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Maotai – Chinas flüssiges Gold

Johnny Erling
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Maotai ist ein Zauberwort, das in der Volksrepublik alle Türen öffnen kann. Es hat allerdings den 53-Prozentigen Hirseschnaps auch zum Sinnbild für Korruption gemacht. Der Name steht heute stellvertretend für China, so wie Wodka für Russland, oder Cognac und Whiskey mit Frankreich und Schottland assoziiert wird. Peking scheiterte bisher, sein Nationalgetränk zu globalisieren und zu einer Marke zu machen, mit der die Welt auf Chinas Aufstieg anstoßen soll. Der zur Gruppe der „weißen (klaren) Alkohole“ (白酒) gehörende Maotai kommt im Ausland nicht an. Weder geschmacklich noch vom exorbitanten Preis. Nun soll eine Etikettenänderung helfen nach der Devise: Ein starkes Land hat einen starken Schnaps.

Henry Kissinger, der die Aussöhnung zwischen den USA und China einfädelte, musste beim Besuch seines Präsidenten Richard Nixon 1972 auf dem Pekinger Staatsbankett mit Maotai ( 茅台酒) anstoßen. Er war nicht beeindruckt. Den auf Ex (干杯) getrunkenen Hirseschnaps verglich er in seinen Memoiren mit Flugbenzin: „Alle tranken Maotai, jenes tödliche Gebräu, das wahrscheinlich nur deshalb nicht als Kerosin verwendet wird, weil es sich zu leicht entzündet.“

Wie recht er hatte, zeigte sich nach der Rückkehr der Amerikaner. Als Gastgeschenk brachte Nixon zwei Flaschen nach Washington mit. Um seiner Tochter Tricia zu beweisen, wie hochprozentig Maotai war, füllte er es in eine Schüssel und hielt ein brennendes Streichholz daran. Die Schüssel zersprang. Brennender Schnaps ergoss sich über den Tisch und löste Feueralarm im Weißen Haus aus.

Maotai der Spitzenqualität, den Ausländer noch Anfang der 1980er Jahre für nur zehn Yuan die Halbliter-Flasche im Pekinger Freundschaftskaufhaus (友谊商店) kaufen konnten – heute kostet eine Flasche mindestens 1.499 Yuan (umgerechnet über 190 Euro) – eignet sich nicht nur für Molotow-Cocktails. Reiche Chinesen bunkern jahrzehntealte Originalabfüllungen der 1951 zum Staatskonzern umgewandelten Brennerei in ihrem Tresor.

Werbung für die patriotische Sonderedition, die in nur 1.000 Exemplaren aufgelegt wurde. Zu sehen ist eine 0,75-Liter Flasche Edel-Maotai, eingebaut in ein Modell des ersten chinesischen Flugzeugträgers.
Werbung für die patriotische Sonderedition, die in nur 1.000 Exemplaren aufgelegt wurde. Zu sehen ist eine 0,75-Liter Flasche Edel-Maotai, eingebaut in ein Modell des ersten chinesischen Flugzeugträgers. Der Chef des Staatskonzerns Yuan Renguo sagte: „Wenn unsere Gedenkeditionen die wertvollste Krone unserer Maotais sind, dann ist das Aircraft-Carrier-Modell die Perle in der Krone.“ Yuan wurde Ende September wegen Korruption zu lebenslanger Haft verurteilt.

Als ich Ende 2019 von China nach Deutschland zurückzog, wollte ich sieben Flaschen Maotai mitnehmen, die seit mehr als 20 Jahren in meiner Vorratskammer verstaubten. Der deutsche Zoll würde für die Einfuhr 30 bis 40 Prozent des Marktpreises verlangen, warnte mich der Spediteur. Er riet zum Verkauf. Die Flaschen hatten mir Freunde einst geschenkt. Sie waren unberührt.

Auf der aktuellen Online-Adressenliste im Suchportal Baidu entdeckte ich, dass es in Peking 168 Ankaufsshops für alten Maotai gibt. Ich fragte bei einem nach. Der Besitzer ließ sofort einen Prüfer kommen, der mit Spezial-Messinstrumenten die Porzellanflaschen durchleuchtete, auf ihre Echtheit untersuchte und abwog, wie viel Inhalt durch unsachgemäße Lagerung verdunstet war. Eine Flasche sei gefälscht, in der anderen fehlte ein Drittel des Schnaps. Die fünf übrigen Flaschen kaufte mir der Händler für umgerechnet 6.000 Euro ab.

