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Olympia und der Wunsch nach Respekt

Von Marc Bermann
Marc Bermann, Gründer von MRB Consulting, schreibt im Standpunkt über Olympia - Respekt ist, was sich China von der internationalen Gemeinschaft erhoffen würde.
Marc Bermann, Gründer von MRB Consulting

Wie im Jahr 2008, als Peking erstmals Gastgeber bei den Sommerspielen war, wird die chinesische Öffentlichkeit von der Außenwirkung der Spiele wieder enttäuscht sein. Denn schon damals interessierte sich die Weltpresse mehr für Chinas Menschenrechtsverletzungen und Umweltsünden als für die Schokoladenseiten des chinesischen Wirtschaftswunders und die vielen Goldmedaillen der chinesischen Sportlerinnen und Sportler. Das Reich der Mitte fühlte sich unfair behandelt und viele seiner Bürgerinnen und Bürger waren zutiefst gekränkt. In diesem Jahr droht eine verschärfte Wiederholung der beiderseitigen Enttäuschung.

Erinnern wir uns an 2008: Nur ein Vierteljahr vor Austragung der Spiele in Peking hatte ein verheerendes Erdbeben im Westen des Landes große Zerstörung angerichtet und viele Todesopfer gefordert. Die Spiele im Sommer boten der gesamten Nation die Chance, eine Zeitlang diese traumatischen Ereignisse zu vergessen und als stolzer Gastgeber der ganzen Welt die beeindruckenden Ergebnisse ihres Wirtschaftswachstums zu präsentieren.

Dass der gewünschte Effekt ausblieb, die Spiele mögen China Glanz und Ruhm und mehr internationalen Respekt verschaffen, wurde als Nackenschlag empfunden. In Peking führte das zu einem Umdenken hinsichtlich der internationalen Kommunikation. So gesehen waren die Olympischen Spiele 2008 ein Wendepunkt in den internationalen Beziehungen mit China.

Damals, in jenem Sommer, kämpften die meisten Staaten der Erde gerade gegen die Auswirkungen der großen Wirtschafts- und Finanzkrise, die im Jahr zuvor ausgebrochen war – und die sich nach dem Kollaps der US-Investmentbank Lehman Brothers im September 2008 international noch mehr ausweiten und vertiefen sollte. China, so stellte sich kurze Zeit später heraus, war eines der wenigen Länder, das im Vergleich unversehrt durch diese Wirtschafts- und Finanzkrise kam. Das lag vor allem daran, dass Chinas Wirtschaft und sein Finanzsektor besser als die anderer Länder vor internationalen Einflüssen geschützt waren. Dass die chinesische Regierung damals die Chancen der weltweiten Krise zum eigenen Vorteil nutzen konnte – ganz im Gegensatz etwa zu den USA – gab ihr in den Augen der Kommunistischen Partei auch international eine neue Legitimationsbasis für ihren Herrschaftsanspruch. Zugleich stieg das nationale Selbstbewusstsein.

Die Image-Strategie gilt als gescheitert

Zunächst versuchte Peking, seine neue Kraft mittels der Entwicklung einer Soft-Power Strategie zu untermauern, die zugleich Chinas Image in der Welt verbessern sollte. Doch die Avancen der chinesischen Regierung erreichten nicht das gewünschte Ziel: Ihr Wunsch nach Respekt und Anerkennung durch die internationale Gemeinschaft passte auch damals nicht zu der Art, wie sie mit Andersdenkenden im eigenen Land verfuhr. Es fehlte an Glaubwürdigkeit und der notwendigen globalen Attraktivität der zu exportierenden Lebensweise.

So gut die Gründe für die mangelnde Gegenliebe des Westens waren: Sie verstärkten das Gefühl der Enttäuschung. Das blieb nicht ohne Folgen. Ab etwa 2009 verschärfte sich der Ton der chinesischen Regierung nach außen. Peking war aufgeputscht von der eigenen neuen Power und genervt von einem absteigenden und dennoch als arrogant wahrgenommenen Amerika – ebenso wie von einem schwächelnden Europa. Zugleich war es frustriert über sein anhaltend schlechtes Image in der Welt. International war auf einmal von einem arroganten Auftreten Chinas die Rede. Das selbstbewusste Auftreten chinesischer Diplomaten und anderer Vertreter der Nation war in der Tat neu. Es verunsicherte und düpierte den Westen.

