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Mit Tricks und Intransparenz zu schöneren Zahlen

In schwierigen Zeiten sowie entscheidenden politischen Momenten sollte man Zahlen und Statistiken mit Vorsicht betrachten. Das gilt auch für dieses Jahr.

Chinas Wirtschaftsdaten werden von mehreren staatlichen Behörden veröffentlicht. Zu den wichtigsten zählen die Chinesische Volksbank, das Finanzministerium und die Zollbehörde. Die von ihnen herausgegebenen Zahlen werden im Allgemeinen als vertrauenswürdig betrachtet, mit Ausnahme der politisch sehr heiklen Daten über die Schuldenlage der Kommunen. 

Vor allem die Daten des Staatlichen Amts für Statistik der Volksrepublik China, das für den Großteil der Wirtschaftsstatistiken zuständig ist, haben aber immer wieder für viel Frustration gesorgt.

Es ist ein offenes Geheimnis, dass die wichtigsten Statistiken vor ihrer Veröffentlichung vom Staatsrat der Volksrepublik abgesegnet werden müssen. Das letzte Mal, dass China seine Wirtschaftszahlen kräftig „revidierte“, war im Jahr 1998, als die Asienkrise und gewaltige Überschwemmungen in der ganzen Region das von der Regierung in Peking verkündete Wachstumsziel von acht Prozent zunichtemachten. Die Nationale Statistikbehörde sprach letztendlich von einer Wachstumsrate von 7,8 Prozent. Es wird jedoch geschätzt, dass das Wachstum in Wahrheit zwischen fünf und sechs Prozent lag.

Viele Möglichkeiten, Zahlen zu schönen

Es gibt viele Möglichkeiten, die Bilanzen zu schönen. Ein Teil des Wirtschaftswachstums in einem Quartal könnte zugunsten eines angrenzenden, besonders schwachen Quartals umgeschichtet werden. Statistiken, die bereits zehn Jahre zurückliegen, können dann verändert werden, um Unstimmigkeiten zwischen den Zahlen auszugleichen.

In diesem Jahr ist das chinesische Bruttoinlandsprodukt nach Angaben der Nationalen Statistikbehörde im ersten Quartal um 4,8 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen, während das angekündigte Wachstumsziel für das gesamte Jahr bei 5,5 Prozent liegt. Angesichts der Corona-Maßnahmen im ganzen Land, des strauchelnden Immobilienmarktes, der gedämpften Entwicklung der Privatwirtschaft und einer trüben Stimmung bei den Verbrauchern wird die Glaubwürdigkeit dieser Zahl stark angezweifelt.

Nachdem es im zweiten Quartal zu weiteren harten Lockdowns gekommen war, hat der Markt jegliche Hoffnung verloren, dass das jährliche Wachstumsziel noch erreicht werden kann. Die Regierung schien ihrerseits beschlossen zu haben, die Zahlen nicht (allzu sehr) zu verfälschen und gab für das zweite Quartal ein Wachstum von 0,4 Prozent an. Was aber mit den Zahlen für das nächste Quartal geschehen wird, kann niemand abschätzen.

Man muss an dieser Stelle jedoch auch anmerken, dass sich die Qualität der chinesischen Statistiken vor der Covid-Pandemie zunehmend verbessert hat. Die weitgehend bedeutungslose „registrierte Arbeitslosenquote“, die Chinas enorme Bevölkerung außerhalb der Großstädte nicht berücksichtigte, wurde durch eine Quote ersetzt, die auf Erhebungen sowohl im städtischen als auch im ländlichen Raum basiert. Es wurde sogar eine Unterkategorie für die Arbeitslosenquote der 16- bis 24-Jährigen eingeführt.

Strafen für Zahlenfälscher

Die Provinz Liaoning sowie die regierungsunmittelbare Stadt Tianjin wurden offiziell gerügt, weil sie stark aufgeblähte Wirtschaftsstatistiken veröffentlicht hatten, um das Image der lokalen Verwaltung aufzupolieren.