Maotai ist Kult. Das Staatsunternehmen, „Kweichou-Moutai“ (贵州茅台), sorgt seit seinem Börsengang 1999 für Furore. Die aus Hirse (Sorghum) und Weizen nach Geheimrezept destillierte, fünf Jahre gelagerte Edelsorte verdankt der Mehrfachbrennung ihren Alkoholgehalt und der Nationalisierung seiner drei Ursprungsunternehmen ihren Status als Staatsschnaps. Unter allen „Baijiu“-Varianten ist Maotai die teuerste Marke und ein gesuchtes Sammlerobjekt. Auktionen melden Rekordpreise für alte Jahrgänge. Maotai-Vorläuferschnäpse sind vielfach mehr wert als ihr Gewicht in Gold.

Pekinger Auktionskatalog für Maotai. Seltene, jahrzehntelang unberührte Flaschen kosten mehr als eine Luxuslimousine.
Pekinger Auktionskatalog für Maotai. Seltene, jahrzehntelang unberührte Flaschen kosten mehr als eine Luxuslimousine.

Das hat Maotai auch zum Synonym für Korruption gemacht. Einer, der sich bestens auskannte, war der Parteifunktionär Yuan Renguo. Von 1994 bis 2018 lenkte er die Maotai-Geschäfte, ab 2011 als Präsident und Vorstandschef des Staatskonzerns. 2019 trat er ab und wurde festgenommen. Ende September 2021 verurteilte das Provinzgericht von Guizhou den heute 65-Jährigen zu lebenslanger Haft. Er hätte sich mit Geld und Immobilien im Wert von 112,9 Millionen Yuan (17,48 Millionen US-Dollar) bestechen lassen, verkaufte Maotai-Verkaufslizenzen und Gebietsvertretungen.

Yuan entging nur der Todesstrafe, weil er geständig war und mehr offenlegte, als die Ermittler wussten. 180 beteiligte Angestellte des Konzerns wurden bestraft, ebenso wie 514 Maotai-Konzessionshändler. Mit Yuan stürzte auch der Vizegouverneur der Provinz, Wang Xiaogang. Er wurde zu 20 Jahren Haft und 174 Millionen Yuan Geldstrafe verurteilt. Er hätte Tausende Flaschen Maotai besessen und den Spitznamen „Maotai-Sammler“ getragen. Vier Verwandten beschaffte er Maotai-Dealerships.

Obwohl sich seit Pekings Öffnungspolitik Chinas Alkoholmarkt öffnete, der Konsum von Importweinen, Cognac, Likören oder Whiskey boomt, liebt die Volksrepublik ihren Baijiu über alles. Die klassische Trinkkultur und tradierte Sitte, Bier und Schnaps nur begleitend zum Essen, mit Toasts und Ganbei-Ritualen zu trinken, schlägt sich bis heute im Verhältnis von Schnaps- zum Weinverbrauch nieder. Er liegt bei Eins zu Sieben, stellt ein aktueller Branchenbericht von „German Trade and Invest“ (GTAI) fest. Weltweit würden hingegen beide zu gleichen Teilen getrunken. Die gigantischen Mengen, in denen eine Milliardenbevölkerung heute Alkohol konsumiert, machen Chinas Markt so interessant. Bis 2030 wird der Pro-Kopf-Verbrauch der erwachsenen Bevölkerung die Zehn-Liter-Marke pro Jahr überschreiten und China die USA beim Alkoholkonsum überholt haben.

Neues Wahrzeichen der Region in der Provinz Guizhou, wo Hirse angebaut und daraus der Original-Maotai hergestellt wird, ist ein mehr als 31 Meter hoher Porzellanturm in Form einer Maotaiflasche.
Neues Wahrzeichen der Region in der Provinz Guizhou, wo Hirse angebaut und daraus der Original-Maotai hergestellt wird, ist ein mehr als 31 Meter hoher Porzellanturm in Form einer Maotaiflasche. Es ist nach dem „Guiness Book of Records“ die höchste Werbeskulptur der Welt.

Die Jugend verhält sich anders. 2019 waren mehr als 80 Prozent von Chinas Weintrinkern zwischen 18 und 35 Jahre alt. Eine neue Generation will von den Tischsitten ihrer Eltern oder Großeltern nichts mehr wissen. Sie trinken heute gesellig in Bars, Klubs, Salons oder Zuhause.

