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Mit Kreativität an den Zensur vorbei

Von Johnny Erling
Johnny Erling schreibt die Kolumne für die China.Table Professional Briefings

Was verbindet den übersetzten Namen für „Schneewittchen und die 7 Zwerge“ (白雪公主和七个小矮人) mit den Schriftzeichen für das Datum „35. Mai“ (五月三十五) oder mit dem chinesischen Begriff „Kaiser im Rückwärtsgang“ (倒车帝)? Warum lässt sich Chinas städtische Jugend und der Mittelstand des Landes von drei neuen angeblichen Wissenschaften anziehen, der Involution (内卷), des Flachliegens (躺平) und der Runologie (润学)? Antworten gibt das Internet. Die ominösen Code-Wörter sind Anspielungen auf chinesische Führer, auf politische oder soziale Missstände, wie sie in den offiziellen Medien nicht erscheinen dürfen. Doch im Netz entkommen böse Satire, provokante Wortspiele, politische Attacken immer wieder Chinas strikter Zensur. Gärender Unmut macht sich virtuell Luft, den es nach Pekings Propaganda in der neuen Ära unter Volksführer Xi Jinping und seinem chinesischen Traum weder gibt noch geben darf.

So geistert seit dem Frühjahr die ominöse Lehre vom „Run“ durch alle Webseiten. Um zu verstehen, was gemeint ist, muss man das Schriftzeichen dafür lautmäßig wie im Englischen „to run“ aussprechen. Dann bedeutet es „Nichts wie weg von hier“. Mit ihrer neuen Wortschöpfung beschimpften Shanghaier Bürger den Corona-Lockdown ihrer Behörden, die sie wochenlang einsperren ließen. Anfang August wählte die Webseite für Mikroblogs in China es zum „Weibo-Wort der Woche“.

China und Zensur: Neues Kultwort des Zorns und des Frusts im Internet: Das Schriftzeichen wird in Pinyin als "run" gelesen, aber nach englischer Lesart ausgesprochen im Sinne von wegrennen oder abhauen. Es breitete sich nach dem wochenlangen Corona-Lockdown der Bürger Shanghais massenhaft im Netz aus.
Neues Kultwort des Zorns und des Frusts im Internet: Das Schriftzeichen wird in Pinyin als „run“ gelesen, aber nach englischer Lesart ausgesprochen im Sinne von wegrennen oder abhauen. Es breitete sich massenhaft im Netz nach den wochenlangen Corona-Lockdown der Bürger Shanghais aus. Eine Weibo-Webseite wählte es im August zum „Wort der Woche“..

Der Medienexperte David Bandursky meint, dass der neue Begriff im Dreiklang trendiger Online-Proteste steht. Sie spiegeln die Ausstiegs-Fantasien einer von Indoktrination und Gängelung durch Chinas Partei dauergenervten und überforderten Generation Z wider. Diese will sich nicht mehr für die Karriere im Hamsterrad Schule, Studium und Arbeit abstrampeln. Das nannte sie zuerst „Involution“. Dann erfand sie als zweites Schlagwort für ihre innere Emigration „flach zu liegen„. Nun träumen sie „abzuhauen“.

Chinas Führung sieht Rot, beobachtet Joseph Brouwer, der seit einer Dekade das Katz- und Maus-Spiel der Zensur in den Sozialen Medien beobachtet. Auf der Webseite „Chinadigitaltimes.net“ schreibt er: In meinen vielen Jahren, in denen ich Chinas Zensur-Saga verfolge, habe ich die Regierung noch nie so fest entschlossen gesehen, dagegen vorzugehen. Sie ist nicht bereit, den kleinsten Ausdruck an Widerspruch oder Missbilligung ihrer Bürger hinzunehmen.“ Schon gar nicht vor dem nahenden 20. Parteitag im Spätherbst, auf dem sich Parteichef Xi seine dritte Amtsperiode 2022 bis 2027 bewilligen lassen will, also faktisch seine absolute Herrschaft auf Lebenszeit zementiert. Im Netz rumore es. „Und das ist noch milde ausgedrückt.“

Im Juli traten die Zensurbehörden eine neue Kampagne gegen Missbrauch des Internets los und riefen zur politischen Säuberung des Cyberspace auf. Dort würden mit vieldeutigen und homophonen Schriftzeichen, Wortvarianten und falschen Schreibweisen schädliche Informationen verbreitet.“