Jedoch scheint es, als sei es durch die Pandemie und die Vorbereitung des wichtigen 20. Nationalkongress der Kommunistischen Partei Chinas zu einem Rückfall gekommen.

Was hierbei besonders frustrierend ist: Ob man die offiziellen Zahlen infrage stellt oder nicht, es gibt keine Möglichkeit, sie zu belegen. Die Nationale Statistikbehörde gibt keinerlei Details über ihre Berechnungsmethode preis, offenbar um sich selbst einen gewissen Spielraum zu verschaffen. Keine andere Institution hat das legitime Mandat oder die Fähigkeit, ein separates System parallel zu dem offiziellen einzuführen.

Andere offizielle Zahlen zum Vergleich heranzuziehen, ist ebenfalls nicht immer praktikabel, da die Nationale Statistikbehörde sie nicht regelmäßig veröffentlicht. So fehlen beispielsweise seit 2020 in den Berichten die Angaben zur Stromerzeugung, einem wichtigen Wirtschaftsindikator. Auch die Veröffentlichung der Werte für den Kohlepreis, ein weiterer Indikator, wird ausgesetzt, sobald der Preis zu hoch ist.

Unabhängige Stellen können zwar einige Indikatoren wie das Gesamtladevolumen von Lastwagen oder den Bau neuer Infrastruktur-Projekte mithilfe von Satellitenbildern ermitteln. Aber in der Regel wagen es diese Institutionen nicht, diese Zahlen zu veröffentlichen, um offizielle Angaben nicht zu untergraben. Sollten sie es dennoch tun, könnte das Konsequenzen haben. Als Begründung für die Aussetzung von Daten wird in der Regel erklärt, man wolle „angesichts der ungewöhnlichen Preisschwankungen eine verantwortungsvolle Haltung zeigen“.

Ein unabhängiges Forschungsinstitut veröffentlichte im August einen Bericht über die regionalen Leerstandsquoten von Immobilien, der sich auf eine unabhängige Erhebung stützte. Der Bericht wurde später aufgrund von Druck widerrufen.

Abgesehen von einer kleinen Zahl unerlässlicher Zahlen wie dem BIP, den Preisindizes und der Wirtschaftsleistung, veröffentlicht die Statistikbehörde in ihren Berichten ausschließlich positive Zahlen.

Das gleicht einem gar nicht einmal so lustigen Versteckspiel. Beobachter können sich nur damit trösten, dass die Regierung Zahlen veröffentlicht, die ihre politischen Ziele widerspiegeln.

Probleme nicht nur im Wirtschaftsbereich

Es wird spekuliert, dass China in den letzten Jahren sein Bevölkerungswachstum zu hoch angesetzt hat. Die Regierung hat ihre Ein-Kind-Politik nur sehr zögerlich aufgegeben, selbst nachdem die Geburtenrate übermäßig niedrig war. Dieses Zögern könnte zu einer raschen Überalterung der Bevölkerung führen, was sich langfristig negativ auf die wirtschaftlichen und sozialen Aussichten auswirkt.

Seit 2015 erlaubt es die Regierung ihren Bürgern, bis zu zwei Kinder zu bekommen. Im vergangenen Jahr wurde die Zahl sogar auf drei erhöht. Allerdings ist die allgemeine Bereitschaft, mehr als ein Kind zu bekommen, aufgrund der enorm hohen Kosten immer noch sehr gering.

Wenn so viele Statistiken manipuliert oder gar schlichtweg gefälscht werden, machen sich die Verantwortlichen und Politiker dann nicht letzten Endes selbst etwas vor? Nun, in gewisser Weise mag das durchaus zutreffen. Aber für Peking sind diese Zahlen nur ein Maßstab zur Entscheidungsfindung, sie wissen sehr gut über das Spiel mit der Statistik Bescheid.

Doch für viele andere wird es knifflig, wenn die Zahlen der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt nicht zuverlässig sind. Investoren, Ökonomen und Sinologen müssen all ihre Sinne und ihre Weisheit aufbieten, um das wahre Bild hinter der Fassade zu entschlüsseln.

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