Mit Xi Jinpings Installation an der Spitze von Partei und Staat in den Jahren 2012 und 2013 hat sich China von einem autoritären zu einem totalitären System entwickelt. Peking hält Millionen von Uiguren in Umerziehungslagern in Xinjiang gefangen und beraubt die Menschen Hongkongs ihrer vormals noch fest zugesicherten Rechte und Freiheiten. Die Zivilgesellschaft, die sich Mitte der 2000er-Jahre durch die Verbreitung des Internets entwickelte, hat Xi im Keim erstickt. Der hochgerüstete Zensurapparat ist heute in China von kaum jemandem mehr zu überwinden oder straffrei zu umgehen.

Die negative Sicht auf China überwiegt

Die Schmach negativer Medienberichte aus dem Ausland bleibt heute auf diese Weise zwar einem Großteil der chinesischen Bevölkerung erspart. Allerdings ist zu erwarten, dass die chinesische Regierung diese Berichte filtern, aufbereiten und zu Propagandazwecken umnutzen wird, um dem eigenen Volk Belege für die Feindseligkeit ausländischer Mächte zu liefern. Die Erzählung, dass die USA und andere Demokratien China seinen Aufstieg nicht gönnen und es klein halten wollen, wird in den kommenden Wochen wieder durch die chinesische Presse zirkulieren. Es ist für chinesische Bürgerinnen und Bürger schwer geworden, sich ein eigenes Bild von der Welt zu machen. Das heißt aber nicht, dass die Enttäuschung über die negative Außenwahrnehmung allein von der Regierung gesteuert wird – oder gar steuerbar wäre.

China, dessen wirtschaftliche, politische und militärische Macht seit 2008 massiv gewachsen ist, lässt keinen Zweifel aufkommen, dass es künftig auf das Weltgeschehen mehr Einfluss nehmen will. Ein Hinweis darauf ist die Neue-Seidenstraßen-Initiative. Darüber hinaus bleibt vieles unklar. Klar ist jedoch, dass Chinas Beliebtheitswerte eher ab- als zunehmen. Laut einer 14-Länder-Umfrage des PEW Research Center unter (westlichen) Industrienationen befand sich Peking mit durchschnittlich 73 Prozent negativer Sicht auf China im Jahr 2020 auf einem historischen Tiefpunkt.

Einerseits beklagt sich Peking permanent über Chinas negative Außenwirkung. Andererseits gibt sich die Regierung augenscheinlich keine große Mühe, ihr internationales Image durch entsprechende Verhaltensänderungen zu verbessern; sei es nur durch eine neue, offenere und versöhnliche Rhetorik – nicht nur nach außen. Stattdessen schickt sie Wolf-Warrior-Diplomaten nach vorne, die das Bild von einem aggressiven Nationalismus mit „Sharp Power“ eher fördern als eindämmen. Man möchte eben ernst genommen werden.

Egal, wie man es dreht: Die globalen Krisen unserer Zeit lassen sich nur mit und nicht gegen China lösen. Doch dafür braucht es Fakten, nicht Fake News. Es braucht Wissenschaft. Wissenschaft gedeiht nur in der Freiheit und dafür braucht es die liberale Demokratie. Die meisten internationalen Journalistinnen und Journalisten, die über die Winterspiele berichten werden, wissen das. Deswegen werden sie mit Sicherheit auch wieder über die Probleme und Widersprüche Chinas schreiben. Wenn die Regierung und die Menschen das nur schwer ertragen, dann muss das der Preis sein, den wir im Namen unserer Werte bereit sind zu zahlen.

Marc Bermann ist Unternehmensberater in Mühlheim/Ruhr. Bis 2020 war er Programmleiter bei der Stiftung Mercator und dort unter anderem maßgeblich für den Aufbau des Forschungsinstituts Merics verantwortlich. Bei der Robert Bosch Stiftung hatte er zuvor den Bereich China betreut und unter anderem das deutsch-chinesische Medienbotschafter-Projekt organisiert. Bermann hat einen Hintergrund in Sinologie und Politikwissenschaften.

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