Das Städtchen Maotai in Guizhou, wo Chinas legendärer Schnaps gebraut wird, bleibt eine Welt für sich. Als Wahrzeichen für Ankommende aus der 230 Kilometer entfernten Provinzhauptstadt Guiyang hat sie ein mehr als 31 Meter hohes Monument ihrer rot-weißen Porzellanflasche aufstellen lassen. In chinesischer Kalligrafie trägt es einen Titel, den Chinas Kaiser nur extravaganten Bauwerken entlang der Großen Mauer verliehen. Sie nannten sie „Erste unter dem Himmel“.

Weinbrevier als Widerstand: Buchtitel. "Was über Wein in den Briefen von Marx und Engels steht".
Weinbrevier als Widerstand: Buchtitel. „Was über Wein in den Briefen von Marx und Engels steht“.

Die „Erste Flasche unter dem Himmel“ fand als weltweit höchste Werbeskulptur Eingang in das „Guiness Buch der Rekorde“. Doch alle Exportinitiativen, um Maotai zu globalisieren und nicht nur Auslandschinesen, sondern dem Globus schmackhaft zu machen, scheiterten. Nun versucht es Peking mit neuem Namen. Statt der trockenen englischen Kennzeichnung für Maotai als „Chinese distilled spirits“ heißt es seit dem 1. Januar in „China’s 2021 Import and Export Tarif Code“ spritziger: „Chinese Baijiu“ (中国白酒英文名改了). Patriotische Blogger loben die Etikettenänderung. Sie solle das Ausland überzeugen, dass „Chinas Lieblingsschnaps ein Platz unter den weltbekannten alkoholischen Getränken gebührt.“ Zum starken Land gehöre ein starker Schnaps.

Chinesen müssten erst einmal von der Trinkkultur der Welt und Europas lernen, bevor sie andere mit ihren Getränken beglücken, meinte hingegen einst der marxistische Reformer und Universalgelehrte Yu Guangyuan. Er prägte 1987 den Begriff der Weinkultur. Für ihn bedeutete er „Erziehung zur Aufklärung“ und war ein augenzwinkernder Akt seines Widerstands, wie er mir einst in Peking erzählte. Der Philosoph, der Karl Marx in Deutsch lesen konnte, wurde während der Kulturrevolution brutal misshandelt, bevor er Anfang 1971 in die 7. Mai Kaderschule des ZK nach Ningxia geschickt wurde. Dort musste er weitere drei Jahre Reis pflanzen und Schweine hüten. Seine ungebildeten Peiniger erlaubten ihm aber zur Umerziehung abends die Werke von Mao, Marx und Engels zu studieren.

Yu wohnte mit einem einfachen Funktionär zusammen, der gerne Wein trank. Er schlug ihm vor, alle Äußerungen über Wein zu exzerpieren, die sich im Briefwechsel von Marx und Engels versteckten. Dann könnten sie sich auf sie berufen, wenn sie Wein trinken wollten. Allabendlich schrieb Yu auf mehr als 100 Karteikarten auf, was Marx und Engels sich über Wein schrieben und nähte die Seiten zu einem Manuskript mit Nadel und Faden zusammen. Sein Hintergedanke war, Chinas orthodoxen, humorlosen Ideologen den Spiegel vorzuhalten, die neben Mao auch Marx und Engels zu ideologischen Übermenschen verklärten. Yu hielt mit seinem Traktat dagegen. Beide seien „normale Leute mit menschlichen Zügen, die Wein tranken und fröhlich sein konnten.“

Das Manuskript ging verloren. Nach Yus Rehabilitierung rekonstruierte er es und veröffentlichte mehr als 150 Seiten annotierte Äußerungen von Marx und Engels über Wein. Es war für ihn zugleich eine „Erinnerung an verzweifelte Zeiten“.

Ost und West sind sich in ihrem Urteil über Maotai uneins. Während Chinesen vom „flüssigen Gold“ schwärmen, prägte der legendäre CBS-Korrespondent Dan Rather ein westliches Bonmots. Er begleitete 1972 Präsident Nixon, trank Maotai auf Ex und kommentierte danach trocken: Er schmecke wie „flüssige Rasierklingen.“

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