Während KP-Propagandisten alles daransetzen, um die öffentliche Meinung in den traditionellen Medien ideologisch gleichzuschalten oder patriotisch aufzuheizen, werden sie mit den Widerworten im Netz nicht fertig. Raffinierte Anspielungen, vor allem in schierer Masse, überfordern nicht nur das physische Heer der Zensoren. Auch die ausgefeilte Überwachung mit Algorithmen und künstlicher Intelligenz kriegt das ständig wechselnde Kauderwelsch und der Mixtur aus Mandarin und Englisch, alphabetischen, chinesischen oder römischen Zahlsymbolen, traditionellen und vereinfachten Schriftzeichen nicht in den Griff. Größtes Problem sind die Homophone, also Wörter mit gleicher Aussprache, die unterschiedlich geschrieben werden. Trotz seiner Großen Firewall bleibt das Netz für Peking eine Brutstätte für „Subversion“. Dabei hat es sich das selbst zuzuschreiben und mit dem Online-Wirrwarr seinen eigenen Turm zu Babel mit chinesischen Besonderheiten erbaut. 

China und Zensur vor der Zeit der sozialen Medien: Chinas hat eine alte kulturelle Tradition des intellektuellen Widerstands gegen Diktatoren. Weltberühmt wurden etwa die nach 1960 vom Oppositionellen Deng Tuo verfassten 153 anspielungsreichen kritischen Essays
Vor der Zeit der sozialen Medien. Chinas hat eine alte kultureller Tradition des intellektuellen Widerstands gegen Diktatoren. Weltberühmt wurden etwa die nach 1960 vom Oppositionellen Deng Tuo verfassten 153 anspielungsreichen kritischen Essays „Abendgespräche am Schwalbenberg“ . Er brachte damit Mao zur Weissglut, der sich an ihm in der Kulturrevolution rächte. Dengs Essays erschienen 1962 auch in einer fünfbändigen Sammlung, die später verboten wurde.

Die sich tarnenden Proteste im Netz unterscheiden sich von der alten kulturellen, chinesischen Tradition des intellektuellen Widerstands gegen die Herrschenden. Einst entlarvte etwa der oppositionelle Pekinger Funktionär Deng Tuo in 153 satirischen Essays und historischen Analogien Maos größenwahnsinnige Träume. Seine Kolumnen erschienen nach 1960 unter dem Titel „Abendgespräche am Schwalbenberg“ (Yanshan yehua 燕山夜话) offen in der Pekinger Abendzeitung. Später rächte sich Diktator Mao furchtbar an ihm.

Kritik in der Offline-Welt hat die heutige Parteibürokratie unter Führer Xi längst unterdrückt. Das Netz wurde zur Bühne für Proteste. Webseiten wie Chinadigitaltimes führen seit 2011 über den Kampf der Pekinger Zensur gegen unliebsame politische Anspielungen Buch. 2017 dehnten sie ihre Suche auf alle wichtigen Plattformen der sozialen Medien aus; neben Sina Weibo新浪微博 auch auf WeChat微信 , Zhihu知乎, Douyin抖音 (die chinesische Mutter von TikTok), Kuaishou快手和 und Bilibili.

China und Zensur: Verfremdetes Protest-Schriftzeichen des Namens für die Provinz Henan, wo es zu heftigen Bürgerprotesten geprellter Bankkunden kam. Das Zeichen "He" ist mit einem QR-Code zu den korrupten Finanzgeschäften und das "Nan" ohne das nur schattiert erkennbare Innen-Zeichen für Geld geschrieben.
Verfremdetes Protest-Schriftreichen des Namens für die Provinz Henan, wo zu heftigen Bürgerprotesten wegen geprellter Bankeinlagen kam. Das Internet schreibt das Zeichen „He“ mit einem QRKode zu den korrupten Finanzgeschäften und das „Nan“ ohne das nur schattiert erkennbare Innen- Zeichen für Geld.

600 Millionen aktive Nutzer mit eigenen Konten in den sozialen Medien machen die Kontrolle für Peking zur Mammutaufgabe. Wie sie im Detail vor sich geht, konnte Bouwer nachlesen, als seiner Webseite Chinadigitaltimes gerade eine 143-seitige Dokumentation zugespielt wurde. Sie stammte von der für Online-Shopping und -Networking gegründeten Instagram-ähnlichen Sozialplattform Xiaohongshu (小红书). Die hatte intern alle kritischen Posts ausgewertet und Gegenmaßnamen entwickeln lassen. Zu ihren gesammelten sensiblen Wörtern (敏感词) gehörten auch mehr als 500 Begriffe, Bezeichnungen, Schreibweisen oder Redewendungen, die Parteichef Xi meinen.

