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Lang lebe Chinas Großer Panda – 大熊猫万岁

Von Johnny Erling
Ein Bild von Johnny Erling

Chinas Panda, seit 1961 Wappentier des weltgrößten Naturschutzbundes „World Wide Fund for Nature“ (WWF), ist nicht mehr vom Aussterben bedroht. Nach Pekinger Zahlen vermehren sich die Schwarz-Weiß-Bären immer rascher. Aktuell leben in freier Wildbahn und als Nachzuchten fast 2.500 Exemplare, genug zur Erhaltung der Gattung. Die Volksrepublik punktet nun mit seinem Überleben kurz vor dem Start der UN-Artenschutzkonferenz COP 15 in Kunming. Ohnehin ist der Panda Chinas perfekter Imageträger.

Panda-Hassern geht er deshalb tierisch auf die Nerven. Unzählige bekennen sich dagegen als Panda-Lover. Andere, die alles unterstützen, was Peking gerade macht, nennt man Panda-Hugger. Einst gab es die Panda-Jäger. Die aber sind tatsächlich ausgestorben. Sogar Söhne eines US-Präsidenten waren darunter.

Pat Nixon besuchte am zweiten Tag der historischen China-Reise ihres Mannes und US-Präsidenten Richard Nixon das Pandagehege im Pekinger Zoo. Es war der 22. Februar 1972. Sie verfiel völlig dem Charme der schwarz-weißen Riesenbären und kaufte jede Menge Panda-Spielzeug als Mitbringsel für zuhause ein. Premier Zhou Enlai wurde darüber informiert. Peking hatte heimlich längst geplant, den Nixons zwei echte Bären zum Staatsgeschenk zu machen. Nun ließ Zhou es die First Lady auf besondere Weise wissen

Während des Abschiedsbanketts bot er ihr eine Zigaretten-Packung „Panda“ an, die Lieblingsmarke Maos. Sie rauche nicht, lehnte sie verwundert ab, schilderte der USA-Abteilungsleiter im Außenministerium, Ding Yanhong, später die Szene. Unbeirrt deutete Zhou auf das Werbelogo der Schachtel mit dem Bild zweier Pandas. „Aber diese Bären mögen Sie doch haben?“ Frau Nixon verstand. Nach dem Bankett sagte sie ihrem Mann. „Stell Dir vor: Sie wollen uns zwei Pandas schenken.“

Panda Fu Bao Österreich China
Auch alle in ausländischen Zoos nachgezüchteten Pandas müssen zur Erhaltung der Gattung wieder nach China zurückgeschickt werden. Im Naturreservat Dujiangyan in Sichuan lebt seit 2017 der in Österreich geborene Panda Fu Bao und vermisst den Wiener Zoo offenbar nicht.

Sieben Wochen später, am 16. April 1972, traf das Bärenpaar, Lingling und Xingxing im Washingtoner Zoo ein. Es waren die ersten Pandas, die die Volksrepublik einem westlichen Land schenkte. Zur ihrer Begrüßung jubelten neben dem Präsidentenpaar 8.000 US-Bürger den Ankömmlingen zu. Von da an hypten die USA den schwarz-weißen Bären. Heute leben 61 Pandas außerhalb Chinas in 18 Ländern als Leihgaben. Elf davon sind in vier Zoos der USA untergebracht.

„Teddy“ Roosevelts Söhne jagten Riesenpandas

Lange vor den Nixons hatte eine US-Präsidentenfamilie eine ganz andere Geschichte geschrieben. Die Safarijäger Theodore und Kermit Roosevelt, Söhne des von 1901 bis 1908 regierenden US-Präsidenten Theodor (Teddy) Roosevelt, brüsteten sich, als erste Ausländer am 13. April 1929 einen Riesenpanda im Kreis Mianning (Sichuan) erlegt zu haben. Im Auftrag des Chicago Field-Museums für Naturgeschichte lauerten sie einem ausgewachsenen Panda auf. Sie schossen angeblich gleichzeitig auf den Riesenbären, um sich den damals noch unzweifelhaften Ruhm zu teilen.

In ihrem Ende 1929 erschienenen Buch „Jagd auf den Riesenpanda“ (Trailing the Giant Panda) posieren sie über ihrer Trophäe auf einem ganzseitigen Foto. Als ich Tierforscher in der Chengdu-Pandastation danach fragte, sagten sie: „Wir sprechen nicht gern darüber. Erst 1939 stellte China den Panda unter Schutz. Der damalige Vorfall mag aber mit ein Grund sein, warum so viele US-Bürger uns heute helfen, den Panda vor dem Aussterben zu retten.“

Theordore und Kermit Rossevelt Panda
Zwei Söhne des ausgerechnet „Bärchen“ gerufenen US-Präsidenten Theodor (Teddy) Roosevelt, waren Großwildjäger und die ersten Ausländer, die im April 1929 in Sichuan einen Riesenpanda als ihre Trophäe erlegten und mit ihm posierten.

