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Wird Ostasien als Gewinner aus der Pandemie hervorgehen?

Von Lee Jong-Wha
Lee Jong-Wha stellt sich die Frage, ob Ostasien als Gewinner aus der Pandemie hervorgehen wird.

Die ostasiatischen Länder haben sich bei der Bewältigung der Covid-19-Pandemie und der Eindämmung ihrer wirtschaftlichen Folgen bemerkenswert gut geschlagen. Angesichts der Tatsache, dass erhebliche Risiken und Unwägbarkeiten weiterhin bestehen bleiben, kann man aber noch lange nicht sagen, dass die Region als globaler Gewinner aus der Krise hervorgehen wird.

Ostasien kann zweifelsohne eine beeindruckende Bilanz im Umgang mit der Pandemie vorweisen. Im Jahr 2020 wurden mehr als 101 Millionen Menschen positiv auf Covid-19 getestet und über 2,1 Millionen starben weltweit. Aber dank strenger Eindämmungsmaßnahmen und des allgemeinen Tragens von Masken wiesen die ostasiatischen Länder weitaus niedrigere Infektionsraten und Covid-19-Todesfälle auf als die fortgeschrittenen Volkswirtschaften Europas und Amerikas.

Während die Weltwirtschaft um 4,3 Prozent schrumpfte – der tiefste Einbruch seit dem Zweiten Weltkrieg – blieb das BIP-Wachstum in den sich entwickelnden asiatischen Ländern insgesamt positiv, getragen von Taiwan, Vietnam und vor allem China, das im vierten Quartal ein jährliches Wachstum in Höhe von 6,5 Prozent verzeichnete. Die steigende Auslandsnachfrage nach Technologie, elektronischen Gütern und medizinischen Produkten trug dazu bei, da sich die Exportverluste der Region in Grenzen hielten.

In diesem Jahr besteht die Hoffnung, dass der weit verbreitete Einsatz von Impfstoffen zu einer umfassenden – und der Weltbank zufolge V-förmigen – globalen Erholung führen wird, mit einem geschätzten Produktionswachstum in Höhe von vier Prozent. Dennoch wird erwartet, dass Ostasien alle anderen Regionen übertreffen wird, wobei China – mit einem prognostizierten Wachstum von 7,9 Prozent– als Treiber des durchschnittlichen Wachstums von 7,4 Prozent gilt.

Aktienkurse in Ostasien steigen

Diese optimistischen Prognosen – zusammen mit reichlich Liquidität, die durch beispiellose fiskalische und monetäre Expansion generiert wurde – haben das Vertrauen der Anleger gestärkt und die Aktienkurse in Ostasien historische Höchststände erreichen lassen. Der japanische Nikkei-Index ist seit seinem Tiefststand im März um 67 Prozent gestiegen und hat damit einen Rekordwert vom Mai 1991, kurz vor dem Platzen der Vermögenspreisblase, übertroffen. Auch der MSCI Emerging Market Asia Index ist seit März um 80 Prozent gestiegen und hat damit alle anderen Schwellenländer übertroffen.

Investoren und Analysten scheinen zuversichtlich, dass ostasiatische Länder – insbesondere China, Südkorea und Indonesien – in der Lage sein werden, das Virus in Schach zu halten, eine robuste wirtschaftliche Erholung zu erreichen und Maßnahmen zur Konjunkturförderung aufrechtzuerhalten, was zu immer höheren Unternehmensgewinnen und damit zu höheren Aktienkursen führt. Vielleicht sollten sie ihre Erwartungen herunterschrauben.

Zunächst einmal ist die Pandemie noch lange nicht ausgestanden, und viele Länder sind mit einer zweiten oder dritten Infektionswelle konfrontiert. Dazu gehören auch Länder in Ostasien, wie Japan, Südkorea, Malaysia und Thailand, die alle gezwungen waren, erneut strenge Maßnahmen zur Eindämmung zu ergreifen. Darüber hinaus sind schnelle Impfstoff-Auslieferungen – von denen die prognostizierte Erholung abhängt – bei weitem nicht garantiert, und in vielen ostasiatischen Ländern verläuft der Start schleppend.

Unterdessen werden die Haushalts- und Finanzrisiken größer. Während umfangreiche Regierungsausgaben und geldpolitische Lockerungen die Erholung von der COVID-19-Pandemie vorangetrieben haben, sind auch die Defizite und die Staatsschuldenquoten weltweit in die Höhe geschnellt.