Umschrieben wird er mal als „Kaiser im Rückwärtsgang“, als Liebhaber chinesischer „Raviolitaschen“ (习包子), als oberster Zensor und „Harmonisierer“ (习和谐). Oder sein Name wird mit dem anderer Diktatoren verballhornt. Aus Nordkoreas Kim Il-song wird etwa Xi Il-song (习正日). Die Ausdrücke sind so gewählt, dass jeder weiß, wer gemeint ist, aber so verändert, dass die Algorithmen der Zensur sie nicht sofort erkennen und blockieren können.

Das gilt auch für alle anderen von der Zensur streng verbotenen Begriffe, wie für die tabuisierten Ereignisse des Pekinger Tiananmen-Massakers vom 4. Juni 1989. 2004 stieß ich zum ersten Mal auf einen Mikroblog, der zur Trauer für den Gedenktag aufrief. Er nennt das Datum „35. Mai“ (五月三十五). Wer nachrechnet, kommt auf den 4. Juni. Peking ließ zwar sofort die Schreibweise 35. Mai ächten. Doch die Postings wählten sich nun römische Ziffern. Der 4. Juni wurde zur Zahl „ⅥⅣ“ oder zu „1-9-8-9 IIXVIIIIX“. Zehn Jahre später, 2014, zählte Zensurexperte Jason Q. Ng bereits 64 Umschreibungen im Netz für die Erinnerung an das Massaker. Inzwischen sind es noch mehr geworden.

China und Zensur: Eine einstige Kult-Fotomontage in Chinas Internet. Der Vergleich zwischen Xi Jinping und Barack Obama mit Winnie the Pooh und Tigger. Solche Posts sind verboten und werden verfolgt.
Eine einstige Kult-Fotomontage in Chinas Internet. Der Vergleich zwischen Xi Jinping und Barack Obama mit Winnie the Pooh und Tigger. Solche Posts sind verboten und werden verfolgt.

Dem Einfaltsreichtum, die Zensur immer wieder zu unterlaufen, sind keine Grenzen gesetzt. Internet-Behörden verboten gerade öffentlich über jüngste Massenprotete von Sparern in der Provinz Henan (河南) zu berichten, die von regionalen Banken um ihre Einlagen geprellt wurden. Chinas Finanzstabilität dürfe nicht in Frage gestellt werden. Blogger tauften darauf die Provinz Henan kurzerhand in Helan (荷兰um, was allerdings Holland bedeutet. Oder sie manipulierten das Schriftzeichen für Henan. Sie schrieben es ohne das Geldzeichen in seinem Mittelteil. Soll heißen: Die Banken in der Skandalprovinz sind pleite.

Was aber hat das alles mit dem von mir anfangs erwähnten Aufsehen im Netz um „Schneewittchen und die sieben Zwerge“ zu tun? Auslöser wurden Online-Meldungen, wonach Shanghais Kindergärten Grimms Märchen aus ihrem Bestand an Bilderbüchern zu entfernen hätten. Blogger erregten sich über Chinas Kulturfunktionäre, die vor dem 20. Parteitag alles auf den Index setzen lassen, was zu Anspielungen auf Parteichef Xi führen könnte. Denn das auch in China populäre Schneewittchen könnte daran erinnern, wie Xi zum 70. Jahrestag der Volksrepublik mit den Mitgliedern seines Politbüroausschusses das Pekinger Mao-Mausoleum besuchte. Alle Sieben hätten sich vor dem Kristallsarg des einbalsamierten Vorsitzenden verneigt.

Das klang nun selbst für Chinas Verhältnisse so absurd, dass die Tageszeitung „Beijing News“ Reporter nach Shanghai schickte. Die meldeten prompt am 2. August, dass die amtliche „Anti-Gerüchte Plattform“ in Shanghais von Fake-News sprach. Doch wer zwischen den Zeilen las, wurde einer Besseren belehrt. Die Reporter schrieben, sie hätten mehrere Kindergärten gefragt, ob die Meldung vom Schneewittchen-Märchen stimme. Alle hätten nur gesagt, dass es für sie „nicht opportun ist, darauf zu antworten“.

In China treibt die offizielle Zensur also immer kuriosere Blüten. Gut, dass es wenigstens ein Ventil im Internet gibt.

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