Die Bemühungen haben sich gelohnt. Entwarnung für das Überleben der Gattung gibt die Zeitschrift „National Geographic“ in ihrer Septemberausgabe. Sie stützt sich auf Angaben des Naturschutzbeamten Cui Shuhong aus dem Ministerium für Ökologie und Umwelt. Vergangenen Juli bestätigte er erstmals öffentlich, dass Peking den „Status des wilden Riesenpanda“ offiziell von „gefährdet“ in „verletzlich“ heruntergestuft hat.

Expeditionskarte Roosevelt Panda
Ausriss aus der Expeditionskarte der Söhne des US-Präsidenten Theodor Roosevelt, die als Großwildjäger am 13. April 1929 in Sichuan einen Riesenpanda schossen.

Zugrunde liegen Zahlen aus Chinas alle zehn Jahre organisierten nationalen Pandazählungen. Der erste Zensus in den 1980er Jahren löste mit nur noch 1.114 gezählten Bären weltweiten Alarm aus. Doch Peking konnte nach dem vierten Pandazensus 2013 aufatmen. 200 Wildhüter und Ökologen hatten drei Jahre lang 66 Naturreservate und Bergwälder in den Provinzen Sichuan, Gansu und Shaanxi durchkämmt. Sie entdeckten wieder 1.864 Pandas in freier Wildbahn. Hinzu kommen 633 Bären, die bis Anfang 2021 in den Zoos und Tierschutz-Stationen nachgezüchtet wurden.

Der heutige Pandabestand reicht aus, die genetische Vielfalt und das Überleben der Bären zu garantieren. Von dem nun für 2022 geplanten fünften Zensus erhofft sich Peking weitere Zahlenrekorde. Dafür hat man die Flächen seiner Naturreservate ausweiten lassen. Auch erwies sich der Bambus, der 90 Prozent der Ernährung von Pandas ausmacht, als widerstandsfähig gegen Klima- und Umwelteinflüsse.

Anerkannte Naturschutzverbände wie die „International Union for Conservation of Nature“ hatten schon 2016 den Panda auf ihrer „Roten Liste“ als nicht mehr überlebensgefährdet herabgestuft. Chinas Behörden aber nannten das „übereilte Schlussfolgerungen, die die Anstrengungen zum Schutz des Pandas nur gefährden würden.“

Pandadiplomatie seit Kaiserin Wu Zetian

Fünf Jahre später passt die Entwarnung besser ins Pekinger Kalkül. Im Vorfeld der kommenden UN-Artenschutzkonferenz COP 15 posaunte Xinhua am 9. Juli stolz in Englisch aus, dass dank Chinas Mühen Pandas nicht mehr gefährdet sind: „Finally Some Good News!“ Peking trumpft auf. Es ist Gastgeber des UN-Treffens, das am 11. Oktober in Kunming startet – wegen der Covid-19 Pandemie allerdings nur mit Online-Begrüßungsreden.

Die Bären entpuppten sich immer schon als Imagebotschafter für Chinas „Softpower“-Politik, fand eine Studie der Oxford Universität heraus, die die Absichten hinter Chinas Panda-Ausfuhren an internationale Zoos untersuchte.

Nur zehn Jahre lang verschenkte Pekings Führung Pandas als Staatsgabe. Die USA waren 1972 der erste Empfänger. Obwohl Mao schon 1957 den Zoos in der Sowjetunion und 1965 in Nordkorea Bären schickte, kam erst seit der Nixon-Reise der Begriff der Panda-Diplomatie auf. Bis 1982 erhielten Staatschefs aus neun Ländern, darunter auch Deutschland, Panda-Pärchen als Staatspräsente. 

Die Volksrepublik belebte nur eine uralte Tradition. Nach kaiserlichen Aufzeichnungen ließ Tang-Kaiserin Wu Zetian am 22. Oktober 685 dem damaligen japanischen Kaiser Tenmu ein Pandapaar nebst 70 Fellen zum Geschenk machen. Sogar die Uhrzeit wurde notiert. Um zehn Uhr vormittags verließen die Tiere in zwei Käfigen die damalige Hauptstadt Changan (Xi’an) und wurden über Yangzhou mit dem Schiff nach Japan transportiert. Von 685 bis 1982 wurden von China insgesamt 40 Pandas verschenkt.

Seit 1982 dürfen ausländische Zoos Pandabären nur noch auf Grundlage langfristiger Leihverträge erhalten. Peking hat sich zur zweckgebundenen Nutzung der Leihgebühren verpflichtet. 60 Prozent dienen dem Schutz der Naturreservate, 40 Prozent kommen der Panda-Forschung zugute.

Die ökologische Debatte hinterlässt Spuren. Vor dem Panda-Freigehege in Chengdu warnt ein Plakat vor dem zerstörerischen Umgang des Menschen mit der Natur. Es stammt von Friedrich Engels, dem Kampfgefährten von Karl Marx. In seinem Traktat über den „Anteil der Arbeit an der Menschwerdung des Affen“ schreibt Engels: „Schmeicheln wir uns indes nicht zu sehr mit unseren menschlichen Siegen über die Natur. Für jeden solcher Siege rächt sie sich an uns.“ Auf Marx und Engels sollen Chinesen ja bekanntlich hören.

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