Öffentliche Haushalte geraten unter Druck

Für ostasiatische Volkswirtschaften, die relativ niedrige Schuldenquoten aufweisen, ist eine höhere Verschuldung kein unmittelbarer Anlass zur Sorge. Aber das abnehmende Wachstumspotenzial und die alternde Bevölkerung stellen eine Gefahr für die mittelfristige finanzpolitische Tragfähigkeit dar. In den Schwellenländern und Ländern mit mittlerem Einkommen Asiens rechnet der Internationale Währungsfonds mit einer weiteren Verschlechterung der Finanzlage der öffentlichen Haushalte. Wie die Asiatische Entwicklungsbank anmerkt, wird es schwierig sein, diesem Trend entgegenzuwirken, da es problematisch ist, fiskalpolitische Unterstützung schnell zurückzunehmen.

Gleichzeitig regt die erhöhte Liquidität die Risikobereitschaft an, was zu einem raschen Anstieg der Vermögenspreise führt. Einige ostasiatische Länder, darunter Südkorea und China, haben trotz strengerer Hypothekenvorschriften bereits Schwierigkeiten, Immobilienblasen in Großstädten einzudämmen. Und einige Analysten haben davor gewarnt, dass eine Aktienmarktkorrektur unmittelbar bevorsteht, obwohl andere behaupten, dass die niedrigen Realzinsen und das Wachstumspotenzial des Technologiesektors die hohen Aktienkurse von heute rechtfertigen.

So oder so könnte die Erwartung einer fiskal- und geldpolitischen Normalisierung nach dem Wiederaufleben von Wachstum und Inflation die weltweiten Aktienkurse einbrechen lassen. Und ein umfangreicher Liquiditätsabzug aus den Schwellenländern könnte für die asiatischen Volkswirtschaften, die in hohem Maße von kurzfristigen ausländischen Kapitalzuflüssen abhängig sind, eine Katastrophe bedeuten.

Der strategische Wettbewerb zwischen den Vereinigten Staaten und China setzt die Region  weiteren Abwärtsrisiken aus. US-Präsident Joe Biden behauptete im vergangenen Jahr, dass die USA gegenüber China „hart durchgreifen“ müssten, und beschuldigte das Land, amerikanischen Unternehmen Technologie und geistiges Eigentum zu „rauben“. Dies deutet darauf hin, dass er Donald Trumps antagonistische Haltung gegenüber China aufrechterhalten und sogar noch verstärken könnte. Sollte er dies tun, könnten sich die wirtschaftlichen Aussichten Ostasiens deutlich eintrüben.

Um nach der Pandemie erfolgreich zu sein, müssen ostasiatische Entscheidungsträger all diese Risiken umschiffen und gleichzeitig tiefgreifende wirtschaftliche und soziale Veränderungen bewältigen. Die Pandemie hat das Konsumverhalten verändert, die Digitalisierung beschleunigt und Industrien auf den Kopf gestellt. Sie hat auch die Einkommensungleichheit und die soziale Unzufriedenheit verschärft. Der Ruf nach gerechteren, nachhaltigen Systemen ist lauter denn je.

In diesem Zusammenhang ist die Erholung vom Coronavirus nur der erste Schritt. Die Politik muss auch die Grundlagen für ein besseres langfristiges Wachstum schaffen, etwa durch mehr Investitionen in sozialen Schutz, Digitalisierung, Bildung und Qualifizierung sowie grüne Energie.

Die ostasiatischen Volkswirtschaften sollten sehr stolz auf das sein, was sie im Jahr 2020 erreicht haben. Aber sie dürfen sich nicht auf ihren Lorbeeren ausruhen. Der einzige Weg, um auch im Jahr 2021 und darüber hinaus erfolgreich zu sein, besteht darin, ihre Volkswirtschaften gegen Risiken zu wappnen, die sie nicht kontrollieren können, und die Risiken abzumildern, die sie kontrollieren können.

Aus dem Englischen von Sandra Pontow.

Lee Jong-Wha, Professor für Wirtschaftswissenschaften war auch leitender Berater für internationale Wirtschaftsangelegenheiten des ehemaligen südkoreanischen Präsidenten Lee Myung-bak.

Copyright: Project Syndicate, 2021.
www.project-syndicate.org

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