus deutet mehr auf einen möglichen chinesischen Ursprung hin. Für Peking ist das eine politische Frage.  

Dabei ist die Volksrepublik, wenn es um Infektionen geht, die von anderen Gegenden ausgehen, nicht so zimperlich. Sie sagt Ebola zu dem Virus, der nach einem Fluss im Kongo benannt ist, oder „afrikanisches Schweinefieber“ für die tödliche Seuche, die 2019 Chinas Schweinebestände infizierte und dahinraffte. Erst vergangenen Montag meldete die „Global Times“, dass die Volksrepublik nach zwei Jahren das „afrikanische Schweinefieber“ (ASF) besiegt habe. Der Name ASF aber hat in China überlebt, während der Begriff „chinesisches Virus“ auf Druck Pekings weltweit verschwand. Der Kongo oder ganz Afrika haben eben keine Lobby oder so viel Einflussmacht wie Chinas Regierung. 

Xi setzt gegen Korruption auf barbarische Vergleiche

Nach innen kennt Peking keine Skrupel, wenn es andere stigmatisieren lässt. Es setzt sie gerne mit Tiernamen dem Gespött aus, um ihnen Würde und Selbstachtung zu rauben. Mao schöpfte für seine Kulturrevolution voll aus dem  Wörterbuch für unmenschliche Denunziationen. Er ließ seine Gegner als „Rinderteufel und Schlangengeister“ (牛鬼蛇神) oder als „Chamäleon oder Ungeziefer“ dämonisieren. (变色龙,小爬虫). Seine Roten Garden schrien als Schlachtruf: „Zerschlagt ihre Hundeköpfe“  (砸烂狗头). 

Hat die Kulturnation China daraus gelernt? Offenbar nicht. Selbst Präsident Xi Jinping greift in die Mottenkiste barbarischer Vergleiche. Zwei Monate nach Amtsantritt als Parteichef befahl er im Januar 2013 der Anti-Korruptionsbehörde des Zentralkomitees, den Partei-, Militär- und  Staatsapparat zu „säubern“. Er mobilisierte die unter Umgehung der Justiz eine Jagd auf tatsächliche oder vermeintlich korrupte Spitzenfunktionäre (die sogenannten Tiger). Zugleich sollten sie auch unter den rangniedrigen Partei- und Staatsbediensteten (den Fliegen) aufräumen. Ein Jahr später kamen als dritte Verfolgte im Bunde alle korrupten Funktionäre und Konzernchefs dazu, die sich als Wirtschaftsflüchtlinge mit Vermögen ins Ausland abgesetzt hatten (die Füchse). Xi prägte die geflügelten Worte für seine Kampagne, in der er auch seine politischen Gegner mit abservierte: Tiger schlagen (打老虎), Fliegen klatschen (拍苍蝇) und Füchse jagen.(猎狐). 

Bisher, so steht es in Chinas neu erschienener Parteigeschichte, hat Xi in den ersten fünf Jahren seiner Herrschaft 440 hochrangige Genossen als Tiger zur Strecke gebracht, die vielfach zu lebenslanger Haft verurteilt wurden. Darunter waren allein 43 Mitglieder des 18. Parteitags, die Xi einst zum KP-Chef mitgewählt hatten. Die bisher erwischten Fliegen zählen demnach sogar Millionen. 

Im Juli 2014 kam die Hatz auf die „Füchse“ dazu. Xinhua veröffentlichte eine Bilanz der internationalen Fahndung. Bis Juni 2020 wurden 7831 Wirtschaftsflüchtlinge aus Dutzenden Ländern an China ausgeliefert, darunter 2075 ehemalige Parteifunktionäre. Peking hätte fast drei Milliarden US-Dollar zurückerhalten.  

Anders als im Fall Corona gibt es innerhalb Chinas keine öffentliche Diskussion über die Stigmatisierung der Verfolgten. Die von Willkür geprägte Anti-Korruptionskampagne wird von einer Vielzahl von Selbstmorden begleitet, mit der sich Beschuldigte ihrer Festnahme entziehen. Zynisch tat einst die „China Daily“ solche Suizide ab. „Sie wiegen leichter als eine Feder.“

Tiernamen wie Wolf, Löwe oder Drache sind im politischen China dagegen positiv besetzt. Pekings Diplomaten und Sprecher des Außenministeriums gefallen sich seit 2018, als „Wolfskrieger“ Schlagzeilen zu machen, wenn sie im Ton und Inhalt aggressiv Chinas offensive Außenpolitik verteidigen. Der Name – zuerst von Bloggern aufgebracht – stammt vom chinesischen Kinohit Wolfskrieger 2 ab, in dem ein Rambo-ähnlicher Soldatenheld chinesische Geiseln im Ausland befreit. Seit der Begriff „Wolfskrieger“ weltweit Befremden auslöste, drehte Peking allerdings den Spieß um und beschuldigte westliche Medien, das Wort erfunden zu haben.    

Peking sieht sich gern als freundliches Raubtier

Unbestritten ist, dass Parteichef Xi zum Nutzen der eigenen Nation China gerne mit dem mächtigen Löwen oder mystischen Drachen vergleicht.  2014 warb er in Indien um Regierungschef Narendra Modi: „Der chinesische Drache und der indische Elefant“ sollten sich zusammentun, um eine „gerechtere und vernünftigere internationale Ordnung“ herzustellen. 

Den Vogel schoss Xi in seiner Festrede zu 50 Jahren diplomatischer Beziehungen mit Frankreich ab. Im März 2014 versicherte er in Paris, dass sich niemand vor der Volksrepublik zu fürchten brauche.  „Der Löwe China ist bereits aufgewacht. Er ist friedlich, freundlich und zivilisiert“. Xi spielte damit auf ein angeblich Napoleon Bonaparte zugeschriebenes Bonmot an. Der Korse soll einst, als er um Rat gefragt wurde, wie man mit einem sich dem Ausland widersetzenden China umgehen soll, auf die Weltkarte gedeutet und gesagt haben: „Hier ruht ein noch schlafender Löwe. Lassen wir ihn schlafen. Wenn er aufwacht, könnte er die Welt erschüttern.“ Nach anderer Version soll Napoleon „Drache“ gesagt haben. 

Ausländische Kritiker interpretierten das Bild vom friedlichen und zivilisierten Raubtier als versteckte Warnung. Peking könnte auch anders, wenn es seinen Willen nicht bekommt. Wo in aller Welt gebe es so etwas wie einen freundlichen Löwen? Außer China würde sich selbst als domestizierter Zoo- und Zirkuslöwe verstehen. Oder gar als Papiertiger. Aber so hat Xi, der die Tierbilder so liebt, das sicher nicht gemeint.  

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